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Claudia Braunstein hatte ich schon länger auf meinen Montagsinterview-Radar. Ohne dass wir uns persönlich kannten, war mir ihre apart-elegante Erscheinung auf Facebook aufgefallen. Ihr Blog Geschmeidige Köstlichkeiten zu „barrierefreien Rezepten“ fand ich vom Thema her außergewöhnlich – ohne dass ich den Hintergrund kannte. Den erfuhr ich erst, als ich Claudia zum Interview einlud. Er lautete: Zungenkrebs. 



Claudia Braunstein, 53.

2011 wurden bei Claudia ein Karzinom am Zungerand und Mundboden diagnostiert. Viele Monate verbrachte sie in der Klinik im Kampf gegen den Krebs. Den sie gewann, Gott sei dank. Dennoch wirkt sich die Erkrankung bis heute auf Claudias Leben aus: „Die Folgen meiner Krebserkrankung sind eine 100-%-Behinderung, die sich in der Nahrungsaufnahme niederschlägt, eine veritable Sprachbehinderung und dass ich meinen Beruf aufgeben musste.“ Auf ihrem preisgekrönten Blog (Hier gibt es ein wirklich berührendes Video von der Preisverleihung des Food Blog Awards) stellt sie speziell Rezepte für Gerichte vor, die leicht zu kauen und zu schlucken sind und empfiehlt Restaurants, die auf entsprechende Bedürfnisse eingehen. Außerdem ist Claudia in der Flüchtlingshilfe engagiert. Sie betreut Asylwerber und anerkannte Flüchtlinge in ihrer Heimatstadt Salzburg und arbeitet trotz ihrer Einschränkung als Sprachtrainerin. Großartig! Vielen Dank für dein Engagement, liebe Claudia!

Vor ihrer Krankheit war Claudia viele Jahrzehnte in der Modebranche beschäftigt. Aber lies selbst ...

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Zwar habe ich in grauer Vergangenheit einmal Romanistik und Sportwissenschaften studiert, aber dennoch beinahe die Hälfte meines Lebens in der Modebranche verbracht. Trotz meiner vier Kinder war ich bis vor fünf Jahren selbständig berufstätig und habe als Großhändlerin und Agenturinhaberin Damenmode im gehobene Bereich vertrieben. Mein Beruf hat mich viel ins Ausland gebracht, vorwiegend nach Paris, Bologna, Mailand und auch nach New York.

Claudia Braunstein

Bezaubernd! (1981)

Während des Studiums arbeitete ich für einen großen österreichischen Wäsche- und Bademodenhersteller als Bademodenmodell und verdiente damit gutes Geld. Ursprünglich wollte ich sogar in Rom Modedesign studieren, aber private Gründe haben dies verhindert. Durch meinen Mann bin ich letztlich im Modegroßhandel gelandet. Entsprechend hat Mode mein Leben sehr dominiert. Berufsbedingt habe ich nicht nur die Kollektionen getragen, die ich selbst vertrieben habe, sondern sehr häufig die der jeweils angesagten Designer im hochpreisigen Segment.



„Mode hat immer schon mein Leben dominiert.” (1987)

Auch heute noch ist mir Kleidung sehr wichtig, jedoch hat sich mein Kaufverhalten allein schon durch meine persönliche und ja, auch finanzielle Situation sehr verändert. Teure Designer-Marken spielen heute keine Rolle mehr, aber auf Qualität lege ich immer noch großen Wert.

Welche Stilrichtung bevorzugst du? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert – und warum? Was hast du in den 20ern/30ern/40ern getragen?

Ich habe mich immer schon ganz gerne eher klassisch gekleidet, mit der Tendenz zu einer femininen Linie. Ich habe lange Zeit schwarz als bevorzugte Farbe getragen, seit vielen Jahren bin ich bekennende Beigeträgerin, sehr zum Leidwesen meiner Mama, die rügt mich stets dafür. Für sie, 74 und dabei sehr chic und trendig gekleidet, ist Beige nämlich der Inbegriff von alt und unsichtbar. 


Alltagslook: Jeans und weiße Bluse (2015)

Im Alltag dominieren heute Jeans meinen Kleidungsstil, gerne mit weißer Bluse oder schönen einfachen Pullovern. Ich kombiniere meist mit Tüchern oder Schals, weil mein Hals sehr empfindlich ist und ich lange unter den großen Narben gelitten habe. Und ich trage sehr gerne Kleider im Stil von Jackie O.

Geändert hat sich seit meinen 20ern sicher eines: die Rocklänge. Auch wenn ich nach wie vor schlanke Beine habe, ein Rock muss für mich heute zumindest bis eine Hand breit oberhalb des Knies reichen.

Hast du ein Lieblingskleidungsstück?

