Texterella durchsuchen

Texterella in der Provence

Der French-Chic-Mythos: Was Französinnen wirklich tragen.

Excusez-moi, aber ich muss noch mal. Ich muss einfach noch einmal in Erinnerungen schwelgen und von der Provence schwärmen – und ich fürchte fast, es wird nicht das letzte Mal sein. Da müssen Texterella-Leserinnen jetzt wohl durch. Es war ja aber auch einfach zu … „hach“: Der plätschernde Springbrunnen auf dem Marktplatz, der üppig an Häusern hochrankende Oleander, der kleine Lebensmittelladen mit zehn verschiedenen Tomatensorten auf den Steigen vor der Tür, der Duft nach frisch gebackenen Croissants, der uns um 6.30 Uhr weckte … Noch mehr Klischee geht kaum. Fehlten nur noch die Baskenmützen auf den Köpfen der Männer, die abends mit einem Glas Roséwein in der Hand auf den Stufen des Brunnens saßen. Vermutlich war es ihnen zu der Zeit, als wir dort waren, dafür einfach zu warm. 

 

Nur eine Sache war nicht so typisch wie ich es erwartet hatte, und das in der französischen Kernkompetenz überhaupt: Mode! Die Frauen kleideten sich anders als gedacht (und in Stilguides tausendfach beschrieben wird!). Wo waren die Bretonshirts, die weiten Röcke, die Ballerinas? Wo die bezaubernden Strohtaschen von Sézane oder lässigen Shopper von Polène oder Longchamp? Zugegebenermaßen sahen die Südfranzösinnen in ihren ärmellosen knielangen Sommerkleidern oder luftigen Baumwollhosen tatsächlich nicht sehr „bemüht“ aus – „Effortless Chic“ hatte ich mir aber doch anders vorgestellt. Sie trugen weder locker hochgesteckte Haare noch ein Seidentuch an ihrer Tasche, nicht mal Chanel-rote Lippen habe ich entdeckt. Und es roch auch keine Frau nach Chanel N° 5 (von mir selbst abgesehen – daher kenne ich den Duft). 

Keine der Frauen, die mir – scheinbar als einzige frenchy gekleidet, wie man sich’s halt vorstellt, haha – auf der Straße begegnete, schien sich groß um das Thema Mode zu scheren. Sie wollten einfach nur bequem durch einen heißen Julitag kommen. Um modische Statements ging es offensichtlich eher nicht. Keine hatte wohl jemals einen der unzähligen Stilratgeber zum „French Chic“ konsultiert (die bei mir ein ganzes Bücherregal füllen …) oder sich unter dem millionenfach genutzten Hashtag #frenchstyle darüber informiert, was die Pariserin in diesem Sommer so trägt.

War ich enttäuscht, dass sich der legendäre French Style als Seifenblase entpuppte? Nein, das nicht. Aber überrascht war ich schon. Offensichtlich war ich (zusammen mit weiteren Millionen Instagram-Nutzerinnen) seit Jahren einer Art Mode-Scam aufgesessen. Womöglich hatten diesen achso typisch „französischen Stil" irgendwelche Modemagazine erfunden, deren Artikel wiederum von Fashion-Redakteurinnen und Stylistinnen geschrieben wurden, angetrieben von der Sehnsucht nach einem schier unerreichbaren Ideal: der Pariserin, die ihr teures Seiden-Carré lässig drapiert, wie selbstverständlich eine dunkle Sonnenbrille aus ihrer Birkin zieht, ihr „rouge à lèvres“ ohne Spiegel auftupft („Die Französin trägt Lippenrot etwas ‚smudgy‘“, ließ mich eine amerikanische (!) Influencerin kürzlich wissen. Ich hab’s natürlich geglaubt und das entsprechende Produkt sofort bestellt.) – und dabei aussieht, als sei ihr das eigene Aussehen komplett egal. Womöglich war dieser französische Stil, dem Frauen weltweit nacheiferten, nur Marketing. Der Erfolg war allerdings ziemlich genial, chapeau!

