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Im Gespräch mit Dr. Juliane Habig: Wie gut sind Hautöle wirklich?

Bis vor ein paar Jahren wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir Öl ins Gesicht zu schmieren. Zum Abschminken und Entfernen von Augen-Make-up, ja, dafür schon – aber als Pflege? Nein, das wäre mir nicht eingefallen. Doch dann brach der Hype rund um Hautöle aus und jedes Kosmetikunternehmen, wirklich jedes, brachte ein eigenes heraus. Öl, so schien es plötzlich, war das kosmetische Nonplusultra! Nichts würde unsere Haut schöner machen und so intensiv pflegen, hieß es, und kein anderes Produkt verliehe ihr diesen gesunden Glow …

Natürlich musste auch ich es ausprobieren. Wenn alle Welt darüber sprach, war sicher etwas dran! Ich testete diverse Hautöle, auch richtig teure, aus seltenen Pflanzen gepresst, die irgendwo im Himalaya bei Vollmond von Hand geerntet worden waren … oder zumindest so ähnlich. ;-))

Vor allem während der kalten Jahreszeit und der Heizperiode trug ich das Öl vor dem Zubettgehen großzügig auf und ging mit der Erwartung ins Bett, morgens glatt und wie neu geboren auszusehen. Was allerdings nie passierte. Tatsächlich, fand ich, sah meine Haut ohne das Öl am Morgen sogar deutlich praller aus. 

Dr. Juliane Habig 

„Es muss an mir und meiner Haut liegen“, dachte ich. Dass wir eben die Ausnahme zur sonst so fabelhaften Wirkung der Pflegeöle wären. Bis ich mich mit meiner Lieblingshautärztin, Dr. Juliane Habig, darüber unterhalten habe. Dieses Gespräch war für mich so aufschlussreich, dass ich mit ihr dazu noch ein ausführliches Interview geführt habe – in dem man ihr Herzblut bei dem Thema spürt. 

Noch kurz zu Juliane selbst, bevor wir ins Thema einsteigen: Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Dermatologin, sie ist auch ein ganz wunderbarer Mensch. Ich schätze sie für ihr Wissen, aber auch für ihren Charakter, ihre Wärme, ihre Persönlichkeit. Und ich liebe – das soll nicht unerwähnt bleiben – ihre frisch gelaunchte Hautserie Sensapur, die wirklich etwas tut für die Haut (ich hab’s ausprobiert, im Januar kommt ein ausführlicher Review!). Pure Öle gehören übrigens nicht zum Programm. 

Gibt es eigentlich einen Grund dafür, dass Hautöle in den letzten Jahren so in Mode gekommen sind?

Ich denke, da kommen ein paar Faktoren zusammen: Verstärkte Werbung (auch auf Social Media) sowie der Gedanke, 100 Prozent natürliche Pflanzenöle müssten einfach besonders gut für die Haut sein. Und dann werden auch bestimmte Hautpflegeroutinen propagiert (zum Beispiel die koreanische 10-Step-Pflegeroutine – wobei die ja schon längst wieder out ist), die Öle etwa zum Double-Cleansing anwenden. Und wenn der Zug mal rollt, dann springen viele auf, auch aus Unwissenheit und weil der Wunsch nach einer schönen Haut einfach so groß ist.

Ist Öl denn tatsächlich so besonders pflegend? Was genau passiert damit auf der Haut? 

Wir müssen hier unterscheiden: zwischen puren fetten Ölen*, insbesondere von Pflanzenölen, die direkt auf der Haut angewandt und Ölen, die in ausgewogenen Anteilen in gute Hautpflegeprodukte eingearbeitet werden.

Pur aufzutragende fette Öle werden oft – ohne dermatologischen Nachweis – zur Pflege der Haut angeraten und als mild gepriesen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Denn der Mechanismus aller direkt auf der Haut pur aufgetragener fetter Öle ist folgender: Sie agieren wie eine aggressive Lösungs- und Waschsubstanz, denn sie verbinden sich mit unseren wertvollen hauteigenen Fetten bzw. Lipiden in den obersten Hautlagen und lösen sie damit heraus. 

Dieses Herauslösen aus dem Verbund führt zu einer Störung der Hautbarriere und wirkt sich dadurch negativ auf den natürlichen Feuchtigkeitsgehalt der Haut aus. Denn die interzellulären Lipidschichten verhindern die Verdunstung von Wasser. Werden sie aber durch Öl „herausgewaschen“, kommt es zu einem erhöhten Wasserverlust.

Das Resultat: Die obere Hautschicht verliert Feuchtigkeit, obwohl sie geölt ist. Möglicherweise wird dieses geölte Gefühl von einigen zwar als hilfreich empfunden – für die Haut ist es das aber im Endeffekt nicht.  

Man kann die Sache ganz einfach herunterbrechen: Am Ende führt jedes pur aufgetragene fette Öl zur Entfettung und Entfeuchtung, wenn es auf der Haut physikalisch bewegt wird. Und das ist ja bereits beim Auftragen der Fall. Zudem bewegen sich Öle auch selbst auf der Haut.