Es gibt ein absolutes Lieblingskleiderstück, von dem ich leider nach fast 25 Jahren Abschied nehmen muss, weil der Stoff sich tatsächlich auflöst. Es ist eine Jacke von Jil Sander. Ursprünglich ein Kostüm, das ich in der Schwangerschaft mit meiner jüngeren Tochter getragen habe. Vom Rock habe ich mich gleich danach getrennt, aber die Jacke, die natürlich beige ist, wohnt noch heute in meinem Schrank. Der Schnitt ist so außergewöhnlich, dass ich ihn wohl von einer Schneiderin abnehmen und mir eine neue Jacke nach demselben Schnitt nähen lassen werde. Und jetzt habe ich doch tatsächlich meine Tochter genötigt, das gute Stück fotografisch festzuhalten.

Claudia Braunstein und die Lieblingsjacke von Jil Sander

Die Lieblingsjacke von Jil Sander (2016).

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ich versuche die inzwischen sichtbaren Spuren des Älterwerdens mit mehr Gelassenheit zu betrachten, was mir zugegebenermaßen nicht immer gelingt. Ich muss dazu sagen, dass meine Erkrankung mit all den massiven Therapien ihre Spuren hinterlassen hat. Ich bin durch den Krebs innerhalb eines Monats durch den Wechsel gegangen. Dafür brauchen andere Frauen oft Jahre. Darunter hat auch mein Bindegewebe sehr gelitten. Vor meiner Erkrankung wog ich 63 Kilo, das war für mich persönlich fast schon Übergewicht und entsprach einer guten 38er Konfektionsgröße. Ich habe dann in 2,5 Monaten 18 Kilo abgenommen, war bettlägrig und bewegungslos. Ich wiege zwar heute wieder 54 Kilo, aber der schnelle Gewichtsverlust hat Spuren hinterlassen, die nicht mehr gut zu machen sind. Das macht mich manchmal traurig.


Beneidenswert schlanke Beine ... :-) (2016)


Andererseits bin ich durchaus stolz darauf, dass ich trotz vieler Schwangerschaften und meinem fortgeschrittenen Alter immer noch eine präsentable Figur habe. Letztlich steht für mich an erster Stelle aber meine Gesundheit, ich weiß ja, wie schnell man die verlieren kann. Andererseits ... sind die Gedanken um mein Aussehen auch ein Zeichen dafür, dass es mir wieder blendend geht.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Ja doch, ich zähle schon eher zur Fraktion der Kosmetikgläubigen. Das wurde vermutlich schon in meiner Jugend verankert, denn meine Tante arbeitet im Österreich-Vertrieb von Lancaster. Somit saß ich gewissermaßen an der Quelle. Ich durfte immer ihr Monatskontigent verwenden, da sie selber keine Kosmetika verwendete, weder pflegende noch dekorative. Heute lege ich allerdings mehr Wert auf einen gesunde Lebensstil als auf Kosmetika: kein Alkohol, keine Zigaretten, gesunde Ernährung und vor allem viel Bewegung.

Du bist auf Reisen und hast deine Waschbeutel vergessen. Zahnpasta und Seife gibt es im Hotel. Auf welche drei (Kosmetik-)Produkte kannst du keinesfalls verzichten und kaufst sie sofort ein?

Ich würde auf alle Fälle meine Spezialzahnpasta („Regenerate Enamel Science” – sie soll Zahnschmelz auffüllen) kaufen. Und eine gute Gesichtscreme, wenn möglich La Mer, die mich schon ewig begleitet und die tatsächlich auch die Narbenheilung wunderbar unterstützt. Ja, und eine Körperlotion – oder doch lieber Wimperntusche?

Würdest du dich für die Schönheit unters Messer legen? Oder Botox, Filler etc. nutzen?

Ich musste mich auf Grund meiner Erkrankung mehrfach unter das Messer. Eine Krebserkrankung im Mund ist ein wahnsinnig großer chirurgischer Aufwand, der in den meisten Fällen nachgebessert werden muss. Ich hatte das sehr große Glück im Unglück, dass ich hier in Salzburg in den Händen eines absoluten Spitzenteams für Kopftumorchirurgie war und bin. Ich habe mich diversen ästhetischen Eingriffen unterzogen, etwa Narbenkorrekturen der „Neck Dissection“, das ist eine große Narbe von der Schulter zum Ohr und von einem Ohr zum anderen. Zudem hatte ich lange Monate einen Luftröhrenschnitt, auch der wurde mehrfach kosmetisch nachoperiert und ist heute nicht mehr sichtbar. Sogar die ehemalige Bauchöffnung für die Magensonde wurde plastisch gerichtet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne solche Gründe jemals an mir herumschneiden ließe. Worüber ich durchaus ein wenig nachdenke: Aufpolsterungen rund um den Mund-/Kinnbereich, da ich durch die unnatürliche, verkrampfte Mundhaltung tiefe Falten habe. Aber letztlich sind das immer nur kurze Gedankenspiele.


Wunderschön ... (2003)

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Ja, ich bin durch und durch positiv und ich kann mich an einfachen Dingen erfreuen. Ich gehe täglich 10.000 Schritte und das mit offenen Augen. Ich bewege mich sehr viel. Und ich versuche ein gesundes soziales Umfeld zu pflegen. Meine Familie ist mein Jungbrunnen.

Was ist für dich die größte Herausforderung am Älterwerden? Und die schönste Überraschung?

