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Montag, 13. März 2017 um 06:00 Uhr

Das Montagsinterview mit Martina Brochhaus.

Meine heutige Interviewpartnerin ist Martina Brochhaus, eine Rheinländerin aus der Umgebung von Köln mit norddeutscher Seele, wie sie sagt. Das Internet und Social Media haben Martina im letzten Jahr irgendwie in mein Leben gespült – vielleicht Zufall, vielleicht aber auch, weil wir ein wenig dieselbe „Mission“ verspüren: Plussize-Frauen ab 40 oder 50 modisch Mut zu machen. Dazu hat Martina auf Facebook sogar eine eigene Gruppe gegründet.

Beruflich ist Martina in der Öffentlichkeitsarbeit und im Marketing für eine Weiterbildungseinrichtung unterwegs. „Bildung ist ein sehr wichtiges Thema für mich! Ich finde es sehr spannend, welche Menschen unsere Einrichtung besuchen, und warum. Menschen für Weiterbildung und damit Wissenszugewinn zu begeistern, ist die schönste Herausforderung an meinem Beruf.”

Ich lebe im Jetzt und im Hier! - Die Lebenseinstellung von Martina Brochhaus.

Martina Brochhaus, 55.


Ein Satz aus unserem „Vorgespräch” hat mich besonders beeindruckt: „Ich muss jetzt und hier leben!” – eine Erkenntnis aus dem Tod ihrer Mutter im letzten Jahr. „Erst dadurch ist mir die Kostbarkeit der mir verbleibenden Zeit wirklich bewusst geworden.” Momente und Augenblicke zu genießen, sei es alleine, mit guten Freunden oder ihrem Partner, sind seitdem für Martina noch wichtiger geworden.

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich mag Mode und die Möglichkeiten, die Mode mir bietet. Einerseits kann ich damit meinen Typ unterstreichen und hervorheben, andererseits kann ich aber auch mit Mode spielen und mich einfach mal für einen Tag neu erfinden. Manchmal ist Mode aber auch so etwas wie eine Art „Rüstung“ für mich. Im Job kann ich damit meine Professionalität unterstreichen und Signale setzen.

Im Laufe meines Lebens hat sich meine Einstellung zur Mode durchaus verändert. Als Teenager musste es eine Jeans sein, der Rest war eigentlich Nebensache. In den ersten Jahren meines Berufslebens stand mir auch nicht so viel Geld zur Verfügung, also musste die Mode auch preiswert sein. Gleichzeitig begann mit dem Einstieg in den Job eigentlich das Bewusstsein für Mode erst zu wachsen.

Seitdem ich die 40 überschritten habe, ist Mode sehr wichtig für mich geworden. Und in den letzten Jahren sogar noch mehr. Ich denke, das hat auch etwas damit zu tun, dass ich irgendwann meinen Stil gefunden habe.

Ich lebe im Jetzt und im Hier! - Die Lebenseinstellung von Martina Brochhaus.

2016.

Was ist für dich Stil? Und was ist dein Stil? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert – und warum? Hattest du modische Vorbilder?

Stil ist für mich wenn eine Frau sich so kleidet und schminkt, dass dies einen Rahmen für ihre Schönheit bildet. Im besten Fall weiß diese Frau, wo ihre „Pluspunkte“ sind, betont und unterstreicht diese. Stil kann aber auch das konsequent gelebte Outfit aus einer vergangen Zeit sein – wie Beispielsweise Rockabilly oder „die Fünfziger”. Selbst Gothic empfinde ich als Stil.

Mein Stil ist klassisch-feminin, mit Ausreißern für leicht ausgefallene Mode. Ganz besonders mag ich den maritimen Stil (ja, die dicke Frau trägt wahnsinnig gerne Streifen!). Ich mag es mich gut zu kleiden und chic anzuziehen. Natürlich habe ich auch Momente des „Gammellooks“, aber dann nur daheim, wenn ich alleine bin.

