Texterella hat eine Meinung.
Rote Nelken reichen nicht: Warum mich der Weltfrauentag eher traurig macht.
Eigentlich wollte ich heute einen ausführlichen Reisebericht über Südafrika veröffentlichen – für was habe ich schließlich die 1.475 Fotos und 342 Videos gemacht, hm? Aber dann fiel mir ein: Am 8. März ist ja Internationaler Frauentag. Als eine Frau, die mit dem Ziel, andere Frauen stark und selbstbewusst zu machen, Blog und Bücher schreibt, fühlte ich eine gewisse … nunja, Verpflichtung gegenüber diesem Tag. Ich will aber ehrlich sein: Ich bin kein Fan. Eher finde ich den Weltfrauentag deprimierend. Denn an diesem Datum wird mir alljährlich erschreckend bewusst, wie wenig sich für Frauen doch zum Positiven verändert.

Und das ist im Grunde noch übertrieben, denn global betrachtet geht es mit den Frauenrechten ja sogar bergab. Allein die Vorstellung, dass in den USA allen Ernstes das Wahlrecht für Frauen in Frage gestellt wird (und einem Wahlrecht pro Haushalt weichen soll, das dann natürlich vom Mann als Oberhaupt der Familie wahrgenommen wird) hinterlässt mich zugleich wütend und ratlos. Und nein, das ist (noch) nicht spruchreif, Gott sei Dank – aber allein, dass darüber nachgedacht wird, macht mich fassungslos. Von der verheerenden Situation in Afghanistan (und vielen anderen Ländern) will ich gar nicht reden. Wie Frauen in diesen Ländern ihre grundlegendsten Rechte genommen werden, ohne dass es PolitikerInnen im Rest der Welt groß stört, lässt mich wirklich verzweifeln. Vor allen Dingen frage ich mich: Wie konnte es nur so weit kommen? Wir hatten doch schon so viel mehr erreicht? Warum erleben wir selbst im politischen Westen seit einiger Zeit einen Rückfall in traditionelle Rollenverteilungen, die an die Kaffeewerbung der Fünfzigerjahre erinnert?
Und dann kommt wie jedes Jahr der 8. März. In Fußgängerzonen werden rote Nelken verteilt, in Geschäften bekommt man ein Glas Sekt, Mode- und Kosmetikunternehmen nutzen den (zwischen Valentinstag und Muttertag) sehr willkommenen Vorwand, einen Spezialrabatt anzubieten. Und vielleicht (aber nur vielleicht!) kommen sogar aus der Politik ein paar warme Worte. Und sonst? Nichts. Nur Blumen, Schaumwein und ein T-Shirt zum halben Preis.
Traurig finde ich das. Mindestens.
Natürlich muss man die Frage stellen: Warum wird vieles, was unsere Mütter und Großmütter mit viel Einsatz erkämpft haben, so leichtfertig aufgegeben? Warum werden Frauenrechte teilweise wieder rückabgewickelt?
Es wäre jetzt ein Leichtes, auf die Männer zu zeigen und ihnen die Schuld zu geben. Wobei es ja durchaus stimmt: Die patriarchalen Strukturen, die im Niedergang schienen, sind wieder im Aufwind. Männer, die noch vor wenigen Jahren mit Babys im Tragetuch unterwegs waren und für Elternzeit in ihrem Beruf zurücksteckten (so wie es bei uns Frauen ja immer schon war …) dürfen (oder sollen?) jetzt wieder echte Männer sein, testosterongetriebene Familienoberhäupter, die das Sagen haben. Noch vor wenigen Jahren hätte ich nie gedacht, dass genau solche Typen im Jahr 2026 die Welt regieren.

Wobei genau diese Politiker ja auch von Frauen gewählt werden (noch dürfen sie das ja, haha!). Und genau da setzt dann auch meine Kritik an uns selbst an: Warum schauen wir nicht genauer hin, bevor wir unser Kreuzchen setzen und wählen Menschen, die sich (auch) für Frauenthemen, -rechte und -interessen stark machen? Ja, und da kommen wir dann wohl zu des Pudels Kern: Warum wird Politik immer noch überwiegend von Männern gemacht? Warum sind mit 32,4 Prozent aller Bundestagsabgeordneten nicht mal ein Drittel Frauen (schau dir bitte auch die Frauenquoten der einzelnen Parteien an ...) – obwohl wir doch 50 Prozent der Gesellschaft ausmachen?
