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Meine „Montagsfrauen“ (die ich manchmal auch liebevoll „Montagsprinzessinnen“ nenne, weil sie einen ganzen Tag lang noch mehr als sonst spüren, wie toll sie sind!) sind eine bunt gemischte Truppe: Einige Frauen kenne ich schon sehr viele Jahre, andere erst ganz kurz. Immer ist es interessant zu erfahren, was diese Frauen bewegt, antreibt, was sie schon erlebt haben.

Bei Frauen, die schon länger in meinem Leben sind, finde ich die Montagsinterviews besonders spannend. Das ist wie ein zweites Kennenlernen, voller Erstaunen, was ich alles noch gar nicht wusste. Genauso war es auch bei Ricarda Essrich, die schon sehr viele Jahre eine Netzwerk-Kollegin ist. Ricarda ist Übersetzerin für skandinavische Sprachen – Schwedisch, Norwegisch und Dänisch – und übersetzt die meiste Zeit anspruchsvolle Fachtexte für Unternehmen aus der Baubranche. Aber da ist auch noch ihr anderes Ich. Und das liebt Literaturübersetzungen. „Ich wollte immer etwas mit Büchern machen, schon als Kind!“ erläutert Ricarda. „Die Literaturübersetzung ist eine schöne Abwechslung zur manchmal doch sehr hektischen Welt der Bauindustrie.“ Ja, und weil Baubranche und Literatur nicht reichen, hat Ricarda auch noch ein paar Kochbücher übersetzt. Und ist seit ein paar Jahren ehrenamtlich im BDÜ, einem großen Berufsverband für Dolmetscher und Übersetzer, engagiert – seit März 2016 als 1. Vorsitzende des Landesverband Nordrhein-Westfalen. Das nenne ich berufliche Leidenschaft!



Ricarda Essrich, 40. (Foto: Nicole Teuer)

Heute haben wir allerdings ein ganz anderes Thema: Mode, Stil, Schönheit, Älterwerden ... auch spannend – und auf Deutsch, keine Sorge!

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich beschäftige mich nicht besonders viel mit Mode, aber natürlich verfolge ich Trends, und das eine oder andere, das ich in Zeitschriften, Blogs oder in den Apps meiner Lieblingsshops sehe, versuche ich aufzugreifen. Heute stärker als früher. Vor gut 15 Jahren wog ich noch 20 kg mehr; da war die Auswahl an modischer Kleidung für mich einfach nicht so groß – ganz zu schweigen von meinem Selbstbewusstsein. Als Teenager hüllte ich mich in lange, weite Pullis; mein Kleid für den Abiball musste ich im Übergrößengeschäft kaufen ‒ für mich damals ein Albtraum, zumal es am Ende nicht einmal ein Kleid wurde, sondern ein Rock in einer schrecklichen Farbe, eine lange Bluse und eine noch längere schwarze Jacke.



40.


Mit den Jahren nahm das Selbstbewusstsein zu, und ich traute mich durchaus, das, was ich an mir schön fand (z.B. mein Dekolleté) zu betonen. Aber ich muss sagen, ich stand erst wirklich zu meinem Körper, als die ersten 12 kg gefallen waren und ich dieses Gewicht auch lange halten konnte. Plötzlich konnte ich shoppen gehen wie alle anderen auch, konnte Modetrends mitmachen ‒ ich fühlte mich schlicht freier in Sachen Mode. Heute trage ich sehr gerne Kleider und fühlte mich darin nicht mehr verkleidet. Sogar ein Abendkleid hängt inzwischen in meinem Schrank.



38.

Was ist für dich Stil? Und was ist dein Stil? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert?

Stil ist höchst individuell; und jeder hat seinen eigenen. Nicht immer, aber doch häufig kann man an der Kleidung erkennen, ob ein Mensch einen eigenen Stil verkörpert und lebt, oder ob er einem Ideal hinterherläuft und sich verkleidet. Ich habe lange versucht, durch Verkleidung mehr Selbstbewusstsein zu bekommen, aber das funktioniert natürlich nicht.

Mein Stil hat sich über die Jahre verändert, ich würde sagen, er ist weiblicher geworden. Ich trage gerne Röcke und Kleider und betone meine (immer noch vorhandenen) Kurven. Im Alltag darf es gerne sportlich sein, Jeans und ein Shirt, eine Bluse oder ein Top mit Strickjacke. Dabei versuche ich eigentlich immer, auch sportliche Outfits durch modischen, manchmal auffälligen Schmuck aufzupeppen.



37.