Die Looks auf den Straßen erwiesen sich also als nicht so französisch wie erwartet. In meinem modischen Credo und dem, was ich seit Jahren hier auf Texterella schreibe, wurde ich dennoch bestärkt: Lasst uns einfach tragen, was wir wollen. Die Französinnen tun es ja offensichtlich auch.

PS: Eine Frau im „typischen Chic“ habe ich aber doch gesehen. In unserem Dörfchen war das. Sie lehnte an der Tür ihrer Boutique. Zur sonnen-, fast schon neongelben, markant taillierten Marlenehose trug sie eine lässig geknöpfte, weiße Bluse, die Ärmel waren hochgekrempelt. Ihr silbernes Haar fiel auf die Schulter, auf den Lippen lag klassisches Chanel-Rot. Auf die Idee, dass sich diese auffällige Farbe nicht mit den Falten in ihrem Gesicht vertragen könnte, war sie – anders als wir deutschen Frauen – offenbar nicht gekommen. Vielleicht ist diese Selbstverständlichkeit, mit dem Alter umzugehen, ja der wahre French Chic

Wer war schon in Frankreich und kann meine Beobachtungen bestätigen – oder eben nicht? Ich bin gespannt!

***

Fotos: Martina Klein, geshootet in Avignon

***

Look:

Die Kleidung stammt aus einer Instagram-Kooperation mit Bonprix. Mir gefiel der Look aber so gut, dass wir ihn auch noch fotografiert haben. Ich schätze Bonprix mittlerweile sehr, weil die Marke bis in große Größen fertigt und es sehr viele Kleidungsstücke auch in Naturqualitäten (Bio-Baumwolle, Leinen, Wolle ...) gibt. Billiges Polyester findet man natürlich auch, aber das muss man ja nicht kaufen. Und: Es macht mir einfach Freude, aus günstigen Kleidungsstücken Looks zu kreieren, die richtig gut (und nicht „billig“) aussehen. Das finde ich gerade jetzt, wo viele den Gürtel etwas enger schnallen, auch sehr zeitgemäß.

Rock (reiner Baumwoll-Popeline). Bonprix (den Rock gibt es auch in Schwarz und in Weiß; ich liebe ihn wirklich sehr, weil er luftig und leicht ist und trotzdem ein wenig „Stand“ hat.)

Bluse mit 3/4-Ärmel: Bonprix

Gürtel: Bonprix

Stroh-Shopper: Bonprix (mehr hübsche Strohtaschen gibt es hier oder auch hier.)

Pantoletten: Birkenstock 1774 („mein“ Modell habe ich leider nicht mehr gefunden. Dieses hier ist ähnlich. Und hier gibt es eine günstigere Alternative.) 

Sonnenbrille: Robert Laroche

Mehr Mode gibt es wie immer hier. (Sobald ich wieder mehr Zeit habe, hoffe ich, auch meine Lieblingsstücke wiederzubeleben, aber momentan schaffe ich das einfach nicht.)

Angaben zur Transparenz: Die Links zu Produkten sind überwiegend Affiliate-Links. Das heißt: Wenn du über diesen Link einkaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Viel ist es nicht, aber ich freue mich trotzdem und sehe es als Zeichen deiner Wertschätzung für mein Blog und die Arbeit, die darin steckt. Dein Preis bleibt selbstverständlich gleich. 