Zu dem Gesamtbild gehören natürlich auch Accessoires – ohne geht gar nicht. Da bin ich sehr pingelig und achte auch immer genau darauf, dass alles zusammen passt und ein stimmiges Bild abgibt.

Ich lebe im Jetzt und im Hier! - Die Lebenseinstellung von Martina Brochhaus.

2016.


In den 20er und 30er bin ich noch hin- und hergetänzelt zwischen mädchenhafter und sportlicher Kleidung. In den 40ern hatte ich den Schrank dann voll mit Blazern und Hosenanzügen. In meinen 20ern hingegen gab es sogar eine lange Phase, in der ich mich aufgrund meiner Figur nicht getraut habe, Hosen zu tragen. Aber generell war meine runde Figur für mich nie ein Hindernis, mich gut zu kleiden. Im Gegenteil, Trends wie Leggings mit Oversize-Shirts sind an mir vorbei gerauscht. So wäre ich nie vor die Türe gegangen.

Am Stil anderer habe ich mich nie orientiert. Aber ich habe immer Augen und Ohren offen gehalten, was sich gerade in dem betreffenden Lebensabschnitt in Sachen Mode so zeigte. Vielleicht hat meine Mutter ein wenig diese Saat – das Interesse an Kleidung und Mode – ausgesät. Denn sie hat bis ins hohe Alter immer Wert darauf gelegt. Sie war auch immer mein größter Fan in Sachen Mode und kommunizierte dies auch in alle Richtungen: „Meine Tochter ist immer gut gekleidet, sie legt Wert darauf.“ Ich denke, sie war sehr stolz darauf und schaute meine Outfits oft eingehend an.

Mein zweiter Fan ist meine kleine 6jährige Nichte. Tante Martina wird bei jedem Familientreffen genauestens inspiziert, angefangen bei den lackierten Fingernägel bis hin zum Blingbling an den Ohren. Und manchmal gibt es dann auch einen Verweis, etwa wenn der Lack an einer Stelle etwas abgesplittert oder möglicherweise der Ausschnitt ein wenig verrutscht ist. Dann wird an mir „gezuppelt“ und alles wieder zurechtgerückt.

Und natürlich mein Liebster, der es ebenso mag, wenn die Frau an seiner Seite chic angezogen ist.

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2017.

Hast du ein Lieblingskleidungsstück?

Mein Lieblingskleidungsstück ist ein schwarzweißes Kleid mit einem grafischen Muster. Ich habe es vor vielen Jahren bei TkMaxx entdeckt. Dreimal hatte ich es in der Hand, bevor ich es endlich mal anprobiert habe. Es hat mich fasziniert, aber ich konnte mich selber in dem Kleid nicht vorstellen. Und siehe da – ich konnte es tragen und ich gefiel mir richtig gut darin. Also habe ich es gekauft und keine Minute bereut! Ich liebe den Schnitt, das Muster und die ungewöhnlichen Ärmel – und vor allem ist es einzigartig: Ich habe nie ein ähnliches Kleid gesehen!

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Einerseits bin ich in den letzten Jahren sehr viel gelassener geworden, fühle mich wohl in meiner Haut. Ich hadere auch nicht mit den Falten und all diesen Dingen, die das Altern optisch mit sich bringen – nur manchmal, ein kleines bisschen. Aber dann brezele ich mich auf, schaue in den Spiegel und finde dass ich mit 55 noch richtig gut aussehe.

Andererseits lege ich viel mehr Wert auf Kleidung und auf deren Qualität. Ich bin (noch) perfektionistischer geworden, was mein Outfit anbetrifft. Mit zunehmendem Alter werden für mich auch die Schnitte wichtiger, zumal ich als Plus-Size in einem billigen Shirt vom Discounter verheerend aussehe.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Der Wasser-und-Seife-Typ bin ich nicht, aber ich glaube auch nicht, dass pflegende Kosmetik Wunder vollbringt. Sie kann mir lediglich dabei helfen, gepflegt auszusehen – und gepflegte Falten sehen einfach besser aus.

