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Bereits mehrfach habe ich bei meinen Montagsinterviews Frauen porträtiert, die in der früheren DDR aufgewachsen waren und gelebt hatten. In diesen Interviews fand ich - und nicht nur ich! - besonders spannend zu lesen, wie Mode in einer anderen Kultur, zum Beispiel eben in einer sozialistischen Gesellschaft, gelebt wurde. Denn selbst wenn Frauen natürlich auch in der DDR (oder wo auch immer!) mit Kleidung in erster Linie ihre Persönlichkeit ausdrücken und zugleich gut aussehen wollten (wie hier im Westen ja auch!), so war das doch eine ganze andere modische Welt ...

So kam mir die Idee, Mode und Gesellschaft hier auf Texterella auf eine ganz persönliche Weise zusammenzubringen: Ich möchte Frauen aus andere „Kulturen” über (ihre) Mode erzählen lassen. Weil ich wissen möchte, wie Mode in anderen Kulturkreisen gelebt, erlebt und verstanden wird.

Beginnen möchte ich diese Serie (die ich dann in losen Abständen fortsetzen will) mit meiner Kollegin Elke Zobel, die im kommunistischen Rumänien aufgewachsen ist. Mit 18 verließ sie gemeinsam mit ihrer Familie das Land, studierte in Deutschland Soziologie (weswegen sie das Thema auch sehr spannend fand!) und arbeitet heute vorrangig als Fachjournalistin für technische Themen.


Elke Zobel (2013).

„Geboren und zur Schule gegangen bin ich in der Kleinstadt Agnetheln (Agnita) in Siebenbürgen, einer Gegend, die seit 1920, nach dem Frieden von Trianon, zu Rumänien gehört. Das 10.000-Einwohner-Städtchen liegt etwa 60 Kilometer von Hermannstadt (Sibiu) entfernt. Ich lebte dort zwischen 1959 und 1974, neben siebenbürgisch-sächsischen, szeklerisch-ungarischen und rumänischen Nachbarsfamilien.

Dieses kulturelle Nebeneinander beeinflusste auch die Kleidungsgewohnheiten, obwohl wir keineswegs andauernd in Volkstracht herumliefen. Die wurde nur zu Festtagen aus dem Schrank geholt, war aber den Angehörigen der einzelnen Gruppen als Identitätskennzeichen trotzdem wichtig – eine „sächsische“ Tracht war eben keine rumänische und eine rumänische keine szeklerische. Die rumänischen und ungarischen Nachbarinnen und Nachbarn trugen anders aussehende Festtrachten. Und es war selbstverständlich, dass man deutlich machen wollte, zu welcher Gruppe man gehörte, ähnlich wie bei den Mitgliedern jugendlicher Subkulturen, von denen sich manche auch gern so kleiden, dass sie einander als Gruppenzugehörige erkennen können.

„Am Sonntag gingen wir in Tracht zum Gottesdienst, vor allem aus Trotz gegenüber der Staatsmacht.”

Das Trachtenhemd meines kleinen Bruders habe ich im Handarbeitsunterricht geschneidert und bestickt, und meine erste (ausgeliehene) Mädchentracht zog ich zur Konfirmation an. Nach der Konfirmation verabredeten wir evangelischen Mädchen und Jungen uns gelegentlich mit Gleichaltrigen, am Sonntag in Tracht zum Gottesdienst zu gehen, vor allem aus Trotz gegenüber der Staatsmacht, aber auch, weil wir öffentlich machen wollten, dass wir „erwachsen“ waren, denn die Tracht für „heiratsfähige“ Frauen war eine andere als diejenige für Kinder.


Die Mädchentracht (1973).

Auch die verheirateten Frauen hätte man nach ihrer Tracht von den unverheirateten unterscheiden können. Allerdings war diese Regel bereits im Aussterben begriffen: So trug meine Mutter noch eine „Mädchentracht“, als sie bereits Großmutter war, denn die Symbolik bedeutete ihr als Bewohnerin einer Kleinstadt – anders als anderen weiblichen Verwandten, die im Dorf lebten – nichts mehr. Meine eigene Mädchentracht habe ich übrigens an meine verheiratete Tochter vererbt – bei der sie ungenutzt im Schrank hängt. Eine richtige Frauentracht (mit Haube, daher „unter der Haube“) habe ich nie besessen, aber ich habe es auch nicht fertiggebracht, die textilen Reste meiner früheren Identität in der Altkleidersammlung verschwinden zu lassen.

