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Ich bin aufgewachsen mit einer „geteilten“ Familie.

Meine Großeltern mütterlicherseits waren nach dem Krieg von Böhmen in den Westen Deutschlands gekommen, einen anderen Teil der Familie hingegen hatte es in den Osten verschlagen. Wieder ein anderer lebte nach wie vor in der damaligen Tschechoslowakei.



November 2014. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer. So schön! In jeder Hinsicht.

An Weihnachten schickten wir riesige Pakete gen Osten, gefüllt mit Kleidern, aus denen wir Kinder herausgewachsen waren, ein bisschen Süßkram, Kaffee und anderen Dingen, die man schicken durfte. Zurückkamen seltsame Dinge aus Glas, rauchende Weihnachtsmänner, Engelchen in einer schier unendlichen Vielfalt, die in der Adventszeit unser Haus bevölkerten, Weihnachtspyramiden mit vier Kerzen, die im Laufe der Jahre den drehenden Ventilator ankokelten. Im Sommer kamen ältere Großtanten angereist, deren Ankunft meine Oma zum Weinen brachte. Sie selbst reiste alle paar Jahre in die „Ostzone”, irgendwie waren wir immer froh, wenn sie wieder da war. :-) Die jüngere Verwandschaft in Ostberlin, Cousinen und Cousins meiner Mutter, bekamen wir nie zu Gesicht, was ich als Kind nur schwer verstehen konnte. Es war alles ein großes Mysterium, deren Gründe sich mir erst im Laufe der Jahre erschlossen. Aber es war, wie es war.

Dann kam der Sommer 1989.

Ich studierte mittlerweile an der Uni Regensburg und verbrachte drei Monate in Australien. Ich hatte eine Praktikumsstelle in Melbourne ergattert und genoss das Leben down under. Nun ist Australien ja bekanntermaßen sehr weit weg. Am Ende der Welt, quasi. Es gab damals kein Internet, keine Mails, kein Skype. Telefonieren war teuer, und fürs Zeitunglesen hatte ich keine Zeit. Und auch kein Interesse, wo das Leben doch gerade so schön und so sonnig war und sich so intensiv anfühlte. Ich war 23.

Um es kurz zu machen: Von Montagsdemonstrationen und den politischen Umwälzungen, die da in Europa im Gange waren, bekam ich nichts, aber auch gar nichts mit. Ja, da war irgendwas in Ungarn, aber ey, who cares, wenn man geräucherte Austern isst und danach das Nachtleben genießt. Oder Sidney besucht, den Ayers Rock oder das Great Barrier Reef.

So stieg ich also am 8. November 1989 in Melbourne in mein Flugzeug nach Hause. Und landete am 10. November völlig unvorbereitet in einer anderen Welt. Während ich irgendwo über Wasser und Land dahinflog und noch einen kurzen Zwischenstopp in Bangkok einlegte, war die Mauer gefallen. Und ich hatte von den politischen Vorwehen bis zur Verkündigung der Reisefreiheit gar nichts mitgekriegt.

Noch 25 Jahren später fehlt mir ein Stück deutscher Geschichte, ja, ein Stück meiner eigener Biographie. Lange habe ich damit gehadert, etwas wirklich Wesentliches verpasst zu haben. Manchmal tue ich es noch heute.

Für mich sind der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung der zwei deutschen Staaten immer noch und immer wieder das größte Glück in der jüngeren Weltgeschichte. Trotz aller Wenns und Abers und Schwierigkeiten und Probleme und und und.

Ich bin sehr dankbar dafür.

***

Magst du mir deine Mauerfall-Geschichte erzählen? Es wäre mir eine Freude, sie zu lesen!

 
Susanne Ackstaller, Samstag, 08. November 2014, 12:26 Uhr
Kommentare: 6 | Aufrufe: 1652 | Kategorie: Lifestyle, Leben, Meinungen, | Tags: mauerfallddr9. november 1989
 

Kommentare

  • Ha, da waren wir - relativ gesehen - ganz nah beieinander, denn ich war zu der Zeit gerade in der Südsee, genauer Tahiti & Co. Belgier erzählten mir, dass die Mauer gefallen sei - ich hielt sie für betrunken ;-). Später sah ich es aber im TV.

