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Wer sich in Deutschland für Mode interessiert, hat ein leichtes Spiel: Die Magazine sind voll von den neusten Trends, die Geschäften bieten jede Saison die aktuellsten Kollektionen und wem das nicht reicht, kann noch das Internet leer kaufen. Mode – und ihre Verfügbarkeit! – ist selbstverständlicher Teil unseres Lebens, dass man sich nur selten fragt, wie das eigentlich in anderen Ländern ist: Wie Mode in anderen Gesellschaften gelebt wird, was für einen Stellenwert sie in anderen Kulturen hat.

Über eine Kollegin habe ich Deana Maksimovic-Vidanovic kennengelernt. Deana ist Diplom-Anglistin, wurde 1974 in Belgrad im damaligen Jugoslawien geboren und ist im Jahr 2000 mit ihrem Mann nach Deutschland gekommen. Seitdem lebt sie in Karlsruhe.


Deana Maksimovic-Vidanovic, 40, kommt aus Belgrad und lebt heute in Karlsruhe.


Ich habe Deana gebeten, mir ein bisschen was über Mode in Jugoslawien bzw. im heutigen Serbien zu erzählen. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, liebe Deana!

„Mode war in Jugoslawien ziemlich wichtig. Es war zwar nicht leicht Trends zu folgen, weil die Importe begrenzt waren. Aber dafür durften wir – anders als im Ostblock – frei in den Westen verreisen. Die nächstliegende westliche Stadt war Triest in Italien – ein beliebtes Ausflugsziel für jugoslawische Modesüchtige. Es wurden sogar Bustouren aus allen Teilen Jugoslawiens organisiert, um in Italien shoppen zu gehen – eine original Levi’s Jeans oder italienische Lederschuhe waren also durchaus erreichbar, wenn auch nicht für alle, aber auf jeden Fall für die gesellschaftliche Mittelschicht Jugoslawiens.

Was Modetrends betraf, standen wir dem Westen wenig nach. So bekam ich mein erstes Paar Nike-Turnschuhe 1984 geschenkt bekommen und meine erste Swatch-Uhr ein Jahr später. Hinzu kam: Viele hatten Verwandte in Westeuropa, besonders in Deutschland, und die haben uns mit Kleinigkeiten, die es ins Jugoslawien nicht gab, versorgt. Ich kann mich noch an Glitzer-Duftradiergummis oder auch Schlumpf-Figürchen zum Sammeln erinnern, die sehr begehrt waren.


Westliche Mode war sehr begehrt. Es gab aber auch heimische Produktion.

Kleidung aus Jugoslawien selbst wurde meistens in großen Kombinaten produziert. Auch diese im Land produzierten Klamotten waren alles andere als uniform oder hässlich, sie waren nur nicht so heiß begehrt wie das, was aus dem Westen kam.


„Es gab organisierte Bustouren nach Italien – um dort zu shoppen.”


Natürlich gab auch bei uns Frauenzeitschriften, die zum großen Teil gleichzeitig Modezeitschriften waren, mit vielen DIY-Unterlagen drinnen – Schnittmuster oder Kochrezepte. Selber nähen war eher eine Sache der persönlichen Neigung und weniger der „Bedürftigkeit“. Wenn man einen bestimmten Plissee-Rock haben wolte, hat man ihn eher bei einer Schneiderin bestellt als selber genäht.

In den Kriegsjahren wurde dann aber alles anders. Serbien stand unten wirtschaftlichen Sanktionen des Westens, importieren und exportieren war unmöglich. Wir haben unsere Kleidung auf dem grauen Markt gekauft, meist billige Ware aus China, weil das Wertvollere einfach zu teuer war. Ich erinnere mich noch gut daran: Händler, die Klamotten und Unterwäsche auf Kartons an der Straße verkauften und wegliefen, wenn eine Polizeiwache die Straße entlang kam. Aber auch in Geschäften und Boutiquen war die Situation nicht viel besser – dort gab es viel gefälschte oder gestohlene Ware aus dem Westen.


Auch der Sozialismus trug Mini: Deanas Mutter in den 70ern.


Während der Kriegsjahre kamen auch die ersten Chinesen nach Serbien und verkauften ihre Waren – meistens waren es Klamotten – auf Flohmärkten. Dann entschloss sich chinanahe Regierung Miloševi?s ihnen einen Shopping-Center in Neu-Belgrad zu „schenken“. Den gibt es bis heute: hunderte von Läden randvoll mit Synthetik-Anziehsachen, billigen Plastikwaren und Spielzeug.

Zugleich gab es damals bizarre Modetrends: Einer davon war auf junge Kleinkriminellen an den Straßen Belgrads zurückzuführen. Sie wurden „Dizelaši“ genannt, nach den „Diesel Baggy Jeans“, die sie trugen. Kombiniert wurden die Jeans mit Sweatshirt oder Pulli, die in der Hose getragen und mit einem Gürtel befestigt wurden, dazu Nike AirMax Turnschuhe und schwarze Lederjacken.

„Eigener Stil? Ist heute selten!”

Heutzutage legt man in Serbien sehr viel Wert auf sein Äußeres. Man hört oft, dass man auf Belgrads Straßen die schönsten Frauen der Welt treffen kann. Leider ist das nicht nur den Genen zu verdanken, sondern einem sehr oberflächlichen Selbstwertgefühl. Viele Serben sind arm (eine Mittelschicht wie früher gibt es nicht mehr), möchten aber nicht, dass man es merkt – der letzte Cent wird also für schicke Klamotten und die Mitgliedschaft im Fitness-Studio ausgegeben, während man sich gleichzeitig von Brot und Trinkjoghurt ernährt.

Sogar in Parks und auf Spielplätzen gibt es Fitnessgeräte, damit sich jeder trotz fettiger Balkan-Cuisine „in shape“ halten kann. Das Ergebnis ist, dass junge Menschen ziemlich uniform aussehen: Die Frauen haben gepflegte, glatte lange Haare, sind tiptop geschminkt und tragen High Heels. Und die Männer könnten sich allesamt bei Baywatch sehen lassen. Der eigene Stil jedoch ist zur Seltenheit geworden.“

***

Danke, Deana, fürs Erzählen und die spannenden Einblicke!

Lies auch:

Mode und Kultur: Das kommunistische Rumänien.

 
Susanne Ackstaller, Dienstag, 10. Juni 2014, 08:59 Uhr
Kommentare: 2 | Aufrufe: 3419 | Kategorie: Mode, Meinungen, Interviews, | Tags: sozialismusserbienmodejugoslawien
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Kommentare

  • Ein sehr guter Bericht, ich hätte zuvor solche aspekte als weniger interessant eingestuft, jedoch ist es erfrischend mich immer wieder eines besseren belehren zu lassen, was den Zusammenhang zwischen politscher Lage und Fashion betrifft. Vielen Dank für den Artikel….
    LG, Daniela

    Daniela
    am Sonntag, 27. Juli 2014 um 17:17 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • ... wie sich die politische Lage auch in den Klamotten wiederspiegelt ist echt spannend. Danke für den Bericht.

    Farbenfreundin
    am Dienstag, 10. Juni 2014 um 10:13 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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