„Eine eigene Tracht konnten wir uns erst beim Hausverkauf kurz vor der Aussiedlung leisten.”

Dabei hatten wir drei Frauen, meine Mutter, meine Schwester und ich, uns erst kurz vor unserer Aussiedlung, im August 1974, eigene Trachten anfertigen lassen. Mit Schürzen aus Vorhangstoff, weil aufwändige Loch(??)-Stickerei zu teuer gewesen wäre. Tatsächlich hatten wir vorher das Geld für eigene Trachten nicht aufbringen können. Erst nach dem Verkauf unsere Hauses in Rumänien und der Haushaltsauflösung hatten wir das Geld: rumänisches Geld, und zwar mehr als wir ausgeben konnten. Zugleich durften wir nichts davon in D-Mark eintauschen und/oder mit nach Deutschland nehmen. So kauften wir uns ein (vermeintlich wichtiges) Stück Identität, wohl in der irrigen Annahme, es in Deutschland in ähnlicher Weise nutzen zu können, wie wir es aus Rumänien gewohnt waren.


In Schuluniform (1974).

Im rumänischen Alltag mussten wir Schuluniformen anziehen, je nach Schulform unterschiedliche, was dazu führte, dass wir als jüngere Trägerinnen einer bestimmten Uniform stolz waren auf das Symbol, das uns „groß“ machte. Als ältere Trägerinnen dagegen konnten wir es kaum erwarten, die Einheitskleidung loszuwerden.

Die Uniformzeit begann im Kindergarten mit hellblauen, vorn zu knöpfenden, langärmeligen Kittelchen. Weiter ging es über hellblau karierte Kleidchen mit blauen Schürzen für die Grundschülerinnen zu mittelblauen gereihten Hängeröcken, kombiniert mit hellblauen Blusen, für die Sekundarstufe I und schließlich zu dunkelblauen, gerade geschnittenen Hängeröcken mit hellblauen Blusen für die „Lyzeanerinnen“, also die Schülerinnen der Gymnasialklassen 9 bis 12. Die Jungen trugen jeweils dunkelblaue, (sehr) grobe Anzüge. Als ich in die erste Klasse kam, waren (gerade noch) schwarzweiß karierte Kleidchen vorgeschrieben, und ich kann mich erinnern, dass ich das blauweiß karierte Kleid erst zu Weihnachten bekam (die Schule begann bei uns am 15. September).

„Wir träumten von Jeans und Schlaghosen, von Midi-Kleidung und Miniröcken.”

Darüber hinaus gab es, für staatsnahe Feierlichkeiten, die Pionieruniform: knielanger dunkelblauer Faltenrock, weiße Stoffbluse mit Schulterklappen, rotes Halstuch. Sie war den Kindern im Pionier-Alter vorbehalten (3./4. Grundschulklasse bis 7./8. Klasse der Sekundarstufe I). Jungkommunistinnen (vergleichbar der ostdeutschen Freien Deutschen Jugend FDJ) ab der 7./8. Klasse trugen keine Uniformen. Als Elftklässlerinnen, siebzehn- bis achtzehnjährig, träumten wir hingegen von Jeans und Schlaghosen, Midi-Kleidung und Miniröckchen, und einige von uns besaßen solche begehrten Stücke auch, meist aus Geschenkpaketen westdeutscher Verwandter. In der Schule war diese Kleidung verboten, ich habe selbst erlebt, wie die Schulleiterin uns an der Eingangstür abpasste und den Mädchen, deren Uniformröcke zu kurz oder zu lang waren, mit einer großen Schere die Sachen zerschnitt.


Kostüm aus zweiter Hand (1972).

