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Kürzlich wurde ich in einem Kommentarthread auf einem anderen Blog als „Gutmensch, der in einer Parallelwelt lebt“ bezeichnet. Konkret ging es um meine Haltung zum Thema Flucht und Asyl, über die ich auf Texterella hier und hier und an noch ein paar anderen Stellen geschrieben habe – und zu der ich im Übrigen nach wie vor stehe.

In einem ersten Reflex wollte ich mich empört gegen diesen Ausdruck verwehren. Doch dann … hielt ich inne. Warum war mir die Bezeichnung „Gutmensch” eigentlich unangenehm?


„Gutmensch”? Ist für mich kein Schimpfwort!


Seitdem habe ich viel über diesen Ausdruck nachgedacht. Darüber, dass „Gutmensch“ in unserer Gesellschaft beleidigend gemeint ist, darüber, dass man sich dafür schämt, als solcher bezeichnet zu werden. Und auch darüber, was letztlich dahinter steckt: Nämlich, dass es uns offensichtlich geradezu peinlich ist, moralische Vorstellungen und Werte zu haben, und die auch mal hochzuhalten. Dass man sich beschimpfen lassen muss, wenn man es dennoch tut – als „Gutmensch“.

Ich finde diese Entwicklung entsetzlich.

Ich muss nicht extra betonen, dass ich weit davon entfernt bin, ein guter Mensch zu sein. Ich weiß um die Situation der Geflüchteten und Asylsuchenden in unserem Land – und schaffe doch nur zwei Stündchen Deutschunterricht pro Woche (und das nicht mal immer!). Ich weiß um das Leid in der Tierhaltung, und kaufe dennoch tierische Produkte (wenn auch seltener). Ich habe den Schrank voller Klamotten und kaufe Neues, nicht wissend, unter welchen Bedingungen es produziert wurde. Ich weiß um die Ungerechtigkeit in dieser Welt, und bleibe doch oft genug auf meinem Hintern hocken, anstatt mich für eine gerechte Welt stark zu machen. Ich bin bequem, ich bin phleghmatisch, ich überlasse das Engagement viel zu oft anderen. Nicht immer erhebe ich mein Wort, wenn es notwendig wäre, weil es manchmal einfacher ist, nichts zu sagen.

Aber ich bemühe mich. Ich versuche das Richtige zu tun. Nicht immer gelingt es mir, im Grunde sogar viel zu selten. Aber ich arbeite daran. Ja. Dazu gehört für mich in erster Linie, Menschen, die Hilfe brauchen, zu helfen.

Und wenn mich jemand dafür „Gutmensch” nennen will, dann soll er. Sogar gerne!

 
Susanne Ackstaller, Donnerstag, 12. November 2015, 13:54 Uhr
Kommentare: 11 | Aufrufe: 2182 | Kategorie: Leben,
 

Kommentare

  • Liebe Susanne!
    Wenn es so gesehen wird, dann stelle ich mich zu Dir und bezeichne mich selbst als Gutmensch. Denn ich bin absolut Deiner Meinung und stehe dazu! Ich sage anstelle von anderen ein herzliches Danke, dass Du Dir von Deiner spärlichen Freizeit, die Zeit für Deutschunterricht nimmst. Du gibst mir den Mut und ich werde weiterhin mir meinen Mund fusselig sprechen um diesen ängstlichen Provokateuren zuerklären, dass niemand freiwillig solche Tortur und die Gefahr um sein Leben auf sich nimmt, wenn er ein funktionierendes lebenswertes Leben in seiner Heimat hat.
    Danke liebe Susanne für Deine Offenheit und Menschlichkeit. Liebe Grüße Evelin

    Evelin Wakri
    am Freitag, 13. November 2015 um 17:13 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • ich wurde die tage als teddybär werfender willkommensnaivling bezeichnet. auch das habe ich erhobenen hauptes angenommen. auch ich bin wie du, ein vollkommen normaler mensch, aber ich habe ein herz und ein gewissen. also gerne, schimpft mich gutmensch!

    annton
    am Freitag, 13. November 2015 um 11:32 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Aufrichtig. Schön. Gut.

    Susanne
    am Freitag, 13. November 2015 um 10:13 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Lieber Gut- Mensch, statt Schlecht- Mensch!
    Mensch, Susi, du machst das gut…Danke!
    Liebe Grüsse, Birgit

    Birgit M.
    am Freitag, 13. November 2015 um 08:49 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Das Ärgerliche an der Bezeichnung „Gutmensch” ist, dass sie eine gewisse Naivität und Weltfremdheit impliziert. Gegen Güte und Hilfsbereitschaft ist rein gar nichts einzuwenden, da könnte man diesen Titel mit Stolz tragen, aber wenn dann so ein „Hähähä, bist du doof, das bringt doch gar nichts” mitschwingt, das nervt doch ordentlich ...