Ein Grund ist: Weil sehr viel weniger Frauen als Männer sich (partei-)politisch engagieren und damit letztlich auch sehr viel weniger Frauen gewählt werden können. Dann muss frau sich auch nicht mehr darüber wundern, wenn weibliche Interessen (von Care-Arbeit über ausreichend Kita-Plätze bis hin zu gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit und vieles mehr) in der Politik nicht ausreichend vertreten und berücksichtigt werden. (Zu genau dem Thema habe ich übrigens auf Instagram ein kurzes Video mit unserem Landratskandidaten gemacht. Ich selbst war übrigens 18 Jahre Gemeinderätin und stehe – nach sechs Jahren Pause – jetzt wieder zur Wahl.)
Nun ist heute aber nicht nur Weltfrauentag – in vielen Bundesländern finden auch Kommunal- bzw. Landtagswahlen statt. Wenn das kein Zeichen ist! Heute ist also eine perfekte Gelegenheit, sich für Frauenrechte stark zu machen und durch ein entsprechendes Kreuz auf dem Wahlzettel für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu sorgen.
Bitte lassen wir diese Chance nicht verstreichen! Wir Frauen sollten es uns wert sein.
Wie empfindest du die aktuelle Situation für uns Frauen? Ist der Weltfrauentag überflüssig geworden – oder brauchen wir ihn mehr denn je?
Fotos: Martina Klein
***
Doch, du bist hier immer noch im Mode- und Lifestyleblog Texterella. Und keine Sorge, nächste Woche geht es mit einem klassischen Modebeitrag weiter, zu dem Martina und ich (nach längerer Zwangspause) nächste Woche die Fotos shooten. (Gesellschafts-)politische Themen sind mir aber auch wichtig – vielleicht sogar wichtiger denn je, in dieser irren, wirren und beängstigenden Welt. Deshalb finden auch sie hier auf Texterella gelegentlich ihren Platz.
36 Kommentare
am Sonntag, 08. März 2026 um 08:31 Uhr
Ich bin so etwas von Deiner Meinung. Diese rote Nelken-Aktion finde ich schwierig. Ich möchte andere stark machen, ich möchte, dass sie sich zeigen, engagieren, netzwerken…Wer, wenn nicht wir?
Ich wünsche Dir, Deiner Familie und der Community einen sonnigen und starken Sonntag!!
am Sonntag, 08. März 2026 um 11:36 Uhr
am Sonntag, 08. März 2026 um 09:01 Uhr
Danke, Texterella, danke!
Ich habe gerade einen Artikel im Spiegel gelesen über die Rückkehr der “Wespentaille” in der Mode. Hilfe! Ich verstehe nicht wie dieser Backlash passieren konnte in Gesellschaft, Politik ... und Mode. Und alles in so erschreckend kurzer Zeit. Ich bin 65 und seit 50 Jahren überzeugte Feministin. 2026 bin ich traurig und frustriert über die Lage vieler Frauen auf der Welt.
am Sonntag, 08. März 2026 um 11:38 Uhr
Guten Morgen, Susanne.
Ich musste gerade schmunzeln über den Satz mit der Kaffeewerbung in den 50ern.
Gestern hielt ich eine Lesung in der Stadtbibliothek Donauwörth aus meinem neuen Buch mit WeiberGschichtn. Ein Hauptthema darin ist die Stellung der Frau in der Nachkriegszeit und heute. Damals hieß Werbung noch Reklame. Die Frau wurde dargestellt als liebende, sich aufopfernde Ehefrau und Mutter, die den Haushalt wuppen musste, den Mann umsorgen und das Heim perfekt in Schuß halten. Dabei waren es während des Krieges die Frauen, die allein alles schaffen mussten und dann wieder hinter den Herd verbannt wurden, denn der Gatte führte wieder das Regiment. Wie spät wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt? So lange ist das noch nicht her. Nutzt es!
am Sonntag, 08. März 2026 um 12:12 Uhr
Ja, mir als Ost-Sozialisierte stoßen die sehr traditionellen Rollenbilder schon lange sauer auf. Das war ab 1989 ein Wandel, der uns als Frau nachhaltig in Frage gestellt hat.
Abgesehen davon verknüpfe ich rote Nelken mit dem 1. Mai.