Seit ich selbstständig bin und zu Hause arbeite, sind Schlabberoutfits oder Jogginghosen am Schreibtisch nur erlaubt, wenn ich am Wochenende arbeite. Unter der Woche bin ich sehr streng mit mir; ich muss angezogen sein, wenn ich mich an den Schreibtisch setze (Haare in Form bringen, Mascara und Lippenstift gehört aber nicht dazu, das mache ich erst, wenn ich aus dem Haus gehe.)

Bei geschäftlichen Terminen gehe ich selten ohne einen Blazer aus dem Haus. Das liegt zum einen an meinem Kundenstamm. Ich arbeite ja für den Bausektor, eine konservative Branche, in der bei Veranstaltungen Anzüge und Kostüme an der Tagesordnung sind. Aber auch in meinem Ehrenamt im BDÜ ist mein Blazer ein treuer Begleiter; ich ziehe ihn an und habe sprichwörtlich einen anderen Hut auf. Das hilft mir auch, wenn ich beispielsweise eher unangenehme Aufgaben erledigen oder wichtige Gespräche führen muss.

Hast du ein Lieblingskleidungsstück?

Ich habe eine Lieblingsjeans, wie wahrscheinlich fast jeder. Sie war die perfekte Verbindung von modisch und bequem. Inzwischen ist sie allerdings fast auseinander gefallen. Sie schlabbert und vor lauter schlecht geflickter Löcher ist sie auch gar nicht mehr bequem. Wegwerfen mag ich sie trotzdem nicht.

Und dann habe ich jahrelang Tücher und Schals gesammelt (von jeder Reise brachte ich ein Tuch als Andenken mit). Trotzdem wickle ich mich seit ein paar Jahren vorwiegend in ein schwarzes, großes Tuch mit Fransen. Es passt irgendwie immer. Leider habe ich es kürzlich im Flieger vergessen und musste mir jetzt schweren Herzens ein anderes Stück als Lieblingsschal aussuchen.



36.


In meiner kurzen Zeit in München habe ich mir zwei Dirndl zugelegt, und die habe ich wirklich geliebt. Ein Kleidungsstück, das nun so gar nicht zum Verhüllen geeignet ist, sondern Rundungen perfekt betont. Und eines der wenigen Kleidungsstücke, das in Größe 44 besser aussieht als in 36. Ich würde meine Dirndl gerne öfter tragen, aber was in München normal ist und auch abseits des Oktoberfestes zum Straßenbild gehört, eignet sich im Rheinland allenfalls für Karneval (und dafür sind sie zu schade).

Ansonsten habe ich kein Lieblingsstück, ich kaufe gerne und häufig neue Kleidung und sortiere dafür auch regelmäßig altes aus. Doch es gibt immer noch zahlreiche Kleidungsstücke in meinem Schrank, die ich seit vielen Jahren trage und die unverwüstlich sind.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ich würde sagen, ich bin – wie bei vielen anderen Dingen auch – gelassener geworden. Ich muss nicht mehr alles mitmachen oder wider besseren Wissens ausprobieren. Auf der anderen Seite bin ich auch selbstbewusster und experimentierfreudiger geworden.

Inzwischen sehe ich Schönheit als etwas sehr Relatives, das ganz eng mit Ausstrahlung verknüpft ist. Manchmal ertappe ich mich dabei, der „Jugend von heute“ milde lächelnd hinterherzuschauen und über ihre Uniformiertheit die Stirn zu runzeln. Das ist ohne Zweifel altersbedingt – und erschreckt mich. Denn so wollten wir doch nie werden, oder? ;-)

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Wasser und Tagescreme. Ich glaube an die Möglichkeiten moderner Produkte, kaufe sie auch immer mal wieder, wende sie aber nicht konsequent an. Abends bin ich meist zu faul für eine ausgiebige Reinigung, da bleibt es bei Wasser und dem Abschminken der Augen. Eine Tagescreme muss aber sein, ich habe recht empfindliche Haut, die sofort spannt, wenn ich sie nicht pflege. Make-up verwende ich eigentlich nie, weil ich die dicke Schicht in meinem Gesicht nicht gut ertrage. Und überhaupt: Putzen sich Frauen, die Makeup benutzen, nie die Nase? Oder gibt es taschentuchresistentes Makeup?

Meist habe ich auch nicht die Geduld für eine ausgiebige Schminkarie, daher halte ich es meist eher natürlich mit Mascara, Lidstrich und Lipgloss.

Du bist auf Reisen und hast deine Waschbeutel vergessen. Zahnpasta und Seife gibt es im Hotel. Auf welche drei (Kosmetik-)Produkte kannst du keinesfalls verzichten und kaufst sie sofort ein?

