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Sie sieht sich selbst als leisen Menschen – allerdings mit gut vernehmbarer Stimme. Dr. Sylvia Löhken ist nicht nur Deutschlands Vortragsrednerin 2012, sie hat sich auch einem Thema verschrieben, das bislang eher wenig Gehör fand. Und hat es damit sogar bis auf die Titelseite des Spiegel geschafft: Leise, introvertierte Menschen, die im lauten, selbstdarstellerischen ShowBiz unserer modernen Gesellschaft oftmals nicht die Beachtung finden, die sie verdienen. Ausnahmen bestätigen die Regel, denn auch Barack Obama, Angela Merkel, Woody Allen, Loriot und Barbra Streisand (um nur einige wenige zu nennen ...) sind „leise Menschen”, die – anders als die Extrovertierten - ihre Kraft aus der Ruhe und Zurückgezogenheit schöpfen.

Sylvia hat über introvertierte Menschen und ihre Stärken ein Buch geschrieben. Es heißt „Leise Menschen - starke Wirkung“ und wurde auf Anhieb zum Bestseller. Dabei kam sie zum Schreiben relativ spät, mit Anfang 40, nachdem sie, die promovierte Sprachwissenschaftlerin, sich nach vielen Jahren in Forschung, Lehre und im Management einer internationalen Organisation auch erst mit 38 selbstständig gemacht hatte. Heute, mit 47, arbeitet sie als Coach, Beraterin und Vortragsrednerin für introvertierte Kommunikation, spricht täglich mit vielen Menschen und liebt es, gerade die leisen unter ihnen, auf ihrem Weg zu unterstützen.


Ein leiser Mensch. Aber mit Hammer-Wirkung!

Ihre Art auf meine Fragen zu antworten, fand ich besonders: besonnen, ruhig, gelassen. Anders. Und unglaublich spannend.

Aber lies selbst.

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert? Welche Stilrichtung bevorzugst du?

Mode gehört zur Person – und Person bedeutet wörtlich „durch die Maske klingen”. Will sagen: Mit dem, was wir anziehen, übernehmen wir eine Rolle, ob wir wollen oder nicht. (Wenn wir nichts anziehen, eigentlich auch, aber das wird eher selten Mode. :-))

Gelernt habe ich das sehr praktisch und ziemlich früh „on the job”. Nach dem Abitur habe ich erst einmal eine Bankausbildung gemacht (galt damals als todsicheres Ding!), damit ich mein eher originelles Studienfach mit einer soliden Werkstudentinneneinnahmequelle absichern konnte.

Im Banking habe ich schnell gelernt: Du wirst als das wahrgenommen, als was Du Dich darstellst. Kleidung signalisiert Status. Also entscheide Dich: Willst Du als kompetent wirkende Fachkraft die interessantere Anlageberatung machen oder die dekorative Schalterfee geben und den langweiligen Kram am Hals haben (den die Kollegen in der Anlageberatung delegieren können)? Keine Frage: Kostüme (mit nicht zu kurzen Röcken) und Hosenanzüge waren eine gute Investition. Im Prinzip war das wie ein fixer Fremdsprachenerwerb. Noch heute kann ich mein Geld gut anlegen und kenne das Kleidungsspiel. Die Zeit in der Bank hat sich also langfristig gelohnt, auch wenn ich nur einmal Werkstudentin war, bevor es dann interessanter wurde.


Buchparty: Grün ist definitiv Sylvias Farbe!

Und noch heute habe ich einen eher nüchternen Blick auf Mode: Kleidung soll mit meiner Person stimmig sein, außerdem bei all den Reisen möglichst bequem und der jeweiligen Situation angemessen sein. Im Zweifel lieber etwas „mehr” als „weniger”. Statusregeln beachten. In meinen drei Jahren Japan habe ich diese Grundsätze zwischen den Kulturen so weit ausbuchstabieren und variieren gelernt, dass ich jetzt nicht mehr viel darüber nachdenken brauche. In Tokio habe ich per Versand Kostüme aufgetrieben, in denen ich im 9. Schwangerschaftsmonat Vorträge über die Zukunft des europäischen Wissenschaftssystems halten konnte. Modell Kompetenzkugel also, in schlichtes Leinen gewickelt. Tipp: Schwangerschaftsmode für Berufstätige bekommt man am besten in den USA.