Schönen Sonntag
Ilka
Oh, jetzt könnte ich loslegen … Angefangen bei diesen geifernden religiösen Eiferern in den USA bis hin zu unserem eigenen Kanzler, der ja bekannterweise der Meinung ist, Vergewaltigung sei in der Ehe nicht strafbar. Da hilft wirklich nur Kante zeigen, immer, ohne Ausnahme. Und Frauen konsequent unterstützen: Frauen wählen, von Frauen kaufen, Frauen weiterempfehlen, sich vernetzen und alles tun, um Frauen zu ermöglichen in dieser Gesellschaft gleichberechtigt zu agieren. Ich wünsche dir viel Erfolg für die heutige Wahl!!! Martina
am Sonntag, 08. März 2026 um 09:20 Uhr
Liebe Susanne,
du sprichst mir aus der Seele. Ich versuche dieses “mit Vollgas in die Vergangenheit” zu verstehen.
Schließenden “wir” diese Jungens und Mädchen erzogen.
Ist das so wie ein Pendel? Mal in das eine extrem, mal in das andere? Ich verstehe es nicht.
Gestern schrien mir auf Twitter jemand, dass es daran liegt, weil wir seit 10 Jahren patriarchale Strukturen einwandern ließen.
Das kann es ja auch nicht sein.
Dass sowenig Frauen sich wählen lassen, liegt m. E. an der Struktur der politischen Arbeit. Familienunfreundliche Sitzungstermine, ad hoc Termine, endlos lange Sitzungen. Vermutlich würden sich hier auch Männer über Änderungen freuen.
Es gibt viel zu tun, also krämpeln wir die Ärmel hoch.
am Sonntag, 08. März 2026 um 09:36 Uhr
Liebe Susanne,
ich fange mal ganz oben bezogen auf Deutschland an: Steigende Femizide, also Morde an Frauen, die als Familientragödien bezeichnet werden. Da hat das Opfer wohl eine Mitschuld gehabt….
Und dazu eine unglaubliche Justiz und Täterurteile.
Ungleiche Bezahlung in manchen Berufen immer noch.
Steigende Frauenarmut im Alter, sinkende Lebenserwartung von Frauen aufgrund von Vielfachbelastungen.
Und es gäbe noch mehr aufzuzählen.
Nein danke, die Nelke war nie meine Blume.
Allen einen schönen Sonntag, so wie stets.
Gruß
Vera Purrio
am Samstag, 14. März 2026 um 21:42 Uhr
am Sonntag, 08. März 2026 um 09:47 Uhr
Hallo Susanne,
Wie soll Frau zwischen Vollzeitarbeit( gesellschaftlich gewünscht , weil Arbeitskraft wichtig und eigene Rente sicher) , Carearbeit( um dem Mann für seine Arbeit, Aktivitäten den Rücken frei zu halten), eigener gesundheitlicher Vorsorge ( wie, du machst keinen Sport? Ernährst dich nicht vollwertig? Das ist doch wichtig, sonst selber Schuld) auch noch politisch aktiv sein??????
Auch das ist doch genauso vom Patriarchat genau so gewollt.
Mich macht dieser Tag auch so wütend, weil Frau sein in dieser Welt immer noch so ungerecht ist und es sich auch nie ändern wird. Insbesondere , weil Frauen sich nicht solidarisieren und gemeinsam kämpfen. Aber auch das ist genau so gewollt
am Sonntag, 08. März 2026 um 12:17 Uhr
am Sonntag, 08. März 2026 um 09:52 Uhr
Ich finde diesen Tag immer noch wichtig und werde heute mit meiner Familie auch an einer Veranstaltung aus diesem Anlass teilnehmen. In meinem persönlichen Umfeld sehe ich durchaus Veränderungen zum Positiven. Immer mehr junge Väter nehmen Elternzeit und das auch länger als zwei Monate. Haus- und Care-Arbeit wird partnerschaftlich aufgeteilt. Oft haben beide Elternteile ihre Arbeitszeit reduziert, um Zeit für die Familie zu haben.
Insgesamt finde ich unsere Gesellschaft immer noch wenig familienfreundlich und auch von Gleichstellung sind wir noch sehr weit entfernt. Auch im Bereich zum Schutz von Frauen vor Gewalt und Übergriffen jedweder Art wird zu wenig getan.
am Sonntag, 08. März 2026 um 11:33 Uhr
am Sonntag, 08. März 2026 um 10:13 Uhr
Ich will keine Blumen! Ich will gleiches Gehalt für gleiche Arbeit!
Du sprichst mir aus der Seele. Der Weltfrauentag ist leider kein Tag zum Feiern, dieses Jahr besonders.