Tagescreme (wechselnd, in der Regel Siriderma Hautcreme Extra-Sensitiv), Deo und Mascara.



33.

Würdest du dich für die Schönheit unters Messer legen? Oder Botox, Filler etc. nutzen?

Ich glaube nicht. Ich hätte zu viel Angst davor – und könnte mir für das Geld einen viel besseren Verwendungszweck vorstellen. Aber wer weiß, ob ich in zehn oder 15 Jahren auch noch so denke?

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Ich trinke viel Wasser und Tee, mache regelmäßig Yoga und gehe laufen. Doch das sind keine Geheimnisse, sondern eher Routinen, ohne die ich mich nicht wohl fühle. Es mag abgedroschen klingen, doch Schönheit kommt durch Ausstrahlung. Und die kann man meist nicht mit einer Creme auftragen.

Was ist für dich die größte Herausforderung am Älterwerden? Und die schönste Überraschung?

Vielleicht lächeln einige nun müde, wenn ich mit gerade erst 40 sage: Mich nervt, dass mein Körper so viel anfälliger ist für Wehwehchen. Beim Lauftraining zwickt das Knie, dann auch noch die Hüfte. Ich tue mehr, bin aktiver als früher, doch der Körper dankt es einem nicht. Es dauert plötzlich deutlich länger, bis man Feier-Eskapaden verkraftet hat.



27.


Eigentlich keine Überraschung, aber doch ein schöner Aspekt am Älterwerden sind die Menschen, die einen schon so lange begleiten. Die Leben meiner Freunde entwickeln sich teilweise ganz anders als meines; trotzdem verbinden uns immer noch die Dinge, die wir bereits vor 20 Jahre geteilt oder erlebt haben. Das macht mich glücklich. 

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

„I believe that every little thing happens for a reason.“ (Marilyn Monroe)

Ich versuche, Dinge nicht zu bereuen oder mir zu wünschen, sie wären anders gelaufen. Viele Dinge in meinem Leben, die ich erstmal als schlimm empfunden habe, hatten am Ende etwas Gutes, haben mich weitergebracht. Das versuche ich mir vor Augen zu halten – auch wenn es mir nicht immer gelingt.

Danke fürs Dabei sein, liebe Ricarda – und für deinen positiven Blick aufs Leben!

***

Hier gibt es noch mehr spannende Interviews mit spannenden Frauen über 40, 50, 60 und über 70.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 30. Januar 2017, 06:00 Uhr
Kommentare: 4 | Aufrufe: 2528 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: ricarda essrichmontagsinterviewinterviewfrauen ab 40älterwerden
Das könnte auch interessant sein:
Frauen ab 40: Das Montagsinterview mit Petrina Engelke.
Das Montagsinterview mit Andrea Adamczyk.
Frauen ab 40: Das Montagsinterview mit Dorothee Köhler.
 

Kommentare

  • WOW!!! Der BDÜ sollte mit Ricarda werben!!!! Dieses Foto, auf dem das rechte Bein so neckisch, erotisch und doch irgendwie unschuldig um die Ecke guckt… Das find ich schlichtweg genial!
    Mal wieder ein tolles Interview, merci!!!
    Maria

    Maria Al-Mana
    am Montag, 30. Januar 2017 um 15:56 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Das Dirndlbild kommt mir bekannt vor! Dass du, Ricarda, schon 40 bist, erstaunt mich aber trotzdem. Danke für das wunderbare Interview und weiterhin so viel Freude am Beruf, am Reisen & an schöner Kleidung. Ach, übrigens: Das mit dem langen Leiden nach den kurzen Nächten wird besser. Bei mir geht das Feiern (und Alltagsmanagement danach) wieder leichter, seitdem ich die 41 hinter mir gelassen habe ;)

    Petra
    am Montag, 30. Januar 2017 um 12:57 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Die wunderschöne und kluge Ricarda ...
    :-) schönes Interview!

    Carola
    am Montag, 30. Januar 2017 um 09:49 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • @Susanne: diese Serie gefällt mir außerordentlich gut, v.a. zu sehen wie sich das Leben der porträtierten Frauen entwickelt und dabei zu entdecken, wie ähnlich es manchmal zu meinem eigenen Weg ist.
    @Ricarda: es ist deutlich zu sehen, wie Du im Zeitverlauf regelrecht aufblühst. Und im Dirndl siehst Du besonders toll aus!
    Grüße an Euch beide von der Bayerin in NRW, die das Dirndeltragen auch oft schmerzlich vermisst.

    Kari
    am Montag, 30. Januar 2017 um 07:47 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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