Die vielen kleinen Wehwehchen, die nicht nur durch meine Erkrankung entstanden sind, die empfinde ich manchmal als echte Herausforderung. Die Gelenke machen manchmal Probleme, der Ischias quält hie und da penetrant, ein Fersensporn meldet sich ab und dann. Vieles sind Folgen der Krankheit, zum Beispiel die Nervenschäden und das Chemobrain, das mich immer noch begleitet – in Kombination mit altersbedingter Abnützung ist das nicht immer sehr charmant.

Die schönste Überraschung? Das ist die Gelassenheit, der ich begegnet bin.


Liebt Beige. (2015)

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Ein Mantra in dem Sinn nicht, aber sicher einen Leitspruch: Bleibe immer du selbst und verbiege dich nicht. Während meiner langen Krankheitsphase begleitete mich folgender Satz: Ich bin durch die Hölle gegangen, aber der Himmel muss warten.

Danke, liebe Claudia, fürs Dabei sein, für deine tollen Fotos und für deinen Kraft im Kampf gegen diese schreckliche Krankheit. Ich weiß, dass dein Sieg vielen Menschen Mut macht! Und – leite deiner Mutter doch mal meine Beige-Kolumne weiter. Ich glaube, sie würde, sie mögen. :-D

***

Mehr spannende Interviews mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hinter diesem Klick.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 04. April 2016, 06:00 Uhr
Kommentare: 12 | Aufrufe: 3906 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: schönheitmontagsinterviewmodekosmetikinterviewgeschmeidige köstlichkeitenfrauen über 50foodblogclaudia braunstein
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Kommentare

  • Auch ich bedanke mich bei euch beiden für dieses Interview. Berührt mich sehr und macht mich nachdenklich.

    Herzliche Grüße,
    Anna

    Anna
    am Dienstag, 12. April 2016 um 16:22 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Claudia, Ihr Interview hat mich berührt, auch traurig gemacht und Ihren Mut und Ihre Ehrlichkeit finde ich wunderbar. Ich bin froh, liebe Susi, dass es diesen Blog gibt. Ich mag viele der Beiträge, aber besonders die Interviews mit so tollen Frauen wie Claudia.

    Sab
    am Sonntag, 10. April 2016 um 22:19 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wunderbares Interview mit einer großartigen Frau!

    Doro
    (die fast die gleiche Haar- u. Augenfarbe hat u. die gerne mal beige trägt)

    Doro
    am Dienstag, 05. April 2016 um 14:56 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Sehr bewegend! Danke euch beiden für das Interview und die ehrlichen Antworten!

    Lisa Graf-Riemann
    am Montag, 04. April 2016 um 16:33 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Vielen Dank für dieses beeindruckende Interview einer so schönen und interessanten Persönlichkeit! Ich wünsche ihr weiterhin nur Gesundheit und uns anderen allen auch!

    LG
    Rose

    Rose
    am Montag, 04. April 2016 um 14:41 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • R E S P E K T !!
    Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, so eine tolle, starke Frau!

    Xx martina

    m-iwear
    am Montag, 04. April 2016 um 14:07 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Was für eine starke und wunderschöne Frau. Hut ab vor soviel Optimismus. Da weiss man erst einmal wieder, wie gut es und geht - ohne grössere Erkrankung.

    Karin Austmeyer
    am Montag, 04. April 2016 um 14:05 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Tolles Interview einer wirklich tollen Frau!!

    Sonja
    am Montag, 04. April 2016 um 13:52 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Was für ein tolles Interview mit einer tollen Interviewpartnerin! Ich bin ganz nebenbei ein bißchen stolz darauf, daß Claudia auch Teil meines neuen Projekts, der blogs50plus.de, ist…

    Uschi aus Aachen
    am Montag, 04. April 2016 um 13:37 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wow, was für ein tolles Interview mit einer bewundernswerten Frau!

    Liebe Claudia: Ich finde Dein Engagement mit dem Barrierefrei-Essen-Blog und den gesamten Rest grandios. Und Beige mag ich persönlich zwar gar nicht, stehe aber fassungslos vor dem Fakt, dass DU es echt tragen kannst. *hihi* ;-)

    Lilian
    am Montag, 04. April 2016 um 10:20 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi, liebe Claudia, ganz herzlichen Dank für das tolle Interview. Absolut bewundernswert, mit wie viel Kraft und Mut Sie durchs Leben gehen. Selbst aus diesen Zeilen strotzt es nur so vor positiver Energie. Ich wünsche Ihnen alles BESTE ... Herzlicher Gruß - Conny

    Conny
    am Montag, 04. April 2016 um 10:10 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi, herzlichen Dank, dass du mir und meinem nicht ganz einfachen Thema so eine tolle Plattform gegeben hast. Und ganz besonders sage ich Danke für den Hinweis auf den Beige-Artikel für meine Mama, mit soviel Lachen sollte jede Woche beginnen. Liebste Grüße aus Salzburg, Claudia

    Claudia Braunstein
    am Montag, 04. April 2016 um 09:42 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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