Ausdruck von: http://www.texterella.de/mode-text.php/lifestyle/comments/hass-im-netz.-es-kann-jeden-treffen
Montag, 13. November 2017 um 06:00 Uhr

Hass im Netz. Es kann jeden treffen.

Liebes Internet, was ist eigentlich los mit dir?

Als ich dich kennenlernte, und das ist schon fast zwanzig Jahre her, hast du mein Herz ganz warm und froh gemacht. Weil es so schön war mit dir, und so bereichernd. In Foren und über Mailinglisten lernte ich Menschen kennen, die ich ohne dich nie getroffen hätte – mit manchen bin ich bis heute befreundet. Sicher, auch damals gab es schon „Trolls“, denen man keine Beachtung schenkte. Weil: „Don’t feed the trolls!“ – so lautete die Ansage.

Irgendwann schlug die Stimmung dann um. Zunächst bei politischen Themen, auf Facebook oder in den Kommentarspalten von Nachrichtenmedien. Tonlage und Wortwahl landeten auf untersten Niveaus. Diskussionen wurden zu den reinsten Kriegen, in denen der Gegner geschlagen werden musste – mit welchem Mittel auch immer. Hass machte sich breit. Wer einmal auf den Facebook-Seiten von Focus, Bild, RTL und anderen Medien unterwegs war, weiß wovon ich spreche. Das pure Grauen. Umso mehr Wertschätzung gebührt Menschen, die sich tagtäglich gegen Hatespeech einsetzen.

Und nun ist also die Mode dran. MODE! Nicht die große Politik und der Weltfrieden – nein: Mode! Die schönen Dinge also, die eigentlich nur Spaß machen sollen und Freude. Ja, auch hier wird mittlerweile gehatet, was das Zeug hält. Da sind natürlich diese schrecklichen Influencer (ja, ich finde das Wort auch furchtbar, aber das ist kein Grund für Hass-Kommentare!), die nichts können, nie arbeiten, den ganzen Tag nur Schampus trinken und viel Geld mit Selfies verdienen. Masha Sedgewick hat darüber kürzlich gebloggt und dem habe ich nichts hinzuzufügen. (Doch, etwas: Selbst wenn Influencer nicht arbeiten würden, rechtfertigte das nicht diesen Hass!)

Ich war fassungslos ...

Selbstverständlich wird auch in Blogs ordentlich gestänkert – anonym natürlich und mit gefakter Mail-Adresse: „Schon wieder Werbung? Muss das denn sein? Kannst du uns den tollen und unbezahlten Content, den du seit Jahren mehrmals wöchentlich bietest, nicht einfach ohne Bezahl-Werbung liefern? Du olle Werbetante!“ Das sind dann tatsächlich die einzigen Kommentare, die ich lösche. Rigoros.

Den Höhepunkt des Blogger-Hasses erlebte ich aber kürzlich auf Facebook: Eine Plussize-Bloggerin präsentierte ein Outfit, das tatsächlich ein wenig gewagt war: Die Farben waren wunderschön, aber ungewöhnlich in ihrer Zusammenstellung, und auch der Look zielte ganz bewusst nicht darauf ab, Kilos wegzumogeln. Ich mochte das Outfit, es war ein wenig mutig – warum sollten wir Curvys uns auch immer in dunkelblauen Tuniken verstecken? Und schon waren sie da, die Hyänen: Ob die Bloggerin eigentlich keine Augen im Kopf habe? Ob sie bei der Auswahl ihres Outfits vielleicht besoffen gewesen wäre? Augenkrebs, Quasimodo, Glöckner von Notre Dame, Voll-Katastrophe ... die Kommentatorinnen scheute vor keiner Beleidigung zurück. Ich war fassungslos, wie viel Gülle sich hier ergoss. Es ging um Klamotten wohlgemerkt.

... wie viel Hass sich hier ergoss!

Immer häufiger stelle ich fest, dass hinter dem Deckmäntelchen von Anonymität alle Hemmungen fallen. Dass wüste Beschimpfungen den Platz von Kritik eingenommen haben und dass Menschen offenbar immer häufiger vergessen, dass hinter all den Bits und Bytes doch letztlich ein Mensch steht. Der diese Kommentare liest und irgendwie damit zurechtkommen muss (oder auch nicht). Es ist wie ein Dammbruch, eine Welle des Hasses – fängt eine(r) mit Haten an, ziehen andere mit.

Schon lange habe ich mich vom früheren Netz-Mantra „Don’t feed the trolls!“ verabschiedet und halte jetzt konsequent dagegen. Bei politischen Thema genauso wie bei Mode und Bloggern. Ich will kein Part eines Internets sein, in dem Häme, Hetze und Hass regieren. In dem Stammtisch-Exzesse eine vernünftige Diskussion unmöglich machen. Nichts, gar nichts rechtfertigt Hasskommentare.

Schau nicht weg!

Meine Bitte an dich: Schau nicht weg, wenn dir Hass im Netz begegnet. Misch dich ein und stell dich aktiv gegen den Hass. Und ja, ich weiß, das kostet Mut. Aber wenn ich das kann, kannst du es auch.

Liebes Internet, ich hab dich immer noch lieb, auch wenn du oft so böse, aggressiv und hasserfüllt bist. Ich hoffe von Herzen, dass wir das wieder hinkriegen. Was ich weiß und was mir wichtig ist: Wir sind nicht ausgeliefert. Wir können etwas gegen den Hass tun: Einmischen. Und nicht schweigen.

***

Texterella per Mail abonnieren? Hier geht’s zu meinem Mail-Verteiler!  Nicht vergessen, dass du die Anmeldung noch durch einen Klick bestätigen musst!


Montag, 13. November 2017 um 06:00 Uhr