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Anja Weiligmann kenne ich schon fast ein ganzes Internet lang. Und seit fast drei Jahren – im Grunde seit ihrem 40. Geburtstag – bitte ich sie in regelmäßigen Abständen um ein Montagsinterview. Tja, man muss auch Geduld haben können, ne? :-) Erst mit ihren Antworten auf meine Interviewfragen habe ich den Grund für ihr Zögern erfahren: Sie wäre doch so unspektakulär. Interessanterweise höre ich genau diesen Einwand ständig: „Wieso ich? Ich bin doch so uninteressant! Und überhaupt habe ich doch gar nichts zu erzählen!“ Wie langweilig, fad und uninteressant all diese Frauen sind beweist ja der Erfolg dieser Serie: nämlich kein bisschen.

Endlich also auch Anja Weiligmann, die ich zu den spannendsten Frauen und den erfolgreichsten Übersetzerinnen in meinem Umfeld zähle. Dabei hatte alles mal ganz gediegen mit einem Lehramtsstudium (Mathematik und Englisch) begonnen – bis Anja ihre Leidenschaft und ihr Talent fürs Übersetzen entdeckte. Heute übersetzt Anja zum Beispiel Stephen King („Es” und „Christine”), aber auch Filme, Fernsehserien und Computerspiele. Boah! Ja, so spannend kann also langweilig sein. ;-)))


Anja Weiligmann (Heppelmann)

Anja Weiligmann, 43. (Foto: Verena Neuhaus)


Zur Entspannung vom beruflichen Grusel *g* lebt Anja mit Mann und Hund auf platten Münsterland. Das Landleben tut ihr mehr als gut – wie man ganz offensichtlich sieht! :-)

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich würde sooooo gerne schreiben, dass ich eine modische Rebellin war, mich immer anders gekleidet habe als andere, oft aufgefallen bin und darauf gepfiffen habe, was andere von mir dachten. Aber das wäre gelogen. ;-) Ich war nie rotzcooler Punk oder weltschmerziger Goth oder engagierter Öko. In den 80ern war ich eher Popper (weil es im Freundeskreis irgendwie alle waren) mit den obligatorischen Vanillahosen, Lederschlips und Kurzhaar-Seitenscheitel.


Anja – in Hellgrau und mit Halsband

Farbwechsel: spannendes Hellgrau! (1998)


Während meines Studiums, ab Anfang 90er, würde ich meinen Kleidungsstil am ehesten als das bezeichnen, was man in der Musik „mainstream” nennt: unauffällig und eher langweilig – die Farbwahl spielte sich in dezenten Schattierungen von Weiß, Hellgrau, Dunkelgrau, Hellschwarz und Dunkelschwarz ab. Meistens aber Tiefschwarz. Und natürlich mit den obligatorischen Plateauschuhen. In der Zeit habe ich nie etwas anderes getragen.


Anja mit Dauerwelle

Todschick mit Dauerwelle! (1991)


Von Mitte der 80er bis Anfang der 2000er hatte ich tatsächlich eine Dauer-Dauerwelle – erst kurz, dann lang – und fand mich damit todschick. Zwischendurch trug ich sogar mal Rastas, was ich in einer Stadt wie Paderborn schon recht mutig fand. Vielleicht war ich ja doch eine kleine Rebellin?

Welche Stilrichtung bevorzugst du? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert – und warum?

Heute liebe ich es sportlich und praktisch, die Vorliebe für gedeckte Farben ist aber geblieben. Früher habe ich mich sehr weiblich und körperbetont gekleidet, eher schick mit hohen (Plateau-)Absätzen. Ich brezle mich auch heute noch auf, wenn ich ausgehe, aber das kommt eben nicht mehr so häufig vor wie früher.

Hattest du modische Vorbilder? Personen oder Persönlichkeiten, die deinen Stil geprägt haben – oder eine modische Ära?

Ich bin natürlich ein Kind der 80er. Modische Vorbilder hatte ich nicht wirklich, da ich nie mutig genug gewesen war, um mich etwa wie Madonna oder Cyndie Lauper zu kleiden. Ich mag Frauen, die modisch aus dem Rahmen fallen, bunt sind, mutig sind, das finde ich viel schöner als austauschbare Abziehbilder, die einem sich ständig ändernden Ideal entsprechen.

Hast oder hattest du ein Lieblingskleidungsstück?

Ja, das Polyesterfell-Dingsi, das ich auf diesem Foto trage:


Anja mit Felldingsi

Das „Felldingsi” (1999)


Ich kann dir nicht mal sagen, warum, aber ich hab’s geliebt und zu jeder zweiten Party getragen. Andererseits – als Studentin ist man ja auch chronisch blank und hat nicht allzu viel Auswahl im Kleiderschrank, vielleicht lag es auch einfach daran. Aber irgendwie habe ich mich in dem Ding mondän gefühlt.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ich schminke mich nicht mehr jeden Tag, während ich früher ungeschminkt nicht mal zum Bäcker gegangen wäre. Irgendwann haben sich bei mir die Prioritäten verschoben, die Zeit, die ich sonst morgens vorm Spiegel verbracht habe, verbringe ich inzwischen lieber mit meinem Hund im Wald. Ich glaube schon, dass es etwas mit dem Älterwerden zu tun hat. Heute habe ich das Selbstbewusstsein, das ich als Teenie oder auch Anfang des Studiums gerne gehabt hätte. Was nicht heißt, dass ich Kritik an meinem Aussehen einfach so wegstecke. Aber ich habe gelernt, dass ein Mensch sich nicht durch sein Äußeres definiert bzw. definieren lässt.

