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Frisch kolumnisiert.

Wählscheibenmelancholie.

Am letzten Wochenende wollte ich mein Festnetztelefon zum Wertstoffhof bringen. Das Ding stand seit Monaten, ach, was sage ich, seit zwei Jahren ungenutzt in der Ecke. Nicht mal mehr Mutter rief mich darauf noch an, seit sie ein Smartphone mit Whatsapp darauf hat. Zur Einweisung in den Nachrichtendienst wurde das Telefon noch gebraucht, doch seitdem sich meine Mutter mit dem Tippen und Aufsprechen von Nachrichten und dem Hochladen von Fotos – vielen Nachrichten und vielen Fotos! – auskennt, schwieg das Telefon. Sicher, es bewährte sich als formidabler Staubfänger, doch leider handelte es sich dabei um die Gattung Hausstaub und dagegen bin ich allergisch.

Ich brachte es also zum Wertstoffhof und stellte es zu den technischen Gerätschaften. Links von meinem Siemens Gigaset 210X lagen die kaputten Haartrockner und Toaster, rechts standen ausrangierte Radios und dahinter wurden Batterien gesammelt, die zum Teil ausgelaufen waren. Insgesamt eine doch recht trostlose Stimmung, der sich mein Telefon ausgesetzt sah. Hörte ich ein leises Wimmern? „Selbst schuld! Das kommt davon, wenn man nicht mit der Zeit geht und neue Technologien verpasst!“ herrschte ich es an, und packte trotzig ein „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ obendrauf.  

Plötzlich erfasste mich Melancholie. Ich dachte zurück an die Zeiten, in denen Menschen mich tatsächlich angerufen hatten – statt mir eine Nachricht auf Whatsapp zu schicken. Und ich musste mir eingestehen: Es hatte durchaus Vorteile gehabt, sich nicht bei jedem einzelnen Aufruf der App durch eine Flut an Audio-Nachrichten, Gruppenchats oder diktierte Nachrichten fräsen zu müssen. Zumal letztere oft so fehlerbehaftet waren, dass sie dem Sonntagsrätsel in der ZEIT glichen. So schlecht war es gar nicht gewesen, nicht ungefragt in irgendwelchen Gruppen zu landen – „Entschuldige, ich dachte, du interessierst dich für Schweigewanderungen!“ – oder mit einer Freundin nur einmal zu telefonieren, um sich zum Abendessen zu verabreden, anstatt zwanzig Nachrichten hin und her zu schicken und dann noch ein Doodle zu erstellen. Und wie gern hätte ich lieber nicht gewusst, dass geschätzte KollegInnen offenbar ein Faible für dämliche spezielle Youtube-Videos haben und für tiefrote Rosen mit Animationseffekten.

So schlecht war das Leben mit Telefon doch gar nicht gewesen! Sollte ich vielleicht lieber mein Handy beim Wertstoffhof lassen? Ich glaube, darüber denke ich noch mal nach.

Illustration: Ulrike Haseloff

 

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3845 7 Frisch kolumnisiert. 28.03.2021   frisch kolumnisiert, kolumne, nix anzuziehen, the curvy column

7 Kommentare

Cordula
am Sonntag, 28. März 2021 um 08:30 Uhr

Liebe Susanne,

kannst Du Dich auchnoch an die Zeit erinnern, als man einfach irgendwo angerufen hat ohne vorher zu fragen, ob es passt?

Ich muss selbst jedes Mal über mich lachen, wenn ich das tue.

Beste Grüße, Cordula

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Claire
am Sonntag, 28. März 2021 um 09:12 Uhr

Liebe Susanne,

Erst vor ein paar Tagen hatte ich auch die Gedanken…..wie sind wir nur ohne Handy aufgewachsen und haben ein tolles erfülltes Leben gehabt !Jetzt kommt…...aber als unsere Tochter letzte Woche ihr zweites Kind bekam, war für uns schön per Handy bei ihr zu sein, weil wir ja nicht ins Krankenhaus durften. Also,  alles hat seine Zeit. Wir müssen nur den richtigen Weg mit den neuen Dingen finden.
Schönen Sonntag….heute lernen wir unseren Enkel persönlich kennen.