Du bist auf Reisen und hast deine Waschbeutel vergessen. Zahnpasta und Seife gibt es im Hotel. Auf welche drei (Kosmetik-)Produkte kannst du keinesfalls verzichten und kaufst sie sofort ein?

Ein Deostift von CD wäre mir wichtig, eine gute Bodylotion für trockene Haut von Rituals und eine Feuchtigkeitscreme von La Mer für das Gesicht. Eigentlich ist das der Worst Case schlechthin – wenn ich bedenke, was in meinem Waschbeutel alles immer drin ist!

Würdest du dich für die Schönheit unters Messer legen? Oder Botox, Filler etc. nutzen?

Nein, das würde ich nicht. Ich leide an einer Autoimmunerkrankung. Jede Operation, jeder Eingriff hätte üble Folgen für mich und würde meine Erkrankung triggern. Von daher brauche ich noch nicht mal ansatzweise über Schönheitsoperationen nachzudenken.

Botox oder Filler – das würde ich nicht ganz ausschließen. Aber auch das ist derzeit kein Thema für mich, denn ich trage einen natürlichen „Filler“ in mir – meinen Körperspeck!


Ich lebe im Jetzt und im Hier! - Die Lebenseinstellung von Martina Brochhaus.

1995. (Mit obligatorischer Dauerwelle.;-))

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Ich brauche tatsächlich ein paar Routinen und Rituale, um mich wohl zu fühlen – und im Gesamtpaket ist das mein Schönheitsgeheimnis. Alle vier Wochen lasse ich eine Pediküre machen, ebenso eine Maniküre. Ich trage eigentlich fast immer roten Nagellack, im Sommer ein etwas helleres Rot – im Winter dann eher in die Richtung „Craneberry“. Ein regelmäßiges „Entgrauungsprogramm” bei meiner Friseurin gehört mit dazu sowie mehrmals wöchentlich eine Gesichtsmaske und die Pflege meiner Haut im Gesicht und am Körper. Am Bett liegt die Hand-und Fußcreme immer in Reichweite. Und: Ich LIEBE es zu baden. Leider hat ein entspanntes Bad einen hohen Schrumpelfaktor, die Haut trocknet aus. Nach endloser Recherche im Internet und einigen Experimenten in meiner Küche mache ich mir jetzt meinen ultimativen Badezusatz selber. Und diese Bömbchen aus ganz viel Kakao- und Sheabutter sind extrem pflegend.

Was mir auch zu Gute kommt: Ich rauche nicht (nie getan) und meine beiden Großmütter haben mir gute Gene mit auf den Weg gegeben.

Was ist für dich die größte Herausforderung am Älterwerden? Und die schönste Überraschung?

Die größte Herausforderung für mich ist es, im Kopf fit zu bleiben, weiterhin neugierig auf das Leben zu sein und nicht in Kästchen zu denken.

Die schönste Überraschung, dass ich doch tatsächlich mit zunehmendem Alter gelassener geworden bin. Früher war 55 für mich schon verdammt alt. Heute merke ich, nee – stimmt gar nicht. Ich fühle mich gut mit 55 und überhaupt nicht alt. Vielmehr habe ich das Gefühl, jetzt auch mal andere, unbekannte Pfade beschreiten zu wollen, an die ich früher nicht gedacht habe, die mir nicht in den Sinn kamen.

Ich glaube, ich habe mehr Mut als vor 10 Jahren.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Mein Lebensmantra? Humor, den Geist trainieren, den Horizont offen halten und ein gutes Glas Rotwein.

Liebe Martina, danke fürs Dabei sein und deine klugen Worte! Und fürs Mut haben, sowieso! :-)

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