Dennoch halten sich die Mythen um Hautöle hartnäckig. So werden sie sogar zur Behandlung fettiger Haut, Akne oder erweiterter Poren angepriesen. Beliebt ist auch das Argument, mit dem Auftragen von Ölen würde die hauteigene Talgproduktion reduziert – was aus dermatologischer Sicht völliger Unsinn ist. Fakt ist: Es gibt keinen wissenschaftlich ernstzunehmenden, gesicherten Wirksamkeitsnachweis dafür, dass fette Öle pur aufgetragen bei erweiterten Poren, fettiger Haut und Akne therapeutisch nützen. Ebenso wenig kann die Haut erspüren, wieviel aufgetragenes Öl auf ihr liegt, um dann den Talgdrüsen mitzuteilen, sie mögen ihre Produktion drosseln. 

Spricht etwas dagegen, eine Pflegecreme mit Hautöl anzureichern?

Prima, jetzt kommen wir zu den vielen positiven Effekten von Pflanzenölen in Kosmetika. Wenn diese nicht pur, sondern zum Beispiel in einer ausgetüftelten Emulsion, also auch in Seren oder Cremes, eingebettet werden, zusammen mit rückfeuchtenden Substanzen und weiteren Wirkstoffen, können sie durchaus sehr vorteilhaft für eine gute Hautpflege sein. Und davon bin ich ein großer Fan.                                          

Manche Pflanzenöle sind unseren natürlichen Hautfetten sehr ähnlich, können daher in der richtigen Formulierung auch gut in die oberste Hautschicht eindringen, das Lipidreservoir auffüllen und somit die Hautbarriere stärken und pflegen. Wenn Öle in Form kleinster Tröpfchen als Bestandteile einer Emulsion zusammen mit rückfeuchtenden Substanzen aufgetragen werden, haben sie eben nicht mehr diesen Auswascheffekt (den sie haben, wenn sie wie ein Ölteppich auf der Haut liegen) sondern lagern sich in die obersten Hautschichten ein.

Was hältst du von Reinigungsölen?

Es kommt letztendlich auf die „Nachbehandlung“ an. Bei festhaftendem Make-up oder wasserfester Mascara funktionieren sie ohne Frage als erster Reinigungsschritt. Ich selbst verwende kein Öl, vor allem, weil ich es nicht mag, wenn es in die Augen gelangt und sie reizt. 

Wichtig sind zwei Dinge: einerseits, dass pures fettes Öl nicht einfach auf der Haut verbleibt. Und andererseits, dass die Haut, wenn Öl zur Reinigung genutzt wird, mit einem weiteren Produkt nachgereinigt wird und durch gute Pflegeprodukte schließlich zurückbekommt, was ihr genommen wurde.

Liebe Juliane, danke fürs Gespräch und die erhellenden Informationen!

Es macht mich wirklich sprachlos, dass die Kosmetikindustrie uns pures Öl als Pflege verkauft – wo es doch offenbar das glatte Gegenteil bewirkt. 

Wer noch mehr über gute und wirkungsvolle Hautpflege erfahren will, dem möchte ich unbedingt Julianes Youtube-Kanal ans Herz legen, auf dem sie regelmäßig über spannende Haut- und Schönheitsthemen informiert.

Was mich jetzt wirklich interessiert:

Hast du jemals Hautöle ausprobiert? Wie waren deine Erfahrungen?

 

*Der Begriff „fette Öle“ ist ein feststehender Begriff und bezeichnet Öle, die vorwiegend aus Triglyceriden bestehen und bei Raumtemperatur flüssig sind. Sie unterscheiden sich grundlegend von anderen Ölarten wie ätherischen Ölen, Mineral- und Silikonölen 

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Porträtfoto Juliane Habig: Martina Klein, Berlin

Kosmetikfläschchen: Kadarius Seegars via Unsplash

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Mein Buch über Mode, Stil und das Leben 50plus: Die beste Zeit für guten Stil. Fashion for women. Not girls. (Oder hier bei Amazon.) Der erste Stilguide ohne Stilregeln, dafür mit vielen Anregungen zu mehr Nachhaltigkeit. Kein Ratgeber – ein Mutmacher! Ist übrigens auch ein hübsches Geschenk – auch für Weihnachten! 

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Auf Texterella dreht sich alles um Frauen ab 45/50 - um Frauen in ihren besten Jahren! Meine Themen sind Stil, Hautpflege, Reisen und Kultur, gutes Essen, kurz: Inspiration für ein schönes, erfülltes und zufriedenes Leben! Vielleicht magst du mein Blog abonnieren, dann verpasst du keinen Beitrag mehr! Geht ganz schnell: Mail-Adresse eintragen, absenden und – ganz wichtig!! – den Link in der Bestätigungsmail, die dir im Anschluss zugestellt wird, anklicken. Manchmal versteckt sich diese Mail im Spamfilter. Aber ohne Verifizierung, keine Texterella-Mail! :-) Dass ich mit deiner Adresse keinen Unfug betreibe, du dich auch jederzeit wieder abmelden kannst und dass dieser Service natürlich absolut kostenlos ist, muss ich sicher nicht extra dazusagen. Ich freue mich auf dich!