Claire

 

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Karen
am Sonntag, 28. März 2021 um 09:35 Uhr

Liebe Susi,

hach, was waren das für Zeiten, als man stundenlang im Flur auf dem Boden hockte und mit der Freundin (später abgelöst vom Freund ) telefonierte… Jedes Familienmitglied musste über einen rübersteigen und die Geschwister natürlich in der Zeit mehrfach an einem vorbei . Man lag den Eltern (gemeinsam!) in den Ohren, damit eine Schnurverlängerung angeschafft wurde. Ach was waren das aufregende Zeiten

Liebe Grüße
Karen

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Claudia Braunstein
am Sonntag, 28. März 2021 um 09:57 Uhr

Liebe Susi, ich denke gerade an das berühmte schwarze Bakalit Vierteltelefon im Haus meiner Omi. Da gab es strikte geregelte Telefonzeiten, weil ja noch drei andere Nachbaren am Hauptanschluss hingen. außerdem stand eine Blechsparbüchse daneben. Da mussten jenen Nachbaren, die noch kein Telefon hatten, Telefonbenützungsgebühren einwerfen, wenn sie zu das Gerät einmal wöchentlich benutzen durften. Unvergesslich. Liebe Grüße, Claudia

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Brigitte Adam
am Sonntag, 28. März 2021 um 10:28 Uhr

Und ab 20 Uhr hatte man niemanden mehr anzurufen
Im Büro habe ich mit meinem Team vereinbart, wieder mehr zu telefonieren als zu mailen; Themen werden wirklich schneller bearbeitet bzw. erledigt.
Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir und der lesenden Runde.
Brigitte

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Nicole
am Sonntag, 28. März 2021 um 12:52 Uhr

Liebe Susi,
Karens Kommentar hat die Erinnerung noch bildhafter werden lassen :))). Und dann noch die Rechnung, wenn man stundenlang an einem (!!) Ort telefonierte.
hachz. Obwohl ich zugeben muss, dass ich manchmal ganz froh bin, wenn ich etwas schriftlich erledigen kann.
Ich erinnere mich noch an ein Telefonat in einer gelben Telefonzelle mit Wählscheibe bei Gewitter, dabei bin ich noch so jung, haha
Danke für das Wachrufen von Erinnerungen am Sonntag, aber behalte dein Handy ;))
Liebe Grüße
Nicole

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Sieglinde Graf
am Montag, 29. März 2021 um 08:06 Uhr

Meine Geschichte mit Telefonieren ist so lange wie lebe. Wir waren nämlich die ersten im weiten Umkreis, die eines hatten. Alle Nachbarn kamen immer zu uns, wir waren quasi eine Telefonzelle…. Und so habe ich natürlich alle Modelle seit fast 70 Jahren miterlebt beim Telefon und sehr lange ausschließlich Festnetz gehabt, dann ca. 8 Jahre ein Handy und nun seit drei Jahren erst ein Smartphone. Und das eigentlich nur wegen der guten Kamera und den tollen Fotos der Enkelkinder, die hin und hergehen… Aber natürlich nutze ich es auch zu vielem anderen inzwischen. Allerdings kaum zum Telefonieren. Denn das mache ich nur noch ungern. Nie weiß ich, wo und in welcher Situation ich jemanden antreffe und statt zu fragen: Wie geht es Dir?  frage ich: Wo bist Du gerade?  Nein, Telefon ist für mich zweite Wahl bei der Fern-Kommunikation. Email oder Whatsapp mache ich viel lieber. Da können die Angesprochenen selbst entscheiden, wann und wie sie antworten und ich habe meine Anfrage aus dem Kopf.
Apropos Kopf: Leider, leider konnte ich bei der Buchparty nicht dabei sein, so schade!! Das zu schnell zu gute Wetter hat mir wahnsinniges Kopfweh beschert und ich musste 2 Tage das Bett hüten. Und so habe ich nichts davon mitbekommen (außer bei Tinas Blog) und hoffe auf einen baldigen Bericht vor Dir über dieses schöne Ereignis.
Herzlich grüßt Sieglinde

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