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Qigong habe ich vor ein, zwei Jahren in meinem Fitness-Studio ausprobiert, als ich es an einem Sonntag nicht ins Yoga schaffte und eine Alternative suchte. Ich kannte Qigong von Bildern als eine Art „chinesisches Yoga”, bei dem ein ganzes Fußballfeld voller Menschen gemeinsam und hochkonzentriert Übungen absolvierte. Fand ich spannend!

Um es kurz zu machen: Ich mochte Qigong nicht. Und es blieb bei dieser einen Stunde. Es war mir zu langsam, zu wenig anstrengend, zu fad.


Wildgans-Qigong mit Snezana Galijas

Snezana Galijas beim Wildgans-Qigong. Hier: Übung 30: „Luft zurückverwandeln”. Gut für: Schultern, Lunge, Magen, Balance

Deshalb fand ich es spannend, dass meine quirlige Texterkollegin Snezana Galijas (hier war Snez bei mir schon mal im Montagsinterview!) genau diesen Sport vor rund zehn Jahren für sich entdeckt hat und mittlerweile sogar eine Selbstlern-DVD dazu entwickelt und auf den Markt gebracht hat. So spannend, dass ich mehr wissen wollte: über Qigong bzw. über das spezielle „Wildgans-Qigong”, zu ihrer Motivation und überhaupt.

Ich habe ihr ein paar Fragen gestellt ...

Wie bist du auf Qigong gekommen?

Durch eine Texterkollegin, die damals in Aschaffenburg gelebt hat! Sie hatte den Kurs in der VHS gebucht und schon bezahlt, konnte aber kurzfristig nicht teilnehmen. Ich hatte Zeit, und so habe ich spontan zugesagt – ohne überhaupt zu wissen, worum es ging. Der Wochenendkurs wurde von einem chinesischen Arzt gehalten, der neben Qigong auch viel Hintergrundwissen über Traditionelle Chinesische Medizin, Meridianlehre und Energiepunkte vermittelt hat.

Was fasziniert dich an Qigong?

An dieser speziellen Form von Qigong, der Wildgans, ganz klar die Effektivität und die durchdachte Choreographie, bei der auch die kleinste Bewegung ihren Zweck erfüllt. In nur zehn Minuten wird der ganze Körper physisch und psychisch trainiert. Die kurze Zeit finde ich einfach genial! Neben Muskulatur, Sehnen, Gelenken und den inneren Organen trainiert man auch das Gleichgewicht, die Koordination und Konzentration.


Wildgans-Qigong mit Snezana Galijas

Übung 23: „Taille schütteln” (Yin-Tang-Punkt. Gut gegen/für Erschöpfung, Müdigkeit, Frontalkopfschmerzen, Sehkraft, Nase/Schnupfen, Balance)


Gleichzeitig werden über die Aktivierung des Qi, also der Lebensenergie, auch die Lebensgeister aktiviert. Es ist wie eine Energiespritze ohne Piksen. Und die kann ich als dreifache Mutter und Unternehmerin praktisch ständig gebrauchen. Ich bin ja damals ahnungslos in den Workshop gegangen. Deshalb war ich schwer beeindruckt von der Power und Wirkung, die die Übungen bereits nach dem ersten Workshoptag hinterlassen haben. Bei mir ging nachts praktisch ein gigantisches Feuerwerk im Körper ab. Gut finde ich auch, dass man kein Zubehör, keine Matte oder Sportkleidung braucht. Man kann im Grunde überall loslegen, selbst im Business-Outfit im Büro, in der Mittagspause oder während einer Tagung, um Energie zu tanken oder die Glieder zu lockern. Ohne Anstrengung, ohne Schwitzen, ohne roten Kopf. Persönlich gefällt mir, dass die Übungen bewegt und abwechslungsreich sind. Die meditativen Anteile sind gut versteckt, so dass ich als Unruhegeist (der bei früheren Versuchen zu meditieren oder nur ruhig dazusitzen meistens einschlief) sie gut annehmen kann. Yoga beispielsweise ist mir zu statisch, da man hier die Positionen lange dehnen oder halten und dabei noch im richtigen Moment ein- und ausatmen muss.

