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Texterella im Gespräch.

Ist ein plastikfreies Leben möglich? Ja! Weltverbesserin Sylvia Schaab verrät, wie es funktioniert.

Umweltschutz bzw. der Schutz unserer Welt für meine Kinder und weitere Generationen ist ein großes Thema für mich. Zumindest ... theoretisch, wenn ich ehrlich bin. Denn de facto lebe ich nicht so umweltfreundlich, wie ich sollte. Und eigentlich will. Sicher, wir beziehen eine Ökokiste mit regionalem Inhalt, auch sonst kaufe ich möglichst Bio-Produkte, ich koche selber und mit wenig Fleisch. Auf dem Hausdach haben wir Sonnenkollektoren, wir heizen mit Pellets und haben uns beim Hausbau für einen energiesparenden Ziegel entschieden. In Deutschland fahre ich bevorzugt mit dem Zug und sicher sind da noch ein paar andere umweltschonende Sachen ... so weit, so gut – aber doch viel zu wenig. 

Eine, die in Sachen Umweltschutz deutlich konsequenter ist, und das schon seit Jahren, ist meine Kollegin Sylvia Schaab. Sie ist lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie ein Leben (nahezu) ohne Plastik. Und das geht! Wie – dazu habe ich sie in diesem Interview befragt:

Liebe Sylvia, seit wann lebst du ohne Plastik und wie kam es dazu?

Als ich 2015 meinen Sohn bei seinen Hausaufgaben über das Recyclingsystem abfragte, hatte ich einen Aha-Effekt. Ich blickte auf unseren Plastikmüll-Eimer. Schon seit langem ärgerte ich mich über die schier unglaublichen Mengen an Plastikmüll. Außerdem hatte ich gerade einen Artikel über den ersten Unverpackt-Laden in Kiel gelesen. Da dachte ich, das muss doch auch anders gehen. Also fing ich an, nach Alternativen zu suchen.

Ihr seid eine fünfköpfige Familie. Da wird ja doch einiges an Lebensmitteln eingekauft. Wie muss ich mir das bei euch konkret vorstellen?

Wir bereiten unser Essen hauptsächlich aus frischen, unverarbeiteten Zutaten zu. Grundnahrungsmittel wie Reis, Nudeln oder Getreide kaufen wir auf Vorrat ein. Wir sind Mitglied der örtlichen Solidarischen Landwirtschaft und bekommen jede Woche einen großen Berg an saisonalem Gemüse, das wir erst einmal verkochen müssen. Obst kommt von der Rolllenden Gemüsekiste. 

Milch holen wir in größeren Mengen bei einer Milchabfüllstation. Joghurt machen wir selbst oder holen es im Pfandglas. Mit Marmelade wird es dann zum leckeren Fruchtjoghurt. Überhaupt machen wir viel selbst, etwa Müsli, Toastbrot oder Kekse. Wir kaufen keine Süßigkeiten im Supermarkt. Nur Schokolade gibt es bei uns und die gibt es auch im Unverpackt-Laden. Dafür backen wir eben Kuchen oder holen auch mal was Süßes vom Bäcker. Selbst die Kinder vermissen auf diese Weise nichts.

Käse, Wurst und Fleisch kaufen wir meist beim Hofladen oder an der Frischetheke im Supermarkt. Dort bekommen wir es in unsere eigenen Dosen gepackt. Das ist praktisch, weil man so genau die Menge kauft, die man auch verbraucht und nichts wegschmeißen muss.

Insgesamt kaufen wir nicht nur plastikfreier, sondern auch nachhaltiger ein: saisonales Obst und Gemüse, Wurst, Fleisch und Eier aus der Region. Der nächste Hofladen, der eigene Eier und Fleisch verkauft, ist zwei Kilometer entfernt. Da sind wir schnell mit dem Fahrrad hingefahren. Natürlich gibt es auch mal Kiwis, Orangen oder eine Avocado. Aber dann eben in Bioqualität oder direkt von Orangenbauern. 

Hand aufs Herz: Ist der Verzicht auf Plastik nicht teuer?

Unterm Strich braucht man nicht mehr Geld als vorher, eher weniger! Teure Lebensmittel wie Fertigprodukte, Süßigkeiten oder Obst und Gemüse außerhalb der Saison sowie Reinigungsmittel fallen weg. Dafür darf das Essen in Bioqualität dann auch mehr kosten. Das schmeckt dann auch besser! 

Außerdem kaufe ich lieber in lokalen Läden. So weiß ich, wen ich mit meinem Einkauf unterstütze. Es ist nicht der große auf Gewinnmaximierung getrimmte Konzern, sondern eben der kleine Einzelhändler ums Eck, der damit seine Familie ernährt.