4015 8 Texterella in der Provence, 50+ Lifestyle, Beauty & Fashion 26.07.2026   texterella auf reisen, texterella in der provence, texterella liebt mode, texterella unterwegs

8 Kommentare

Tina von Tinaspinkfriday
am Sonntag, 26. Juli 2026 um 08:21 Uhr

Bonjour Susi, hachz herrlich, sag nur, du willst mit den Provenceposts schon aufhören?  Also ich würde noch einige nehmen. :)
Der französische Chic, ja vielleicht ist er ja mehr eine Legende, aber er trägt die Fantasie so schön. Ich denke da gibt es durchaus regionale Unterschiede. Stadt - Land.
Als ich kürzlich in Straßburg war habe ich Stil auch ein wenig vermisst, aber es war heiß und auch touristisch. Die Einheimischen kann man gut von den Touristen unterscheiden. Die tragen keine Funktionskleidung und waren eher lässig unterwegs. Aber ich nehme ihn gern mit nach Hause, den französischen Stil und kaufe mir in einem kleinen Hutgeschäft ein Beret aus französischer Traditionsfabrikation. Ich trage sie so gerne.
Du siehst zauberhaft aus in dem schönen roten Rock und bringst sommerliche Leichtigkeit mit. Schöne Fotos, Martina.
Ich finde es schön, dass du auch günstigere Sachen zeigst, für viele Menschen ist teure Kleidung einfach nicht im Budget. Ich folge Modeblogs, da klicke ich auf ein Kleid und im Shop sehe ich dann es kostet 4799,-Euro. Never ever. Nehme ich halt die Inspiration mit.
Also vielen Dank, Merci, für den schönen Sonntagsblog.
Ich wünsche allen einen wunderschönen Sonntag, herzliche Grüße Tina

Auf diesen Kommentar antworten

Gabi Z.
am Sonntag, 26. Juli 2026 um 09:45 Uhr

Liebe Susi,
So schöne Photos! Der französische Stil der Damen ist nicht immer und überall zu finden. Vor Jahren war ich in der Provence und habe festgestellt, daß die Französinnen nicht viel anders gekleidet sind, als wir. Allerdings trägst Du auch keine Ballerinas…..
In Paris mag es vielleicht etwas anders sein, oder wenn die Hitze nicht so groß ist. Auf jeden Fall freue ich mich auf weitere französische Photos…..

Auf diesen Kommentar antworten

Susanne Ackstaller
am Sonntag, 02. August 2026 um 10:37 Uhr
Hallo liebe Gabi, genau das war auch meine Erkenntnis - die Französinnen sind (überwiegend!) genau so gekleidet, wie wir deutschen Frauen! Das hatte ich irgendwie anders erwartet. Und du hast Recht, du trage auch keine Ballerinas - ganz bewusst, weil ich es nicht so "stereotyp französisch" haben wollte und ich Brüche in meinen Looks auch gerne mag. Ganz liebe Grüße!

Auf diesen Kommentar antworten

Doris Paula Baumgardt-Ackermann
am Sonntag, 26. Juli 2026 um 09:47 Uhr

Tja, chere Susanne,
meine ersten Erfahrungen mit dem Chic der französischen Damen bezieht sich auf die Jahre 1958-1972. Wir machen in Frankreich Urlaub, immer ca. 4-6 Wochen, natürlich Camping und lernten eine gemischte französische Gesellschaft kennen. Es war durchaus die besserverdienende Gesellschaft, denn es war auch damals schon nicht günstig und an einen Hotelaufenthalt war nicht zu denken. Wir haben damals viele französische Freundschaften geknüpft, die lange gehalten haben. Wenn ich nun darüber nachdenke, gab es natürlich die Pariserinnen, die schon da oft modisch auftraten, aber es war ja auch Urlaub. Der Rest ist modisch nicht besonders in Erscheinung getreten. Im Jahr 1983 nahm ich mit meiner Mutter an einer Hochzeit, der Tochter langjähriger Freunde, in Marseille teil. Da zeigte sich aber sehr deutlich das feine Gespür für Mode und Anlässe. In der Kirche trug „Frau“ ein elegantes Ensemble oft mit Hut und Abends zur Feier, in einem erlesenen Hotel am Meer, die große Abendrobe. Mama und ich schwelgten in einem unglaublichen Augenschmaus. Diese ganze Hochzeit war, glaube ich, mit eines der herausragenden Ereignisse, den ich beigewohnt habe. 
Fazit ist, sie, die Französinnen, haben schon ein feines Gefühl für Mode. Aber genauso findet man einige, denen es egal ist.
Ob es wirklich ein Mythos ist, der den französischen Damen anhängt, ich weiß es ehrlicher Weise nicht. Es gibt die Haute Couture in Paris, oft wenig tragbar für uns Normalos und Prê-â-porter, auch unerschwinglich, aber man kann sich ja immer etwas anschauen und für sich interpretieren. Und, liebe Susanne, wie Du es tust, günstig kopieren, mit ein wenig Geschmack und Mut geht alles, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
In diesem Sinne, liebe Mit-Leserinnen dieses immer sehr erfreulichen Blog, noch einen schönen Sonntag und Dir liebe Susanne, manchmal ist es nicht ganz so, wie man dachte, aber auch ok. Viele Grüße, Paula

