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Das Wunderbare an dieser Interviewreihe ist ja die Vielfalt: Es sind immer dieselben Fragen ... aber die Antworten. Die Antworten! Sie sind so unglaublich unterschiedlich. So differenziert. So bunt wie unser aller Leben!

Bei Barbara Maria Zollner dachte ich erst, ich müsste ihre Antworten ein wenig kürzen, damit das Interview besser zum bisherigen Format passt - aber dann konnte ich mich tatsächlich von keiner einzigen Zeile trennen, so spannend fand ich alles. Was sicher auch an ihrem Lebenslauf liegt: Erst fast in die Haute Couture hineingerutscht, dann doch ganz gediegen Theaterwissenschaften, Philosophie und Germanistik studiert, als Dramaturgin in Berlin und Köln gearbeitet und mit Mitte Vierzig wieder nach München zurückgezogen ... ja, da gibt es schon einiges zu erzählen.

Heute, mit (frischen) 50, arbeitet Barbara in erster Linie als PR-Frau und Redakteurin für Kunden aus dem kulturellen Umfeld – Künstler, Chöre, Orchester, Galerien, Verlag –, aber auch aus der Weiterbildung, dem Bereich Gesundheit/Wellness und Tourismus. Als Journalistin schreibt Barbara zu Kulturthemen oder hält Einführungen bei Vernissagen.


Ein Lieblingsstück: die Seerosenjacke von Hilde Polz.

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert? Welche Stilrichtung bevorzugst du?

Interessant, dieses Interview bringt mir zu Bewusstsein, dass ich mir in den letzten Jahren sehr wenig Gedanken über Mode gemacht habe - und dass das schade ist, weil Mode mir immer Spaß gemacht hat. Ich wollte sie sogar zum Beruf machen und hatte vor dem Abitur die Lehrstellenzusage bei Schulze-Varell in der Tasche, um dann auf die Meisterschule für Mode zu gehen und Modedesign oder Kostümbild zu studieren. Aber dann starb der Couturieur, und bei Ponater, dem zweiten Couture-Atelier in München, das es damals noch gab, landete ich auf Warteliste, begann dann erstmal zu studieren ... und habe mich so in Rolle hineingefunden, die mir meine Umwelt zugedacht hatte (die Eltern fürchteten, dass ich in der Lehre intellektuell unterfordert sei).

Als Teenie hab ich ganz viel entworfen, gestrickt, genäht, Vaters Kleiderschrank geplündert für Kombis wie Sakko, Spitzenhemd und silberne Krawatte, ich habe mein Geld für Vogue und Harpers Bazaar ausgegeben, meine Mutter nähte nach meinen Entwürfen (in der handwerklichen Umsetzung war ich selbst war eher ungeduldig). Ich bewunderte die eleganten Schnitte von Armani und Jil Sander, trug selbst gerne schräge Kombinationen, Männerhemden mit Krawatte, Glitzer und Palästinensertuch, Army-Overall und Seidentops, zweifarbige Strümpfe, dreifarbige Haare.

Später kleidete ich mich dann eher elegant, eher untypisch in meinen Studienfächern. Mein Berufsleben begann ich in der deutschen Marketingabteilung von Rodier. Hätte die Pariser Zentrale mich damals übernommen, wäre ich wohl doch noch in der Mode gelandet ...

Während meiner Opernjahre suchte ich meine Premieren-Outfits passend zum Stück oder zur Inszenierung aus. Im Durchschnitt war ich mindestens zweimal pro Woche „offiziell“ im Theater, habe also einiges für Kleidung ausgegeben; noch heute zehre ich von Abendgarderobe aus dieser Zeit. Leider hab ich davon so gut wie keine Fotos. Es wurde auch weniger fotografiert also heute, eigentlich nur die Sänger auf Premierenfeiern. Und sich mit Plácido Domingo fotografieren zu lassen „wie ein Fan“, das ging gar nicht. Gleichzeitig sahen natürlich immer „alle“, was man so anhatte: Das erzeugt Druck, baut aber auch der Bequemlichkeit vor.


Catwalk in „Unfarben”!

Meine Einstellung zu Mode? Sehr stolz war ich, als mir eine sehr geschätzte Kostümbildnerin sagte, ich sei die bestangezogene Dramaturgin, die sie kenne. Warum eigentlich? Vielleicht weil mir immer bewusst war, dass Kleidung auf individuellem Empfinden, auf Selbstbild ebenso wie auf Geschmack beruht, doch zugleich ein Medium der Kommunikation ist: Über die äußere Erscheinung teilt sich anderen Menschen etwas über einen mit, sei es eine bestimmte Ästhetik, die erfreut, oder die Stimmigkeit von Person und Outfit, die Interesse oder Gefallen weckt. Ein Kompliment von jemanden, der sich professionell mit dem Ausdruck von Charakter in Outfits beschäftigt, ist also zugleich eine freundliche Anerkennung der Person und eine Bestätigung, dass man mit dem Medium umgehen kann.