Mehl, Gemüse oder Fleisch plastikfrei einzukaufen, kann ich mir vorstellen. Aber wie sieht es mit Kosmetika aus – Lippenstift, Puder, Wimperntusche?

Auch da gibt es mittlerweile Hersteller, die sich bemühen, die Verpackungen zu ändern: Es gibt Lippenstifte, die wieder in Hüllen gesetzt werden können (zum Beispiel hier), Lippenbalsam aus der Dose (zum Beispiel hier), einen Lid-Schatten-Stift (wie hier), Foundation im Glas (beispielsweise hier) oder wiederauffüllbaren Puder (etwa hier). Grundsätzlich sollte man bei Pflegeprodukten und Kosmetik auf Naturprodukte wie beispielsweise von Martina Gebhardt setzen, die auch in Glastiegeln verkauft wird. Plus: Naturkosmetik kommt ganz ohne Mikroplastik aus.

Wer ganz sicher gehen will, kann sich seine Kosmetik auch selbst mischen. Zutaten und Anleitungen gibt es beispielsweise bei Spinnrad. Viele Tipps und Rezepte auch bei der Online-Plattforum Smarticular.

Ist Zero Waste eine Utopie? Oder werden wir irgendwann tatsächlich keine Müllabfuhr mehr brauchen?

Das ist eine schöne Vorstellung! Wie bei so vielen Aspekten eines plastikfreieren Lebens, wäre das ein Schritt zu mehr Natürlichkeit. Früher hatten die Menschen tatsächlich keinen Müll. Organisches landete auf dem Kompost. Alles andere wurde so lange genutzt, bis es kaputt war und nicht mehr repariert werden konnte. Entweder wurde es verheizt und spendete dann Wärme oder für etwas anderes genutzt. Alte Kleider wurden beispielsweise zu Putzlappen. 

Vieles, das heute im Restmüll landet, könnte aber noch recycelt werden. Dazu müssten allerdings die Produkte und die Verpackungen so designt und hergestellt werden, dass das funktioniert. Ideen und Ansätze für so eine Kreislaufwirtschaft gibt es bereits mit dem Prinzip von CradletoCradle. Dabei werden alle Produkte mithilfe von erneuerbaren Energien aus umweltverträglichen Materialien so hergestellt, dass alle Inhaltsstoffe wieder verwendet werden können.

Dennoch: Der beste Müll ist der, der gar nicht erst entsteht! Daher liegt es an jedem von uns, Müll zu vermeiden. Das heißt nicht nur, verpackungsfrei einzukaufen, sondern bewusst nur das zu kaufen, das wir wirklich brauchen. Geht etwas kaputt oder brauchen wir es nicht mehr, wie zum Beispiel Kindersachen, sollten wir es weitergeben oder als Wertstoff wieder in den Kreislauf zu geben – sei es als Kompost oder als technischer Rohstoff. Dazu müssen wir schon beim Kauf zu Materialien greifen, die diese Voraussetzungen erfüllen. Wir als Konsumenten können die Hersteller mit unserer Kaufentscheidung und mit Fragen nach der Nachhaltigkeit ihrer Produkte zu einem Umdenken bewegen. 

Eine Müllabfuhr in dem Sinne werden wir also hoffentlich irgendwann nicht mehr brauchen – stattdessen aber eine Wertstoff-Abfuhr. 

Was würdest du Menschen raten, die weniger Plastikmüll produzieren wollen? Was sind die ersten Schritte?

Als erstes sollte man sich bewusst machen, was alles aus Plastik im Einkaufskorb landet und dann nach alternativen Verpackungen wie Papier und Glas Ausschau halten. Viele Produkte gibt es auch unverpackt oder mit wenig Verpackung in Fach- und Spezialläden für Feinkost, Käse oder Fleisch sowie für Kaffee oder Tee. Zudem kann man viele Fertigprodukte auch einfach selber machen und damit Verpackung vermeiden. 

Mit den folgenden Schritten kann man Plastikmüll auf jeden Fall deutlich reduzieren:

1. Stofftasche immer in die Handtasche stecken

2. Getränke, Milch und Joghurt nur in Pfandflaschen aus Glas kaufen

3. (Stoff)Säckchen für loses Obst & Gemüse mitnehmen

4. Wurst und Käse in eigene Dose packen lassen

5. Für unterwegs Leitungswasser in Glas- oder Edelstahlflasche füllen

6. Seife am Stück statt Duschgel & Shampoo

7. Einweg-Geschirr, Plastikstrohalme und eingepackte Give-aways ablehnen

Am wichtigsten aber ist es, sich nicht zu überfordern, nicht alles auf einmal zu versuchen oder perfekt sein zu wollen. Es braucht einfach Zeit, bis sich neue Gewohnheiten eingeschliffen haben. Es ist definitiv besser, jeder spart im Rahmen seiner Möglichkeiten – und sei es nur ein bisschen – Plastik ein, statt frustriert wieder aufzugeben. Die bald beginnende Fastenzeit ist jedenfalls ein guter Anfang, sich bewusst gegen Plastik zu entscheiden –und sich beim Einkaufen zu fragen, ob man das jeweilige Produkt wirklich braucht. 

