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Als ich jünger war, sehr viel jünger, in meinen sehr frühen Zwanzigern etwa, dachte ich, mit Mitte, spätestens Ende Dreißig sei das Träumen vorbei. Dann hätte man sein Leben nicht nur im Griff, nein, es sei quasi „festgezurrt“ bis zum Lebensende. Das Träumen – das war den Jungen vorbehalten, die Älteren durften nur noch ihre restlichen Jahre abwickeln.

Was für ein kompletter Unsinn. Gott sei dank. (Aber das muss ich hier niemandem sagen.)

Wer unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod.

„Wer unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod.” (Konfuzius)

Heute denke ich: Solange ich Träume habe, lebe ich wirklich. Wenn ich irgendwann von nichts mehr träume, keine Ziele und Pläne mehr für das Morgen habe, wenn es nichts mehr gibt, das meine Augen zum Leuchten bringt – dann, ja dann bin ich wirklich alt.

Ich hoffe sehr, dass dieser Moment nie kommen wird. Nicht mit 51. Nicht mit 65. Nicht mit 83. Und auch nicht mit 94. Denn Träume zu haben, heißt jung sein. In jedem Alter.

Manchmal frage ich mich allerdings, wie es den jungen geflüchteten Frauen geht, die in der kleinen Unterkunft hier am Ort leben und denen ich Deutschunterricht gebe. Und was mit ihren Träumen, Hoffnungen, Zielen ist. Es sind ganz wunderbare und kluge junge Frauen aus Syrien, dem Irak und Erithrea. Sie sind so begierig, Deutsch zu lernen und hier ein neues Leben zu beginnen. Sie sind intelligent, sie sind gebildet, sie sind voller Elan. Ihre Augen leuchten, während wir uns Kapitel für Kapitel durch das Deutschbuch arbeiten, kurze Sätze üben, Begrüßungen oder Zahlen. Es sind Frauen darunter, die ihr Studium nicht zu Ende führen konnten. Die anderen mussten ihren Beruf aufgeben, um aus einem Land zu fliehen, in dem sie nicht mehr leben konnten. Eine andere junge Frau stand kurz vor ihrem Schulabschluss. Sie alle hatten dort, wo sie herkommen, ein Leben, das sie nicht gerne, sondern nur aus der schlimmsten Not heraus, aufgegeben haben. Aufgeben mussten! Die Vorstellung, wie gering ihre Chancen sind, ihre früheren Lebensträume und -pläne zu verwirklichen, treibt mir die Tränen in die Augen. Und dennoch wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass sie nicht aufhören zu träumen und ihre Hoffnungen nicht begraben.

Wieder einmal wird mir bewusst, wie ungerecht diese Welt und wie ungleich verteilt so vieles ist. Und zwar nicht nur Wohlstand, Demokratie und Sicherheit – sondern auch Träume, Ziele, Perspektiven. Und wieder bin ich dankbar für das große Glück, am richtigen Ort zur richtigen Zeit geboren zu sein und hier leben zu dürfen. Rein zufällig und aus einer Laune der Natur heraus. Gleichzeitig ist dieses Glück für mich Verpflichtung: denen zu helfen, mit denen das Schicksal es nicht so gut gemeint hat. Und sie dabei zu unterstützen, ihre Hoffnungen nicht zu verlieren und weiter an ihre Träume zu glauben.

Denn jeder Mensch hat ein Recht auf Träume. Und auf Perspektiven.

Wenn du deine Meinung zu dem Thema sagen willst – sehr gerne! Meine Kommentarfunktion ist offen und wird nicht moderiert. Beleidigende und verletzende Kommentare werden allerdings gelöscht.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 23. Mai 2016, 06:00 Uhr
Kommentare: 7 | Aufrufe: 1931 | Kategorie: Meinungen, Gedanken, | Tags: refugees welcomepolitikmeinunggeflüchteteflüchtlingshilfe
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Kommentare

  • Danke dir für deine wahren und schönen Worte! Mir geht es so oft genauso.. natürlich meckern und jammern wir alle, da schließe ich mich nicht aus, aber es überwiegt zum Glück die Dankbarkeit für das, was ich hier habe. Mein Freund arbeitet als Lehrer für DAF, die Ansprüche da sind, wenn man offizielle Kurse leitet, sehr hoch, er muss sich trotz jahrelanger Erfahrung immer weiter qualifizieren und es werden ihm Steine in den Weg gelegt, die völlig unnötig sind - und trotzdem arbeitet er gerne da, freut sich über die Fortschritte seiner Schüler und arbeitet meiner Meinung nach inzwischen fast zu viel. Aber wenn es Freude macht? Ich wünsche mir, gerade für die Frauen, dass wir eine vernünftige und gangbare Lösung zur Integration finden, damit auch wir als Land von den vielfältigen Lebensläufen profitieren und wir ihnen eine schöne Zukunft bieten können. Oder wenigstens dabei behilflich sind, damit ihnen ein Leben in ihrer Heimat wieder möglich sein wird, irgendwann.

    frauvau
    am Dienstag, 24. Mai 2016 um 09:02 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

    • Liebe Frau Vau,

      das ist natürlich doof, wenn dein Freund nicht so kann, wie er möchte. Ich denke, viele Prozesse stammen noch aus Zeiten, in denen wir einfach noch viel weniger Asylbewerber hatten. Sie werden in den nächsten Jahren sicher der neuen Situation angepasst und einiges dürfte einfacher werden. Ich finde es auf jeden Fall großartig, was dein Freund macht.

      Die Situation in den Herkunftsländern zum Besseren zu verändern, wäre sicher die beste Lösung - für alle! Niemand verlässt gerne seine Heimat.

      Danke für deine Worte!

      Susi
      am Dienstag, 24. Mai 2016 um 09:12 Uhr

      Auf diesen Kommentar antworten

  • Ein sehr interessanter Einblick in deinen Job und die Situation der geflüchteten Frauen! Ich überlege selbst, als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache zu arbeiten und höre von allen, die das bereits machen nur positives über ihre Schüler!

    T.
    am Montag, 23. Mai 2016 um 18:14 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

    • Probier es doch einfach mal aus! Es ist ja keine Verpflichtung auf ewig.

      Es ist auf jeden Fall sehr erfüllend, macht Spaß und bereichert mein Leben. <3

      Susi
      am Dienstag, 24. Mai 2016 um 09:13 Uhr

      Auf diesen Kommentar antworten

  • Wie wahr !

    Doris
    am Montag, 23. Mai 2016 um 15:24 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Das unterschreibe ich: ” Und wieder bin ich dankbar für das große Glück, am richtigen Ort zur richtigen Zeit geboren zu sein und hier leben zu dürfen. Rein zufällig und aus einer Laune der Natur heraus.”

    Danke dir für diese Worte zum Montag. ;)

    Anna
    am Montag, 23. Mai 2016 um 09:06 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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