Was konstituiert Schönheit oder Eleganz, was weckt Interesse? Darüber denke ich oft nach, wenn ich Menschen beobachte (was zu meinen großen Leidenschaften gehört): Es sind nicht die Kleider, sondern die Zwiesprache zwischen Outfit und Person, die Art, wie jemand etwas trägt. Da (und nur da) kommt dann „die Natur“ ins Spiel, da gibt es begünstigte Naturen und weniger begünstigte ... wer 1,75 und schlank ist, hat es leichter als jemand mit 1,60 und kugelrund oder 1,90 und vierschrötig. Ist einfach so. Im letzteren Fall ist dann mehr Geist, Witz, Persönlichkeit gefragt. Weshalb ich viele Frauen kenne (und dein Blog zeigt das ebenfalls sehr deutlich), die tolle, interessante Erscheinungen sind, obwohl oder weil sie keine Idealmaße haben. Dafür Geist und Stil. Wobei man nicht unbedingt die Gegenprobe zu dieser Gleichung machen kann: Ich habe eine Freundin, die über ELLE-taugliche Schönheit und Modelfigur verfügt – und Geist und einen ausgezeichneten Geschmack. Und ein passendes Budget. Das ist dann auch umwerfend, weil sie eben Sachen tragen kann und trägt, die viele von uns nur auf Fotos betrachten. Und ich schau sie wirklich immer mit großer Freude an.


Schlange zum Kleid: 2001 bei der Buchpräsentation des „Harry-Potter-Wörterbuchs” im Berliner Underground.

Meinen Stil habe ich recht schnell gefunden, er ist eher reduziert und klar: lieber raffinierte Details und edle Materialien als Chi-Chi und Frou-frou, kaum Rüschen, Spitzen, Blumen – obwohl ich das durchaus mag: an anderen. Wenn’s passt. Basis ist schwarz, weiß, grau - bunt bin ich selber (die Haare sind hennarot, seit sich mit Mitte Zwanzig die weißen massiv bemerkbar machten, ein Familienerbe). Ein bisschen Rostrot hab ich im Kleiderschrank, aubergine, khaki, blau; „Unfarben” wie blaugrüngrau stehen mir am besten. Da ich klein und breitschultrig bin, meide ich Zweireiher und trage gern einfarbige Sachen. Manchmal gehe ich meiner Neigung zu puristischen Schnitten auf den Leim – Kandis oder Evelin Brandt aus Berlin gefallen mir sehr, stehen mir aber nicht. Und leider muss ich seit einer Knieverletzung sehr sparsam mit Highheels umgehen, die ich zuvor immer gerne und mühelos getragen habe. Das bedaure ich sehr, weil Absätze einfach gut für die Proportionen sind ...

Hat sich meine Einstellung zu Mode und Schönheit verändert? Ich hab mich im Laufe der Jahre mit mir angefreundet (auch wenn ich - wie in meinen Jugendjahren - immer noch gerne so aussähe wie Isabella Rossellini), kümmere mich weniger darum, was „man“ trägt und gut findet. Als junge Frau war es mir wichtig, das „Richtige“ zu tragen; da ging es um Akzeptanz und Zugehörigkeit zu den Leuten, die man gut fand: Mode – auch im Sinne von Modediktat – war sehr wichtig. Heute betrachte ich Trends eher distanziert, picke raus, was mir gefällt ... mein Verhältnis zur Mode ist spielerischer geworden. Wobei: In München fühlt man sich schnell underdressed. Manchmal vermisse ich die lässige Berliner Schrägheit (die auch nicht immer gelingt und manchmal nur schlonzig ist).

Hast du ein Lieblingskleidungsstück? Wenn ja, welches? Und warum?

Eines? Warum nur eines? Es gibt immer ein paar Sachen, die ich besonders gerne hab – manche trage ich, bis sie buchstäblich auseinanderfallen. Die Jacke mit den Seerosen liebe ich sehr. Sie stammt von der Münchner Designerin Hilde Polz, deren Laden eine Schatzhöhle voller Couture-Stoffe und raffinierter Kreationen ist, ein gefährlicher Venusberg ... Sie macht nicht nur wunderschöne, sehr individuelle Kleider, sondern hat auch ein tolles Gespür, was zu einem passt.

Oft werden gerade die unvernünftigen Käufe, die eigentlich gerade nicht im Budget sind, zu Lieblingsstücken: Liebe auf den ersten Blick. Sachen, die sich gut tragen, in die man reinschlüpft und sich wohl fühlt – und das ist keine Frage des Preises, das ging mir schon mit einem Glencheck-Blazer vom Flohmarkt so.


Süße 16!

