Texterella hat eine Meinung.
Selbstbestimmung zum Anziehen: Warum Mode feministisch ist
Als ich vor 17 Jahren mit Texterella startete, war es mir fast ein bisschen peinlich, wenn Kolleginnen mich darauf ansprachen. Ein Fashion-Blog! War Mode nicht ein schrecklich oberflächliches Thema? Könnte ich mir meine Zeit nicht mit etwas … Relevanterem vertreiben? Nicht nur einmal habe ich es erlebt, dass Freundinnen, Bekannte, Kolleginnen die Augenbrauen hochzogen, wenn ich dann doch davon erzählte. Und bis heute erinnere ich mich an den Satz, den ich einmal in Facebook-Kommentaren zu Texterella las: „Achso, das ist ja nur ein Modeblog …“ Nur ein Modeblog. Die Kränkung saß tief, und es schmerzt immer noch.

Mein Selbstbewusstsein als Modebloggerin musste ich mir also tatsächlich erst erarbeiten. Und immer noch gibt es Momente, in denen ich das Gefühl habe, mich dafür entschuldigen zu müssen, dass ich in erster Linie über Mode schreibe … obwohl mir inzwischen klar ist, dass Mode keineswegs nur seicht und oberflächlich ist, sondern ein relevantes und durchaus politisches Thema. Das beginnt bei den offensichtlichen Fragen von Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung über Arbeitsbedingungen in Kleiderfabriken in Südostasien bis hin zur Entsorgung irgendwo in Afrika. Auch die Entscheidung von H&M, Plussize-Mode nicht mehr in Geschäften, sondern nur noch online anzubieten, ist gesellschaftspolitisch relevant, ebenso die Auswahl, die wir KonsumentInnen beim Kleiderkauf treffen. Mode ist auch deshalb politisch, weil Kleidung seit jeher gesellschaftliche Rollen, Machtverhältnisse und Normen sichtbar macht. Bei Frauen ist es immer noch und immer wieder ein Thema, was sie tragen „dürfen“, was als angemessen gilt (oder eben nicht), welchen Idealen wir überhaupt entsprechen sollen und welche Dresscodes in Wirtschaft und Politik gelten (während bei Männern über ihre Kleiderwahl und ihr Aussehen sehr viel seltener gesprochen wird …).
Und wenn wir älter werden? Da sollten wir uns – nicht nur bei unserer Kleidung! – besser etwas zurücknehmen und lieber dezent als auffällig unterwegs sein. Wo kämen wir auch hin, wenn Frauen über 50 sich sichtbar machen und dieselbe Präsenz in Wirtschaft, Politik und Kultur einfordern würden, die Männer mit 50, 60 und älter ganz selbstverständlich noch innehaben!

Und genau das macht Mode zu einem feministischen Thema.
Oha? Wirklich? Ja, absolut. Die eine oder andere Leserin mag mich jetzt für überspannt halten – aber ich bin tatsächlich der Meinung, dass Mode feministisch ist (oder zumindest sein kann):
Was Mode feministisch macht:
Selbstbestimmung
Eines der Kernthemen von Feminismus ist Autonomie: Frauen entscheiden selbst über ihr Leben, ihren Körper – und über ihr Aussehen. Ob eine Frau – ganz gleich in welchem Alter – Sneakers, High Heels, Skinny Jeans, einen Minirock oder einen pinken Anzug tragen möchte, ist Ausdruck genau dieser Selbstbestimmung. Mode ist damit viel mehr als Kleidung, die wir anziehen, um nicht nackt auf die Straße gehen zu müssen – sie steht jeden Tag für unsere Freiheit, Autonomie, eigenen Willen und Identität.
Sichtbarkeit
Gesellschaftlich beobachten wir derzeit Strömungen, die Frauen wieder stärker in den Hintergrund drängen wollen (wir hatten es davon erst am letzten Sonntag). Das gilt umso mehr für Frauen ab 50.