    Die geteilte Familie und Kaffee-Schokokolade-Päckchen in den Osten habe ich genau so erlebt, wie von dir beschrieben, - und möchte an dieser Stelle noch den leckeren Stollen erwähnen, den wir immer aus dem Osten geschickt bekamen.

    Heute bin ich besonders dankbar für die Wiedervereinigung, weil einer meiner besten Freunde aus dem Osten ist und wir uns ohne nie kennen gelernt hätten.

    Schöne Grüße

    Eva

    Eva Schumann
    am Freitag, 14. November 2014 um 07:41 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susannne, ich war wie du vor 25 Jahren im Ausland, allerdings etwas näher dran, in London, habe das Ganze im Fernsehen verfolgt, konnte es kaum glauben, obwohl die Engländer uns prophezeit hatten, dass es passiert - wir deutschen Austauschstudenten waren ja mit der Mauer aufgewachsen. Nach dem Studienaufenthalt bin ich erst mal zurück nach Deutschland gegangen, lebe aber jetzt seit 13 Jahren wieder in London und liebe hier vor allem das Multikulturelle. Gestern bin ich hier mit einem Tschechen im Pub ins Gespräch gekommen… Osteuropäer hat man hier vor 25 Jahren kaum getroffen. Liebe Grüße nach Deutschland!

    Tina
    am Sonntag, 09. November 2014 um 15:12 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich war dabei und es bleibt unvergessen!
    Um 00:30 Dancing auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor - Berlin hat geheult, gelacht, gefeiert und niemand hat verstanden, was eigentlich passiert ist :-)

    Etelka Kovacs-Koller
    am Sonntag, 09. November 2014 um 11:38 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Alice,

    ich muss auch immer noch weinen. Heute früh, als die Sonntagszeitung kam, wieder ...

    Aber es ist ein schönes Weinen. :-)

    LG, Susi.

    Susi
    am Sonntag, 09. November 2014 um 07:34 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ach,genau darüber habe ich geschrieben, bevor ich meine Runde durch die Blogs drehe.

    http://weltdeswissens.wordpress.com/2014/11/08/was-bleibt-november-1989/

    Wir sind uns da sehr einig :)

    weltdeswissens
    am Samstag, 08. November 2014 um 19:26 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi,

    mein Tagebuch aus dieser Zeit habe ich zwar gerade nicht gefunden, dafür aber tolle Schulungsunterlagen, die vor Jahren plötzlich verschwunden sind. Also hat sich Dein Aufruf auf jeden Fall schon gelohnt!

    1989 war ich 13 und in der Pubertät. Den 09.11. habe ich vor dem Fernseher verbracht, bei den freudigen Szenen mitgeweint und mich über David Hasselhoff gewundert. Noch heute muss ich weinen, wenn die Bilder von damals wiederholt werden. Die Umarmungen und Rufe natürlich, nicht der Gesang von David Hasselhoff.

    Möglicherweise war ich am 09.11. auf einer Demo zum Gedenken an die Reichskristallnacht. Das kann aber auch ein Jahr später gewesen sein.

    1990 fuhren wir dann zum Schulaustausch nach Saalfeld. Meine Austauschschülerin war mit den örtlichen Punks befreundet. Die trafen sich in einem Juz in der Innenstadt. Ihre glatzköpfigen Counterparts gab es (für mich) überraschenderweise auch schon.

    Einer meiner Klassenkameraden bekam eine DDR-Uniform geschenkt und führte sie auf der Rückfahrt vor. Ich habe in diesem Zug meine erste Zigarette geraucht.
    Alles in Allem einer aufregende Zeit.

    Liebe Grüße

    Alice

    Alice
    am Samstag, 08. November 2014 um 17:59 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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