2451 10 Texterella macht sich schön., 50+ Lifestyle, Beauty & Fashion 14.11.2021   beautytalk, dr. juliane habig, hautpflege, hautpflege ab 40, hautpflege im winter, texterella macht sich schön

10 Kommentare

Judith
am Sonntag, 14. November 2021 um 09:37 Uhr

Ich habe eine eher unproblematische Haut und verwende seit etwa 50 Jahren mal dies, mal das, von Weleda bis LaMer. Ich konnte nie einen wirklichen Unterschied in der Wirkung feststellen. Seit etwa einem Jahr benutze ich ein Serum und drüber eine Hautöl-Komposition (von AVE&YOU;) und ehrlich gesagt, das macht jetzt aber schon einen Unterschied. So schön war meine Haut noch nie. Was immer da genau den Unterschied zwischen “fetten Pflanzenölen” und diesem Öl ausmacht, der ist groß!

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Susanne Ackstaller
am Mittwoch, 17. November 2021 um 20:16 Uhr
Hallo liebe Judith, ist das denn reines Öl oder eben eine Mischung? Magst du es nennen? Ich finde es immer super interessant, was andere Frauen verwenden und von was sie begeistert sind! Liebe Grüße!

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Bella
am Sonntag, 14. November 2021 um 10:56 Uhr

Danke für den Artikel! Ich hatte mir nämlich auch gerade überlegt, mir ein Öl zuzulegen, selber mit Sheabutter zu vermischen, um diese ganzen bösen Inhaltsstoffen zu vermeiden. Siehe unlängst Stiftung Warentest und die Lippenstifte, wo man doch immer wieder Sorge hat, sich mit so einer Art Bleiweiß zuversichtlich zu vergiften. Ach herrje. Es ist alles nicht so einfach:)

LG Bella

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Susanne Ackstaller
am Mittwoch, 17. November 2021 um 20:18 Uhr
Ein wahres Wort. Bei Kosmetik muss man wirklich genau hinschauen, damit man sicher sein kann, dass es mehr nützt denn schadet! Liebe Grüße!

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Eva
am Sonntag, 14. November 2021 um 12:36 Uhr

Oh, das war jetzt doch sehr interessant! Danke! Ich wollte erst gar nicht lesen, dachte ach nein, schon wieder eine Lobeshymne auf Gesichtsöle, ich hege nämlich eine Abneigung gegen diese.
Nun weiss ich auch, warum ich die nicht mag
Schönen (hier verregneten) Sonntag wünsch ich!

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Susanne Ackstaller
am Mittwoch, 17. November 2021 um 20:19 Uhr
Genau so ging es mir auch! Ich dachte immer, ich MUSS sie doch mögen ... jetzt weiß ich auch, warum ich nie so wirklich begeistert war. Liebe Grüße!

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Nicole
am Sonntag, 14. November 2021 um 15:50 Uhr

Liebe Susi,
als ich das Bild von Juliane sah, dachte ich zuerst an Céline Dion…
Ich mag im Gesicht keine Öle und fand ihre Anwendung immer etwas problematisch (auf feuchte Haut aufzutragen, so ähnlich wie Tempolimit bei Nässe). Dann hat mir unsere Tochter ein Körperöl geschenkt, dass ich mit meiner Bodylotion mische. Und das ist ein Match- ein- bis zweimal in der Woche macht es die Haut zart geschmeidig und nichts muss feucht sein..
Danke für die Aufklärung und einen schönen Sonntag,
liebe Grüße
Nicole

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Susanne Ackstaller
am Mittwoch, 17. November 2021 um 20:21 Uhr
Mit Bodylotion gemischt ist es dann ja auch schon wieder eine ganz andere Nummer! :-) Liebe Grüße!

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Sieglinde Graf
am Montag, 15. November 2021 um 08:48 Uhr

Kürzlich habe ich bei Tina über Arganöl soviel Gutes gelesen und nun lese ich dies bei Dir. Nun bin ich doch etwas verwirrt.
Ist das nun auch ein ungutes fettes Öl?
Öle habe ich bisher nie pur verwendet.
Aber mit dem Älterwerden überlegt frau natürlich manches neu…
Herzliche Grüße von Sieglinde

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Susanne Ackstaller
am Mittwoch, 17. November 2021 um 20:14 Uhr
Liebe Sieglinde, ich kann dir das im Detail auch nicht beantworten, aber ich würde mal davon ausgehen, dass auch Arganöl pur auf der Haut eher schadet. Öl ist einfach ein Lösungsmittel und löst eben leider auch die guten Fette aus der Haut. Ich finde schlichtweg: Es gibt so viele andere Möglichkeiten, die Haut zu pflegen, da muss ich nicht unbedingt zu Öl greifen. Liebe Grüße!

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