Liebe Sylvia, vielen Dank für deine Zeit! Und danke für diesen pragmatischen Ansatz, der mir Mut zu einem plastikfreieren Leben macht.

Zur Person: Sylvia Schaab ist Journalistin, Expertin für plastikfreies Leben und Weltbesserin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern seit mehr als vier Jahren nahezu plastikfrei. Darüber bloggt sie auf „Grüner wird’s (n)immer" – und hat ein Buch geschrieben, das Ende Mai im Goldmann Verlag erscheint: „Es geht auch ohne Plastik: Die 30-Tage-Challenge für die ganze Familie!“. Sylvia engagiert sich für umweltpolitische Themen, hält Vorträge und gibt Workshops darüber, wie man nachhaltig leben und konsumieren kann. Sie ist Mitbegründerin des Forums „Plastikfreies Augsburg – Wege in ein nachhaltiges und ressourcenschonendes Leben“, das im November 2018 den Zukunftspreis der Stadt Augsburg gewonnen hat. 

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1588 5 Texterella im Gespräch. , 50+ Lifestyle 15.02.2019   zero waste, umweltschutz, umwelt, texterella im gespräch, plastikfreies leben, bio

5 Kommentare

  • Susanne D.
    am Samstag, 16. Februar 2019 um 12:06 Uhr

    , Gartenabfälle kompostieren, Filteranlage an der Hauptwasserleitung= keine Wasserflaschen, zum putzen so wenig wie möglich chemische Mittel,= Essig und Natron und Schmierseife , Kaffeesatz wird mit etwas Öl zum Peeling oder ebenso wie Teeabfall zum Blumendünger, ausrangierte Kleidung wird weitergegeben,,Heizkörper auf 2 , keine Pestizide und Kunstdünger,Brunnen für die Gartenbewässerung ect. Sonniges frohes Wochenende

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  • Claudia Braunstein
    am Samstag, 16. Februar 2019 um 12:03 Uhr

    Liebe Susi, schön, dass du dich diesem so wichtigen Thema annimmst.  aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Plastikmüllvermeidung im Alltag oft an Grenzen stößt. In Österreich beginnt man seit gut einem Jahr wieder hochwertige Milch und Joghurts in Glas abzufüllen. Der Haken daran, das sind keine Pfandbehälter. Der ökologische Aufwand ist somit wesentlich höher als bei Kunststoffbehältern für diese Produkte. Im innerstädtischen Bereich ist es auch schwierig frische Milchprodukte ab Hof zu erhalten, nein eigentlich unmöglich. Trotzdem ist es wichtig, wenigstens bei den einfachsten dingen an Verpackung zu sparen, Obst und Gemüse zum Beispiel. Ich kaufe das bei uns am Markt. Und lege keinen Wert mehr auf die Bezeichnung bio, weil die oft teuer erkauft werden muss und viele kleine Bauern zwar biologisch arbeiten, aber sich das Biozertifikat nicht leisten können. Am besten fährt man regional und saisonal, gelingt eh nicht immer.  Und darüber reden, reden, reden! Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

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  • Brigitte Adam
    am Samstag, 16. Februar 2019 um 10:28 Uhr

    Es ist meist eine Sache der Umgewöhnung von vorhandenen Mustern. Schon die Bewusstseinsmachung ist wichtig, dann kann man ja mit einzelnen Schritten vorgehen. Schöner Impuls, mir auch den nächsten Schritt vorzunehmen.
    In diesem Sinne wünsche ich allen ein bewusstes und genussvolles Wochenende

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  • Elke Fischer
    am Samstag, 16. Februar 2019 um 09:50 Uhr

    Danke hierfür, virle Tipps, die man gut und einfach umsetzen kann!

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  • Tina
    am Freitag, 15. Februar 2019 um 15:31 Uhr

    Schon beim make up kann man extrem viel Gutes tun. Bitte kauft kein make up aus China. Mir tun immer die Tiere so leid.

    Liebe Grüße
    Tina von Wimpernverlängerung Salzburg

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