Auf diesen Kommentar antworten

Carola
am Sonntag, 26. Juli 2026 um 21:44 Uhr

Liebe Susanne,

vielen Dank für deinen Blog. Er gefällt mir immer sehr gut.

Ich finde die Frau in Türkis im Hintergrund deines ersten Bildes sehr schick und habe mich fast gefragt, ob das deine Zwillingsschwester ist?

Wahrscheinlich ist es nur ein witziger Zufall - oder etwa doch eine Fotomontage?

Wie auch immer, du siehst toll aus!

Liebe Grüße zur guten Nacht

Carola

Auf diesen Kommentar antworten

Alexandra
am Sonntag, 26. Juli 2026 um 22:20 Uhr

Was mir in Frankreich immer wieder auffällt, sind ältere Damen, die außerordentlich gepflegt wirken und große Sorgfalt auf die Wahl ihrer Garderobe legen, oft sehr elegant., aber auch manchmal extravagant. Auch deren Haltung und Fitness beeindruckt mich immer wieder. Den als typisch französisch geltenden Stil, den ich sehr liebe,  sieht man meist an Touristinnen.

Auf diesen Kommentar antworten

Maggie
am Sonntag, 26. Juli 2026 um 23:14 Uhr

Liebe Susanne
Danke für den Post. Ich selber - mit einem Franzosen verheiratet - frage mich schon lange, wer diese Geschichten rund um die schicken Französinnen erfunden hat…
Mit dem Land vertraut, sehe ich ein anderes Bild. Die Jungen im Lockdown-Schlabber-Look. Die Damen, von jung bis alt, gerne und ungeniert im Minirock. In der Berufswelt ist der Minirock offenbar eine Art Uniform.
Bien à vous, Maggie

Auf diesen Kommentar antworten

Marlies
am Dienstag, 28. Juli 2026 um 17:48 Uhr

Liebe Susi, ich schreibe eher selten, aber diesen Post fand ich so lustig, ich muss einfach mal Danke sagen.
Es ist schon eine Weile her, daß ich in Paris war, Straßburg lag da näher.
Als ich in Paris war, habe ich auch meine Lupe genommen, um den Französischen Chic zu finden. Ja, ich fand viele Leute sogar ärmlich gekleidet.
Ältere Damen versuchen es klassisch, das fiel mir auf.
Bìn gelegentlich in Baden-Baden, wohin auch viele französische Touristen kommen.
Ich finde sie ganz normal angezogen. Ja, da hast Du wohl recht gehabt mit Deiner Vermutung—-> PR-Gag.
Trotzdem mag ich Frankreich.

LG Marlies

Auf diesen Kommentar antworten

Angaben merken? (Die Daten werden in einem Cookie auf Deinem Rechner gespeichert.)

Durch das Anhaken der Checkbox erklärst Du Dich mit der Speicherung und Verabeitung Deiner Daten durch diese Webseite einverstanden. Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite von Dir angegebene Namen, E-Mail, URL, Kommentar sowie IP-Adresse und Zeitstempel Deines Kommentars. Detaillierte Informationen finden Sie in meiner Datenschutzerklärung.

 
 
Texterella abonnieren

Texterella abonnieren