Früher bin ich beim Ausgehen recht häufig von Männern angesprochen und nach meiner Telefonnummer gefragt worden. Das ließ so ab Anfang der 30er nach, woran ich zuerst ziemlich zu knabbern hatte. Heute gehe ich aus, um mit Freunden eine schöne Zeit zu haben, und nicht, um mir Bestätigung zu holen. Wenn mir heute jemand sagt, dass er vielleicht meinen Humor mag oder meine Meinung wertschätzt, gibt mir das viel mehr, als wenn ich Komplimente für mein Aussehen bekommen würde. Äußere Schönheit ist vergänglich, innere Schönheit nicht. Und innere Schönheit finde ich viel schwieriger zu erreichen als äußere Schönheit.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Ich rede mir ein, an die Möglichkeiten moderner Produkte zu glauben, weiß aber, dass es im Prinzip größtenteils Humbug ist. Ich kann mich immer noch stundenlang in der Drogerie vor dem Regal mit den Schminksachen aufhalten, Lippenstifte ausprobieren, Lidschatten angucken, Nagellacke bestaunen. Ich benutze diese Produkte aber nicht mehr jeden Tag.


Anja mit Rasta-Locken

Rastalocken! (1995)


Natürlich bin ich auch Werbe-Opfer und kaufe mir die Creme, die strahlend schön macht, aber im Prinzip gibt es nur zwei Kategorien von Cremes für mich: teuer und nutzlos oder billig und nutzlos. Ich kann mich von diesen Werbeversprechen aber trotzdem immer noch nicht freimachen. ;-)

Du bist auf Reisen und hast deine Waschbeutel vergessen. Zahnpasta und Seife gibt es im Hotel. Auf welche drei (Kosmetik-)Produkte kannst du keinesfalls verzichten und kaufst sie sofort ein?

Ich liebe die BB Cream von L’Oréal, weil sie deckt, ohne maskenhaft zu wirken. Dann würde ich mir einen Kajal in Braun und Wimperntusche in Schwarz kaufen. Marken sind mir dabei egal.

Wenn du dir ein (noch nicht existierendes) Produkt von der Kosmetikbranche wünschen dürftest: Welches wäre das?

Ich glaube, ich würde mir ein Produkt wünschen, das meine Haare nicht grau werden lässt. Das ist wirklich das Einzige, was mich an mir nervt. Wenn ich nicht färben lassen würde, wäre ich inzwischen schon grau, und dafür fühle ich mich einfach noch zu jung – zumal ich mich innerlich wie 30 fühle. 40 ist ja auch bekanntlich das neue 30. ;-)


Anja Weiligmann 2015

Wunderschön! (2014)


Und ich würde gerne auf meine Brille verzichten können … Ausgeprägte Kurzsichtigkeit mit zunehmender Alterssichtigkeit ist leider eine sehr ungünstige Kombination, was Kontaktlinsen angeht.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Kein wirkliches Schönheitsgeheimnis, eher eine Feststellung: Wer glücklich ist, ist schön.

In meinen 30ern gab es eine Zeit, da war ich kreuzunglücklich, und wenn ich mir Fotos aus dieser Zeit ansehe, sieht man mir das auch an. Auch Freunde haben mir oft gesagt, wie traurig ich wirke.

Dann lernte ich meinen Mann kennen und ab da strahle ich tatsächlich fast auf jedem Bild. Ich denke, das ist das ebenso einfache wie schwierige Geheimnis der Schönheit.

Was würdest du in Sachen Schönheit gerne mal ausprobieren?

Ich würde mich gerne mal von einem professionellen Make-up-Artist schminken und mir von einem Starfriseur die Haare schneiden lassen. Und dann gucken, ob das wirklich so viel ausmacht.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Ein Lächeln ist die schönste Art, dem Leben die Zähne zu zeigen.

Liebe Anja, vielen Dank fürs Dabei sein! Und übrigens: Ich war während meiner Jugend auch gänzlich unauffällig – ich hatte noch nicht mal eine Rastalocken-Phase! Du bist also nicht allein! ;-)

***
Mehr spannende Interviews mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hinter diesem Klick.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 29. Juni 2015, 06:00 Uhr
Kommentare: 3 | Aufrufe: 4071 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: übersetzerinschönheitmontagsinterviewmodeinterviewfrauen ab 40fashionbeautyanja weiligmannälter werden
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Kommentare

  • Schöööönes Interview mit einer echt interessanten Frau. Wieso meinen wir nur alle, wir wären es nicht…

    Jutta Bissinger
    am Samstag, 04. Juli 2015 um 13:23 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Anja, ich liebe deinen Humor! ;-) Und deine Ausdruckskraft. Und ... (Rest mündlich) ;-)

    Jutta
    am Montag, 29. Juni 2015 um 19:49 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Anja,
    ich werfe ein Küsschen!
    Gut, dass du die Rastas nicht mehr hast.
    Die lenken ab vom strahlenden Rest.

    ;)
    Liebe Grüße,
    Barbara

     

    Barbara
    am Montag, 29. Juni 2015 um 09:33 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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