Wie konnte das alles in so kurzer Zeit so nach rückwärts gehen? Ich bin auch derzeit etwas fassungslos.
Heute sind Kommunalwahlen und natürlich geh ich hin und wähle kluge Frauen. Und die paar emanzipierten Männer.
Und mein Mann macht das auch.
Dir wünsche ich ein super Ergebnis!
Herzlich,
Sieglinde
am Sonntag, 08. März 2026 um 11:00 Uhr
Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit hört sich gut an, leider ist das nicht ausreichend. Im öD wird jede(r) entsprechend der Gehaltsstufe bezahlt. Also egal ob Männlein oder Weiblein, alle bekommen das gleiche Gehalt. Aber um in die Gehaltsstufe zu kommen, musst du auf eine Stelle mit dieser Gehaltsstufe gesetzt werden und hier greifen die männlichen Netzwerke. Der Chef fördert eher Mitarbeiter, die ihm ähnlich sind, d.h. einen Mann, am Besten mit dem gleichen gesellschaftlichen Hintergrund, ähnlichen Ansichten, der auch seine Werte vertritt.
am Sonntag, 08. März 2026 um 11:13 Uhr
Eigentlich kann ich alle Kommentare und deinen Text, liebe Susi, unterschreiben.
Ich bin mittlerweile so wütend auf diese verkrusteten Strukturen, die versuchen uns Frauen klein zu halten. Was mich aber oft auch wahnsinnig frustriert sind Frauen. Frauen, die sich gleichberechtigt fühlen ( besser nicht nach dem Rentenbescheid oder dem Mini-Job fragen) und keinerlei Interesse am Engagement gegen das Patriarchat haben. Aber was ist mit “Sisterhood”, was ist mit Unterstützung für Frauen (-Themen), die vielleicht nicht die eigene Bubble betreffen. Was ist mit den Töchtern, denen wir ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen sollten. Ich ecke da so oft an, weil ich mich feministisch äussere. Und das frustriert mich ziemlich.
Aber für heute gilt: keine Blumen, sondern Sichtbarmachen der Ungleichheiten!!!♀️
am Sonntag, 08. März 2026 um 14:01 Uhr
Ich bin überrascht, von dieser negativen Sichtweise, der Gleichaltrigen auf unsere Zeit.
Der Blick auf Erreichtes, in Erinnung rufen, Bewußtsein schaffen was bisher getan wurde, dafür steht der 8. März internationale Frauentag.
Ich sehe z. B. auf der Straße keine Wespentaillen spazieren gehen, im Gegenteil mehr übergewichtige Menschen, denn je, aller Altersstufen.
Vielleicht hilft der intensivere Blick auf heutige junge erfolgreiche Frauen. Lenkt vom Meckern ab.
Buch Tipp: Lena Papasabbas
Radikale Zuversicht.
Mimosen sind das Symbol des internationalen Frauentags.
am Mittwoch, 11. März 2026 um 11:51 Uhr
am Mittwoch, 11. März 2026 um 11:58 Uhr
am Mittwoch, 11. März 2026 um 19:12 Uhr
am Sonntag, 08. März 2026 um 14:25 Uhr
SRF Sternstunde Philosophie „Auf dem Weg zum weiblichen Zeitalter“ fasst die Lage sehr schön zusammen, berichtet von erstaunlichen historischen Nachweisen und macht Mut. Nicht jede provokant im Netz geäusserte Meinung repräsentiert das tatsächliche, durchschnittliche Meinungsbild. Habe beruflich seit vielen Jahren Frauen als Gegenüber. Sie abzuholen und zu stärken macht sehr viel Sinn.
am Samstag, 14. März 2026 um 21:42 Uhr
am Sonntag, 08. März 2026 um 17:35 Uhr
Habe nach deinem Text und einer Tasse Kaffee alles stehen und liegen lassen und bin nach Berlin zur großen Frauendemo gefahren. Tat gut!
am Samstag, 14. März 2026 um 21:43 Uhr
Genau das waren auch mein Gedanken liebe Susi. Ich hatte zunächst erwägt, etwas zum Weltfrauentag zu schreiben, mir es dann aber doch anders überlegt. Vor lauter Frust wäre mir auch nichts eingefallen. Wir bewegen uns nämlich gerade rückwärts.
Mal abgesehen davon, dass ich keine Nelken mag. Das sind für mich eher Grabblumen.
Liebe Grüße
Sabine
am Samstag, 14. März 2026 um 21:45 Uhr