Mode kann uns helfen, sichtbar zu bleiben und nicht aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden – und sie verändert außerdem spürbar das Bild davon, wie weibliches Älterwerden aussieht. Es gibt heute definitiv mehr stilbewusste und modemutige Frauen über 50 als zu Zeiten unserer Mütter und Großmütter – und sie werden wahrgenommen. Ältere und alte Frauen, die sichtbar sind und bleiben, machen wiederum gesellschaftspolitisch einen Unterschied.



Identität
Kleidung erzählt immer etwas über Persönlichkeit, Stimmung und Haltung der Frau, die sie trägt. Dass Frauen (nicht nur) in Afghanistan Burkas tragen müssen, die vom Scheitel bis zu den Zehen reichen und nur kleine Augenschlitze freilassen, beraubt sie ganz bewusst ihrer Individualität und ihrer Identität.
Wie schön und wie bereichernd, dass wir Frauen hier im Westen unsere Kleidung frei wählen können! Für mich bedeutet das aber auch: Lasst uns Mode nutzen, um unsere Persönlichkeit zu zeigen und uns einzigartig zu machen! Lasst die Welt sehen, wie vielfältig wir Frauen sind!
Teilhabe
Die Modebranche war über viele Jahrzehnte eine männlich geprägte Domäne: Männer entwarfen die Looks, die Frauen auf Laufstegen vorführten, kauften und ausführten. Das bedeutete: Damenbekleidung wurde überwiegend von männlichen Vorstellungen und Wünschen geprägt – man denke nur an die Wespentaille, die schon seit Jahrhunderten die Männerwelt entzückte (und Frauen hilflos in Ohnmacht fallen ließ) und in den Fünfzigerjahren von Christian Dior wiederbelebt wurde.
Heute hingegen bestimmen auch Designerinnen, Modeunternehmerinnen und weibliche Kreative Trends und nehmen so ganz konkreten Einfluss auf unsere Lebensrealität. Dass Mode heute so viel bunter und vielfältiger ist als in den 50er, 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, liegt nicht nur, aber auch daran, dass mehr Frauen Mode entwerfen – wohl wissend, dass wir Frauen ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben und dass es nicht den einen Look gibt, der allen steht.

Im Grunde ist es doch so: Feminismus bedeutet Wahlfreiheit. Wir Frauen entscheiden selbst, wie wir unser Leben gestalten wollen. Dasselbe gilt – im besten Fall – für Mode: Wir Frauen entscheiden, was wir anziehen wollen. Das Ziel ist also dasselbe. Mehr noch: Ich finde, Feminismus und Mode können sich gegenseitig bereichern.
Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?
Und überhaupt: Wie findest du meinen pinken Nadelstreifenanzug? :-) Ich finde den ja super genial.
Look:
Pinker Nadelstreifen-Anzug: Blazer und Hose (gibt es übrigens auch in Beige und in Hellgrau und ja, leider ist die pinke gerade schon wieder ausverkauft. Kommt aber wieder!) Diesen rosa Blazer finde ich übrigens auch sehr cool – toller Schnitt!
Pumps: Vintage/gebraucht gekauft von Sergio Rossi (hier habe ich euch die Schuhe schon mal gezeigt). Diese Pumps sind eine gute Alternative.
Hemd: (altes) Oversize-Hemd von H&M (daran, dass das Hemd am Hals zu weit sein könnte, um es mit Krawatte zu tragen, habe ich leider nicht gedacht … ;-)) Das ist eine Alternative.
Krawatte: von meinem Mann ausgeborgt
Ohrringe: & other Stories
Mehr Mode gibt es wie immer hier und da. (Diesen Look mag ich aktuell besonders und der Satinrock ist wirklich der Knaller – quasi unknitterbar.)
***
Fotos: Martina Klein
Und sonst so?
→ Unser Foto-Workshop am 11. April in Schongau ist ausgebucht – aber am 12. April ist noch was frei. Du hast Fragen oder brauchst noch Informationen? Dann melde dich einfach per Mail bei mir. Oder du liest diesen Blogbeitrag und auch diesen. Bist du dabei? Wir freuen uns auf dich.