Du praktizierst Wildgans-Qigong. Was hat die Wildgans mit Qigong zu tun?

Ich versuche mich kurz zu fassen, obwohl ich die Geschichte sehr interessant finde. (Mehr dazu gibt es aber auf meiner Website.)

Wildgans (chinesisch: Dayan) Qigong wurde in der Provinz Sichuan zur Zeit der Jin-Dynastie 1115 bis 1234 entwickelt und geht zurück bis zur Han-Dynastie (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.). Damals entstanden drei unterschiedliche Qigong-Stile: Kunlun, Kongtong und Shaolin. Dayan (= Wildgans) Qigong gehört zur daoistischen Kunlun-Schule. Die Provinz Sichuan liegt östlich des tibetischen Hochplateaus am Oberlauf des Flusses Jangtsekiang, am Rande des Kunlun-Gebirges. Es erstreckt sich über 2500 Kilometer bis zum Pamirgebirge. Diese über 4000 Meter hohen Berge haben in der chinesischen Mythologie spirituelle Bedeutung und werden deshalb auch „Berge des westlichen Paradises“ genannt. An dessen Ausläufer zogen sich daoistische Mönche zur Meditation und Askese zurück und sahen die Wildgänse, die die Kunlun-Berge regelmäßig überflogen. Es waren wohl diese wunderschönen weißen Wildgänse, die es hier kaum zu sehen gibt. Diese Tiere sind bekannt als sehr robust, beweglich und enorm ausdauernd. Sie sind in der Lage, ohne Unterbrechung weite Strecken in großer Höhe und auch bei Kälte zu fliegen. Welch Kraftleistung! In China ist die Wildgans deshalb ein Symbol für Langlebigkeit, Lebendigkeit, Kraft, Anmut und Ausdauer.


Wildgans-Qigong mit Snezana Galijas

Übung 59: „Futter suchen”, Teil 1 (Gut für alle Körperteile, insbesondere Rücken)

Nach intensiver Beobachtung der Tiere und in Kombination mit ihrem medizinischen Wissen über die Traditionelle Chinesische Medizin entwickelten die Mönche eigene Bewegungsabläufe und machten sich die typischen Wildganseigenschaften zunutze. So bestehen die Übungen aus einem Wechsel aus energischen, kräftigen, weichen und anmutigen Bewegungen.Ich liebe es, diese Bewegungen nachzumachen und fühle mich so … frei dabei!

Über Jahrhunderte wurde das Wissen streng geheim gehalten und nur von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Yang Meijun war in der 27. Generation die bekannteste Vertreterin des Wildgans-Dayan-Systems. Sie hat es 1980 – an ihrem 80. Geburtstag – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und lebte 102 Jahre.

Wie unterscheidet sich die Wildgans von anderen Stilen?

Die Wildgans ist, im Gegensatz zu Taiji beispielsweise, das als Kampfkunst konzipiert war, ein Bewegungs- und medizinisches Qigong. Es wird zur Vorbeugung, Heilung und Regeneration angewendet. Mittels Aktivierung, Akupressur und Massage von Meridianen, Energiepunkten und Organen wird der Körper mit Qi (Lebensenergie) versorgt. Das für die Wildgans typische „Flattern” mit den Händen aktiviert zusätzlich alle Kleinstmeridiane. Die Atmung spielt übrigens keine besondere Rolle, ein weiterer Vorteil, wie ich finde. Es ist zugleich das kürzeste aller Qigongs, vereint aber die Übungen der meisten anderen Stile. Deshalb sind es nicht weniger als 64 Einzelsequenzen, die eine super Konzentrationsübung darstellen, indem sie einen davon abhalten, anderen Gedanken nachzuhängen.