Allgemein bedeutet das noch heute: Reduktion. Klares Design ohne Ornamentales – Alles Rüschige, Blumige, Spitzenbesetzte sowie Tapetenmuster und Volants hätten bei mir wahrscheinlich die Wirkung von Karnevalskostümdekor. Gern dafür fließende, weiche Stoffe, die aber eine klare Linie haben; lieber gute Qualität als späte Reue. Ich gehe manchmal sogar so weit, dass ich nach der Regel schiele, die besagt: Nicht mehr als sieben unterscheidbare Dinge am Körper tragen. Inklusive Schmuck.

Hast du ein Lieblingskleidungsstück? Wenn ja, welches? Und warum?

Ehrlich gesagt: Nein. Lieblinge habe ich nur unter Lebewesen.

Ich schätze an verschiedenen Kleidungsstücken bestimmte Eigenschaften, ihre Funktion. An meinem schwarzen Joop-Mantel mag ich die warme Geborgenheit, die er auf kalten Bahnhöfen und auf Taxisuche bietet. An meinem grünen Kleid, das ich auf meiner Buchparty trug, finde ich klasse, dass es schlicht ist, aber gleichzeitig einen eingearbeiteten Schal hat, den ich in verschiedenen Varianten drapieren kann, schnell und leicht. Meine blauen Pumps hege und pflege ich, weil sie elegant aussehen, aber so bequem sind, dass ich damit (na ja, fast) bergwandern könnte (das kann man recht schön in diesem Video sehen).

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Die ist ziemlich gleich geblieben, stelle ich gerade beim Nachdenken über Deine Frage fest. Form folgt Funktion. Margarete Mitscherlich hatte mit 94 Jahren die Augen eines jungen Mädchens: Sie war neugierig, lebendig und hatte Freude am Leben. Diese Kombination macht schön, von innen nach außen. Schon Menschen, die auf die 50 zugehen, sehen so aus, wie sie gelebt haben. Da gibt es erstaunliche Entwicklungen: Der einstige Beau sieht aus wie ein Sparkassendirektor. Und die einstige graue Maus hat eine erstaunliche Ausstrahlung. Übrigens sind viele introvertierte Menschen Spätentwickler und „erblühen” erst relativ spät zu ihrer eigentlichen Schönheit. Von innen nach außen. Passt ja ...


1998. Während ihrer Lehr- und Wanderjahre in Japan.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte? Hast du eine Lieblingsmarke?

Ich bin ein hellhäutiges Sensibelchen und achte darauf, meine dünne Hülle gegen Sonne, Wind und Austrocknen zu schützen. Auch hier: keine Lieblinge, ich probiere hin und her. Wie man sich mit Botox gesichtslähmen lassen kann, verstehe ich nicht. Reduzierter Ausdruck gegen Faltenfreiheit – wow, das ist ein Preis! Erinnert mich an Andersens kleine Meerjungfrau, da habe ich auch nie verstanden, warum der Prinz ihre Zunge und lauter Schmerzen wert sein sollte ...

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Mit Menschen zusammensein, die ich mag. Tun, was ich liebe. Im Alltag skrupellos und erfindungsreich kleine Ruheinseln klauen. Diese nutzen, um zu lesen, eine halbe Stunde zu schlafen oder einen japanischen Grüntee zu trinken. Grüntee soll übrigens auch sonst sehr gesund sein. Mal sehen, wie ich aussehe, wenn ich die 90 überschritten habe ...


Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Ja, eines zum Reinwachsen, das mir als Frau des Wortes ein uraltes Benchmark ist: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.” (1. Kor. 13, 1)

Danke, liebe Sylvia, für das spannende Interview!


***

Mehr spannende Interview mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hier: Click and enjoy!

 
Susanne Ackstaller, Montag, 21. Januar 2013, 09:00 Uhr
Kommentare: 4 | Aufrufe: 6524 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: sylvia löhkenstilschönheitmodefrauen ab 40
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Kommentare

  • Das ist ja wirklich ein besonders schönes Interview! Danke an Susi und Sylvia!

    Antje Ritter
    am Dienstag, 22. Januar 2013 um 11:27 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Immer wieder eine Chance, spannende und auch unbekannte Frauen mit Wow-Faktor kennenzulernen - Danke, Susi, für die Reihe und danke auch der beeindruckenden Gesprächspartnerin!

    Michaela
    am Montag, 21. Januar 2013 um 10:20 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Tolles Interview mit viel Tiefgang - vielen Dank an euch beide!

    Angelika B.
    am Montag, 21. Januar 2013 um 10:13 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Mode-Antworten, die nachdenklich machen. Danke dafür!

    Jutta
    am Montag, 21. Januar 2013 um 10:12 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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