Wer in losen Abständen über neue Termine und Orte informiert werden, meldet sich bei mir zum Newsletter an. Ganz unverbindlich, natürlich.
→ Am 23. März lese ich in Löhne (NRW) aus „Die beste Zeit für guten Stil“. Hier geht es zur Anmeldung.
23 Kommentare
Guten Morgen liebe Susi,
Kleidung zeigt wie ich mich fühle. Mode und Stil lässt mich ausdrücken, was ich präsentiere.
Freizeit, Business, Urlaub.
Stoffe, Schnitte und Material begleiten uns. Nachhaltig produzierte Ware sollte kein Luxus sein.
Ich mag Mode.
Lieben Gruß aus dem Norden
Sibille
am Sonntag, 15. März 2026 um 09:43 Uhr
am Sonntag, 22. März 2026 um 09:06 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 08:46 Uhr
Liebe Susanne,
guten Morgen. Ich mag den Schnitt des Anzugs, aber er ist für meinen Geschmack zu “schweinchenrosa-pink”. Ich bevprzuge kräftiges Pink. Das kräftige Pink passt auch besser zu meiner Haar- und Hautfarbe. Gedeckte Anzüge habe ich in meinen Business-Jahren genug getragen, oft mit einer pinken, orangen oder sonstwie farbigen Bluse anstelle von weiß und hellblau.;-) - wegen der Sichtbarkeit.
am Sonntag, 22. März 2026 um 09:09 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 09:00 Uhr
Ach, liebe Susanne, Dummschwätzer-innen gibt es massenweise. Und nur allzu oft steckt der pure Neid dahinter.
Das sollte frau gar nicht erst an sich rankommen lassen, bzw. es als Kompliment verbuchen.
Übrigens . . gut siehst Du aus. Und wenn der Anzug für mich gar nichts wäre . .Dir steht er ausgezeichnet.
Liebe Grüße
Kerstin
Liebe Susanne,
du siehst einfach fantastisch aus in dieser Kombi und hast mich soeben für meinen Auftritt als Machtcoach sehr inspiriert, Chapeau!
am Sonntag, 22. März 2026 um 09:37 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 09:29 Uhr
Liebe Susi,
ich kann Dir in allen Punkten nur zustimmen. Erinnerst Du Dich, als A.Merkel Kanzlerin wurde? Was hat man über ihr Erscheinungsbild diskutiert! Hat schon mal Jemand in ähnlicher Weise über Herrn Merz gesprochen? Beruflich hat sich bei mir nie etwas um Mode gedreht, das ist einerseits schade, hat aber auch Vorteile. Dein Hosenanzug ist mir ehrlich gesagt zu Mädchen-rosa und nicht meins. Aber wer es mag….
Viele Grüße Gabi
am Sonntag, 15. März 2026 um 09:33 Uhr
Guten Morgen liebe Susanne und liebe Mitleserinnen,
gestern war ich zu einem Frauenfrühstück als Nachklapp des Weltfrauentag eingeladen und ich erschien in genau diesen tollen Anzug, den ich mir durch Dich inspiriert, mit dem passenden Mantel gekauft habe. Ich war der Farbklecks zwischen den 70 Frauen, denn es herrschte leider schwarz vor. Mit frischen 74 Jahren erlaube ich mir immer mehr mich in Farben zu kleiden. Ich empfinde es keinesfalls oberflächlich sich mit Mode zu beschäftigen, sondern betrachte es als Ausdruck meiner Persönlichkeit und möchte meine Umgebung damit erfreuen. Obwohl es gehört auch manchmal eine Portion Mut dazu, denn mache fühlen sich auch provoziert. Aber das Alter macht auch milde und und man setzt sich über Kritiker:innen hinweg. Ich trage was mir gefällt, freue mich über Anerkennung und der Rest ist mir egal, letztendlich schadet man niemanden damit und wer mich kennt, weiß dass ich alles andere als oberflächlich bin, sondern mich seit Jahren zivilgesellschaftlich einbringe, ehrenamtlich tätig bin und mich für die Rechte von Frauen einbringe.