    Edith Nebel
    am Freitag, 13. November 2015 um 08:27 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Danke für diesen Blogbeitrag! Ich habe kürzlich auch beschlossen, dass Gutmensch keine Beleidigung ist.

    Andrea
    am Donnerstag, 12. November 2015 um 22:00 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Das sehe ich auch so. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir uns fürs Helfen schämen müssten. Also da bin ich doch auch ein schlechter Gutmensch! Schön dass es solch Leute wie dich gibt :-) lg Tina

    tina
    am Donnerstag, 12. November 2015 um 21:17 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich komme gerade aus einer Flüchtlingsunterkunft, in der heute gut 30 Flüchtlinge ankamen und untergebracht wurden. Begrüßt wurden sie von ehrenamtlichen Helfern, die sich um die Menschen gekümmert haben und ohne die es vermutlich ein größeres Chaos gegeben hätte. Hut ab vor den Helfern. Und ja, ich denke, es sind gute Menschen. Sie haben alle unter Beweis gestellt, dass ihnen ihre Mitmenschen nicht egal sind und dass sie sich kümmern.

    Dass „Gutmensch” heute als Beschimpfung taugt, liegt wohl eher daran, dass diejenigen, die das Wort negativ verwenden, guten Menschen Naivität, Dummheit oder ähnliches unterstellen. Ob diese Menschen wissen, was moralische Werte sind - ich weiß es nicht. Manchmal bezweifle ich es.

    Liebe Grüße
    Fran

    P.S. Kein Mensch macht alles richtig. Aber der erste Schritt, etwas richtig zu machen liegt immer darin, sich bewusst zu machen, was richtig ist. Und da liegst Du schon ziemlich weit vorn, finde ich.

    Fran
    am Donnerstag, 12. November 2015 um 20:27 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susanne, auch Kleinigkeiten helfen. Mein Kaufverhalten gleicht dem deinem, aber wenn ich meine Sachen nicht mag oder sie nicht mehr passen, gebe ich sie weiter an eine Freundin, die sie in ihrem Heimatdorf in Serbien an die Ärmsten weitergibt. Es gab einmal ein paar Schuhe, die hat eine Frau, dann zu ihrer Hochzeit getragen. Ja, vielleicht wasche damit mit mein Gewissen rein. Ich lebe als Deutsche im Ausland und das ist manches Mal nicht einfach. In den letzten Wochen hatte ich allerdings das Gefühl auf einem anderen Stern zu leben. Wie kann es sein, dass man den Ausländern/Asylanten für alles mögliche die Schuld in die Schuhe schiebt??? Wie kann es sein, dass man diesen Menschen, die in grösster Not ihre Heimat verlassen und wer weis was auf ihre Flucht erlebt haben, mit sovielen Vorurteilen begegnet?
    Ich habe mich immer früher gefragt, wie es möglich war, dass Hitler die Juden als Sündenbock für alles hinzustellen und so viele Menschen diese Menschen nicht unter sich haben wollten. Heute fange ich an zu verstehen wie es möglich war die Deutschen so zu maniplieren.
    Ich werde aber nie müde werden in den Kaffee- und Mittagspausen meine Arbeitskollegen auf das Elend der Flüchtlinge, Menschen, die nun eine kleine Völkerwanderung auslösten, verständlich zu machen. Wir haben keine Vorstellung davon wie ist im Maul eines Haifisches zu leben wie Benedict Cumberbatch nach seinen Theatervorstellungen dem Publikum zu verstehen gibt.
    Und für Gutmenschen in deinem Sinne kann es doch gar nicht genug geben, oder?

    Ellen
    am Donnerstag, 12. November 2015 um 19:53 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Hallo, das frage ich mich auch oft, warum Gutmensch als Schimpfwort benutzt wird, oder als peinlich gilt. Es sollten doch eher Mangel an Empathie oder sogar Menschenverachtung und die dementsprechenden Aussagen peinlich und unangemessen sein!
    Vielleicht sollten wir Gutmenschen offensiver damit umgehen. Gutmensch? Hoffentlich!

    Elke
    am Donnerstag, 12. November 2015 um 19:45 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susanne, wie so oft schreibst Du mir aus der Seele! Wenn unsere kleine „Parallelwelt” auch nur ganz Wenigen wirklich hilft und wenn es auch manchen wie Reinwaschen unseres Gewissens (habe ich am WE zu hören bekommen) vorkommen mag, so ist es doch ein kleiner Tropfen und ich bin immer noch hoffnungsvoll, dass steter Tropfen irgendwann den Stein höhlt!
    Danke, dass Du so beharrlich immer wieder höhlst! :-)

    Kirsten Hermes
    am Donnerstag, 12. November 2015 um 16:39 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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