64 klingt erst einmal viel, dauert aber, wie gesagt, nur zehn Minuten, da manche Sequenzen nur ein bis zwei Sekunden dauern. Die Wildgans ist in China als eine von wenigen Qigong-Stilen offiziell als „medizinisch wirksam” anerkannt – allerdings frei von Nebenwirkungen. Dort, und zum Teil auch in den USA, wird es in Krankenhäusern bei verschiedenen Krankheiten, z.B. zur Regeneration bei Krebs- oder Schmerzpatienten, mit guten Erfolgen eingesetzt. Ich liebe die folgende Aussage zur Wildgans, die ich mal gelesen habe: „Wenn Qigong wie ein Garten ist, dann ist Dayan Qigong eine schöne Blume.“

Hast du eine Lieblingsübung?

Ich liebe alle Laufübungen, speziell aber die Übung 59: Futter suchen. Man läuft sieben Schritte vorwärts. Bei jedem Schritt wird das hintere Bein angewinkelt, das vordere gestreckt. Die Hände kreuzen sich vor dem Körper bzw. vorderen Bein, während du dich bückst. Dann werden sie ausgebreitet wie im Flug, während man sich wieder aufrichtet. Die Übung sieht elegant aus und ähnelt den Bewegungen der Wildgans am meisten, finde ich. Außerdem trainiert man damit gleichzeitig Schultern/Nacken/Rücken, Po, Beine, Sehnen und das Gleichgewicht und aktiviert den Energiepunkt, Perikard 6 (Herzbeutel).


Wildgans-Qigong mit Snezana Galijas

Übung 53: „Nach einer Seite hochfliegen” (Gut für Dünndarm, Blase, Geschlechtsorgane, innere Stabilität, Yin-Tang)

Erst vor wenigen Wochen habe ich übrigens den letzten Teil der Wildgans Typ II mit weiteren 64 Übungen gelernt und auch hier sofort eine Lieblingsübung ins Herz geschlossen: Sie heißt schlicht „Flattern”. Hier schwingt man seine Flügel – die Arme –, seitlich weit ausgebreitet wie ein wunderschöner Schwan. Sooo schön! :-)

Wann machst du Qigong? Allein oder in einer Gruppe unter Anleitung?

Alleine trainiere ich jeden Morgen, wenn ich mit dem Hund durch den Wald „gassiradle“. Ich empfehle allen, morgens zu üben. Dann ist das erledigt und man geht mit Energie in den Tag. Darüber hinaus gebe ich einmal wöchentlich einen Kurs und organisiere im Moment einen Ein-Tages-Intensiv-Workshop, bei dem man an einem Sonntag alle Übungen lernen kann.

Hat Qigong dein Leben verändert?

Schöne Frage! Und ja, ich kann sagen, dass ich körperlich und geistig beweglicher und leistungsfähiger bin und mehr Energie habe. Interessant ist, dass sich auch der Appetit und damit das Gewicht regulieren. Ich habe mit Qigong ein natürliches Bedürfnis, mich ausgeglichen zu ernähren. Der Dauerappetit auf alles Mögliche oder der gelegentliche Heißhunger auf Ungesundes ist viel seltener geworden. Ähnliche Erfahrungen höre ich auch von anderen Anwendern. Ich kann mich zudem besser konzentrieren und bin fokussierter. Aber vor allem habe ich meine Ängste und antriebslosen Phasen mit Qigong besser im Griff. Ich glaube, Alleinerziehende und Selbstständige wissen, was ich meine.

Was das Körperliche betrifft: Als jemand, der von Ballett über Handball bis Tanzen viele verschiedene Sportarten gemacht hat, habe ich die andersartigen, unüblichen Bewegungsabläufe sehr zu schätzen gelernt. Dadurch fühle ich mich leichtfüßiger – wie ein Panther vor dem sanften Absprung. :-)

Ich sehe die Übungen übrigens als die beste Investition in meine private und berufliche Zukunft, denn sie halten mich gesund.