In diesem Sinne ein Hoch auf Mode und all die kleinen Dinge, die Freude machen und uns Frauen ausmachen.
Viele Grüße und einen schönen Sonntag, Paula
am Sonntag, 15. März 2026 um 17:05 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 17:21 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 17:24 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 20:54 Uhr
am Sonntag, 15. März 2026 um 09:47 Uhr
Guten Morgen ihr liebe Susanne und ihr wundervollen Frauen überall. Ich kann den Blog heute einfach nur unterschreiben. Mode hat etwas mit Feminismus zu tun. Sichtbar sein und bleiben! Keine Angst haben, was andere über einen denken, sondern selbsbestimmt sein oder werden. Ich musste erst 56 werden, um mir DIESEN rosa Anzug zu kaufen! Habe ansonsten gar kein rosa im Schrank. Und ich schwöre, ich werde ihn im nächsten Jahr zur Frauentagsdemo tragen. Liebe Grüße Kathrin
am Sonntag, 15. März 2026 um 13:15 Uhr
Hallo liebe Susanne,
ein wunderbarer Beitrag zum Thema! Du sprichst mir aus der Seele, wie so oft!
An dem rosapinkfarbenen Anzug kann ich mich nicht sattsehen, obwohl ich nicht gedacht hätte, dass dies “Deine” Farbe ist. Steht Dir tatsächlich ganz wunderbar und toll geschnitten ist er auch. Deine Looks motivieren mich regelmäßig zum Ausprobieren von mehr Farbe, mehr Anders :-) und mehr Glamour.
am Sonntag, 15. März 2026 um 13:38 Uhr
Liebe Susanne,
Das ist ein sehr spannendes Thema, das zum Nachdenken anregt. Ich finde den Anzug toll und er sieht umwerfend an dir aus. Er ist ein Statement und das ist gut so! Wir Frauen ü 50/60 wollen und sollen sichtbar bleiben und so eine tolle Mode hilft uns dabei! Danke für deine Inspiration!
Schönen Sonntag
Susanne E.
am Sonntag, 15. März 2026 um 15:45 Uhr
Liebe Susanne,
obwohl ich schon länger bei Texterella zu Gast bin, habe ich Dir noch nie geschrieben. Deinen heutigen Beitrag musste ich aber einfach kommentieren. Er ist für mich einer der besten, sowohl den Text als auch Dein Outfit betreffend! Du siehst einfach umwerfend aus, stark und selbstbewußt. Lassen wir uns nicht von ein paar schlecht angezogenen Miesmacherinnen vorschreiben, was Feminismus ist!
am Sonntag, 22. März 2026 um 09:32 Uhr
Auf jeden Fall kann Mode feministisch interpretiert werden.
Ich unterschreibe Deinen Text voll und der rosa-pinke Hosenanzug kommt super fem-bossig rüber.
Seit vielen Jahren unterstütze ich Frauen, die Mode designen, herstellen, vertreiben etc. , indem ich für meinen OnlineShop bevorzugt bei ihnen einkaufe. Das ist mir ganz wichtig. Ein kleiner Baustein auch um Frauen ihr eigenes Ein- und Auskommen zu ermöglichen.
Schön, dass Dein Modeblog so schön feministisch ist! Ich lese ihn sehr gern.
Herzlich,
Sieglinde
am Sonntag, 22. März 2026 um 09:15 Uhr
am Dienstag, 17. März 2026 um 13:43 Uhr
Liebe Susanne,
den Hosenanzug finde ich super. Ich bin jetzt eine Weile um ihn “herumgeschlichen”, habe ihn bestellt , mich selbst im Spiegel betrachtet - und weiter gezögert. Als ich jetzt deine Bilder gesehen habe ( figürlich entsprechen wir uns ziemlich genau) war die Entscheidung plötzlich ganz leicht. Das ist jetzt mein Anzug für die offiziellen Veranstaltungen in diesem Jahr.
VG Eva
am Sonntag, 22. März 2026 um 09:04 Uhr