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Es zählen die inneren Werte, natürlich nur die inneren Werte ;-) Im Ernst: Die Eitelkeit ist nicht verschwunden, nein, und ungeschminkt gehe ich nicht mal zum Briefkasten (oder doch, aber eher selten). An meiner Einstellung hat sich da eigentlich nichts Grundlegendes geändert: Ich freue mich, wenn ich interessante Menschen sehe, die lebendige Gesichter, selbst-bewusste, lebensfrohe, gerne auch eigenwillige Erscheinungen – unabhängig von Alter und Geschlecht. Ein bisschen Eitelkeit wirkt sich meist positiv auf die Optik aus und hilft dabei, nicht nachlässig zu werden.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte? Hast du eine Lieblingsmarke?

Was Schönheitspflege betrifft, hat mich das Älterwerden Disziplin gelehrt; ich glaube, die ist mindestens so wichtig wie Hightech-Cremes. Ich benutze überwiegend Bio-Kosmetik, vor allem Lavera. Um Unsummen für Präparate wie La Prairie auszugeben, fehlt mir der Wunderglaube. Ich bin sicher, dass gutes Essen, genug Schlaf und frische Luft gut für’s Aussehen sind, Lächeln und Freundlichkeit die besten Schönmacher. Seit ich über vierzig bin, ist meine ewig unreine Haut besser – mal schauen, ob das so bleibt. Und ich hab schon immer gern gemalt – auf Papier und ins Gesicht, meines und das von Freundinnen. Inzwischen ist es halt mehr Restaurierung als Action Painting.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Auf einem Vaporetto durch die Lagune von Venedig fahren und das Gesicht in die Sonne halten? Glücklich sein! Aber ich kann’s auch nicht auf Knopfdruck.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Das ganze Leben? Das weiß ich noch nicht. Aber diesen Satz mag ich morgens denken:

„Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“

Danke fürs Dabei sein, liebe Barbara - und für diese spannenden Antworten!

***

Mehr spannende Interview mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hier: Click and enjoy!

 

 
Susanne Ackstaller, Montag, 04. März 2013, 09:00 Uhr
Kommentare: 6 | Aufrufe: 7507 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: zinnoberstilschönheitredakteurinpr-fraumodefrauen ab 50dramaturginbarbara mario zollner
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Kommentare

  • Auf diese Weise lernt man neue Facetten einer Person kennen. Sehr schönes und geistreiches Interview - ganz wie die Interviewte.

    Ulrike Bergmann
    am Montag, 11. März 2013 um 17:45 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Sehr spanndes Interview und was für ein Leben!!! Wahnsinn, das ist Frauenpower pur. Ich bin total begeistert und stolz, dass ich Maria Zollner schon kennenlernen durfte!

    Hera Rauch
    am Dienstag, 05. März 2013 um 23:07 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Mehr Restaurierung als Action Painting—was für ein Satz! Und was für eine Frau. In Interviews so treffsicher wie beim Styling. Barbara, weiterhin so viel Spaß am Leben, Stylen, Arbeiten usw! Und Susi, weiterhin so tolle Interviewpartnerinnen wünsch ich dir/uns Leserinnen!

    Petra
    am Dienstag, 05. März 2013 um 14:35 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Hach das ist ein richtiges Highlight zum wochenstart ..tolles Interview ... Tolle Frau ... Ich bin zwar erst 40 ... Hab ein bisschen weniger Lebenserfahrung .. Aber finde mich in vielen wieder .. Was *man* trägt fand ich immer unwichtig ... Viel wichtiger fand ich das zu mixen was mir gefällt und was mich wiederspiegelt ... Authentisch zu bleiben .. Ich bleibe manchen Dingen Jahrzehnte treu ... Und wenn mir was gefällt bin ich ein Nimmersatt ... Ein Lied 10 mal hintereinander die Lieblingshose kaum aus dem Trockner schon wieder an ... Oder das parfum seit 15 Jahren ... Ich lass liebe Grüße da und danke für so tolle Beiträge immer und immer wieder hier bei dir ... Xo Emma

    Emma
    am Montag, 04. März 2013 um 11:14 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • So eine Schlange sollte jede Frau mal tragen, die sieht ja sensationell aus ...

    Aber natürlich nicht nur diese, sondern auch die ganze restliche Barbara mit und ohne Accessoires!

    Tolles Interview, vielen Dank!

    Michaela
    am Montag, 04. März 2013 um 10:35 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • In der Tat: sehr spannend. Und was mir auch aufgefallen ist: Barbara ist - soweit ich das überblicken kann - die erste, die die Frage nach der geänderten Einstellung zu Aussehen und Schönheit nicht gleich auf sich bezogen hat. :-)
    Mal wieder schöner Lesestoff zum Wochenbeginn!

    Jutta
    am Montag, 04. März 2013 um 10:25 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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