Du hast eine DVD zum Thema Wildgans-Qigong herausgegeben. An wen richtet sich diese DVD, und was kann man darauf lernen?

Es ist die erste deutschsprachige DVD zum Selberlernen. Ich zeige und erkläre alle Übungen so detailliert, in Zeitlupe und aus verschiedenen Perspektiven, dass jeder die Wildgans alleine lernen kann. Das war mein Anspruch, insbesondere da die Wildgans in Deutschland wenig verbreitet ist und kaum unterrichtet wird. Der Hintergrund für die Produktion war übrigens, dass es ganz zu Anfang meiner „Wildganskarriere“ eine Zeit gab, wo ich nicht üben konnte und die Übungen fast alle vergaß. Das hat mich total geärgert, weil der nächste Kurs ewig hin war und ich aus meinen Notizen nicht mehr schlau wurde.


Wildgans-Qigong mit Snezana Galijas

Übung 59: „Futter suchen”,Teil 2 (Energiepunkt PE6: gut für Herz, Kreislauf, Gefäße, Nervosität)


Tatsächlich sind unter den Käufern etliche Wildgans-Practitioner, die sich über die DVD total freuen, weil sie die Übungen nicht mehr ganz genau im Kopf oder sie, wie ich, nach einer längeren Pause vergessen hatten. Das freut mich dann besonders.

Die DVD richtet sich aber auch an alle, die etwas für Körper und Psyche tun wollen; die die Vorteile der fernöstlichen Angebote ohne Schischi und Klangschalenatmosphäre nutzen wollen, und keine Zeit oder Lust haben, viel Zeit und Energie dafür aufzuwenden.

Was würdest du AnfängerInnen raten?

Ich finde es (im Gegensatz zu manchen Yoga-Stellungen) grundsätzlich nicht schwer, die Übungen zu lernen. Ich habe schon etliche Menschen über 70 kennengelernt, teilweise sogar mit Handicaps, die gut mitkamen. Nur das Merken aller Sequenzen ist für Manche eine Herausforderung. Mein ultimativer Trick: Die Übungen nach jedem Lernabschnitt visualisieren und vor dem geistigen Auge ablaufen lassen. Oder einfach immer mal wieder auf der DVD spicken.

***

Danke, liebe Snez, für deine interessanten Antworten! Nun bin ich tatsächlich neugierig geworden und überlege Qigong eine zweite Chance zu geben ... ;-) Danke für den Impuls!

Mehr zum Thema Wildgans-Qigong findest du auf Snez’s Website. Dort kannst du auch die DVD bestellen, falls du möchtest.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 20. Juli 2015, 06:00 Uhr
Kommentare: 4 | Aufrufe: 2348 | Kategorie: Lifestyle, Fitness & Gesundheit, | Tags: yogawildganssportsnezana galijasqigonggesundheitfitnessbewegung
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Kommentare

  • Vielen Dank für das Interview, liebe Susi. Nun bin ich sehr gespannt auf deine ersten Flugversuche, wünsche eine Menge Spass dabei und freue mich schon auf deinen Bericht! (Das war jetzt kein bisschen unter Druck gesetzt oder so, äh, nein, nein.) :-))

    Snez - die Wildgans :-)
    am Dienstag, 21. Juli 2015 um 12:45 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Schönes Interview und wirklich aufschlussreich. Gibt wirklich einige Sportarten von denen ich noch nie etwas gehört habe. Das war eine davon.

    Flix
    am Montag, 20. Juli 2015 um 18:56 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Das klingt alles sehr, sehr gut. Und so praktikabel…danke für dies Interview und Sommergrüße an Snez und Susi!
    Nessa

    Nessa
    am Montag, 20. Juli 2015 um 12:31 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Bin ich doch Yoga-technisch seit einiger Zeit heimatlos, scheint mir diese Wildgans wie gerufen zu kommen… Danke!

    Uschi aus Aachen
    am Montag, 20. Juli 2015 um 08:22 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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