„Hilfreich“ waren so gesehen die Überschwemmungskatastrophen dieser Jahre: Danach erließ Bukarest den Zoll für Care-Pakete, sodass ausländische Verwandte uns gebrauchte Kleidung schicken konnten. Meine Familie war von der Überschwemmung nicht betroffen, profitierte aber davon, da Verwandte in Westdeutschland lebten. Nachdem wir uns aus den Paketen herausgepickt hatten, was uns passte, kamen die Nachbarskinder und suchten sich, was sie wollten und brauchten. Auf diese Art waren wir, wenn auch zeitversetzt, an der westdeutschen Mode orientiert. Nur einmal brachte ein Bekannter uns nagelneue Sachen mit; die hellblauen und knallroten Schlaghosen zogen wir zwar todesmutig an, die knöchellangen milchkaffeebraunen Ledermäntel aber (die sicher teuer gewesen waren) waren alltagsuntauglich und wurden zu Karnevalsverkleidungen degradiert. Wir wären von unseren Peers schallend ausgelacht worden, hätten wir sie als „normale“ Mäntel auf der Straße getragen. Manchmal gingen wir auch in den Textilwarenladen und blätterten die Kleider durch, die dort auf der Stange hingen. Meistens passierte das, wenn wir eine neue Schuluniform brauchten. Die Fertigkleider waren selten jedoch so hübsch, dass wir sie anprobieren wollten, und/oder zu teuer, um infrage zu kommen.

„Bei Friseur saß eine Frau mit einer Repassiernadeln, mit der sie Laufmaschen von Nylonstrümpfen auffangen konnte.”

Oft hat meine Mutter alte Kleidung wiederverwertet. Der Stoff für die Latzhosen zum Beispiel, die meine Schwester und ich anlässlich eines Urlaubs bekamen, war aus einem Anzug meines Vaters geschnitten. Überhaupt wurde viel gestopft und repariert: So saß im Frisiersalon eine Frau mit einer Repassiernadel, mit der sie die Laufmaschen von Nylonstrümpfen auffangen konnte. Meist trugen wir aber patentgestrickte Baumwollstrümpfe, die wir hassten, weil sie nicht elastisch waren und am Bein hässliche Falten warfen.



Mit rumänischer Folklorebluse (1977).

Als wir nach Westdeutschland aussiedelten, 1974, verkaufte ich die meisten Kleidungsstücke aus früheren Care-Paketen. Die Mode war inzwischen zwei oder drei Jahre älter geworden, zum Teil ausbesserungsbedürftig, aber immer noch sehr gefragt.

Am Vortag der Ausreise kaufte ich mir eine rumänische Folklorebluse, eine dünne weiße Leinenbluse mit roter Stickerei. Vielleicht wollte ich unbewusst ein Erinnerungsstück haben, vielleicht dem Zwang entkommen, mich einer der ethnischen Gruppen kleidungsmäßig zuordnen zu müssen, vielleicht den Bestandteil einer Tracht zur Alltagskleidung umfunktionieren und damit der Moderne einfügen, ich weiß es nicht. Viele taten das damals, vor allem Mädchen kurz vor der Ausreise, die Blusen waren gerade neu in die Kunstgewerbeläden gekommen, die sonst nur folkloristisch-touristische Kitschgegenstände führten.

Diese Bluse trug ich in Deutschland zu Jeans und Sommerröcken. In Agnetheln hätte ich weder die „rumänische“ Bluse tragen noch sie zu Alltagskleidung kombinieren dürfen. In Westdeutschland durfte ich es – denn niemand interessierte sich dafür.”

***

Danke, liebe Elke, für diese spannenden Einblicke in eine ganz andere Modewelt!

 
Susanne Ackstaller, Dienstag, 07. Januar 2014, 09:00 Uhr
Kommentare: 5 | Aufrufe: 8744 | Kategorie: Mode, Meinungen, Interviews, | Tags: rumänienmodekulturkommunismusgesellschaftelke zobel
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Dienstagsschnipsel.
Frauen ab 40: Das Montagsinterview mit Claudia Hilker.
Mode am Mittwoch: Wiesn-Mode in Size Plus.
 

Kommentare

  • Kenne niemanden der von Schlaghosen, Miniröcken usw.während der Schulzeit geträumt hat…die Uniform war da und das war auch gut so…in der Freizeit konnte jeder tragen was er will…und obwohl ich aus der Stadt kommme weiss ich das man eine Tracht zur Kirche anziehen konnte….bin auch konfirmiert….galt nicht als Protest gegen das sozialistische System….nachdenken bevor man Infos ins Netz stellt…..

    Heidemarie Tischler
    am Samstag, 06. Dezember 2014 um 23:51 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Frau Mütze, keine Sorge - nächsten Montag gibt es auch wieder ein Montagsinterview! :-)

    Auch Ihnen ein fabelhaftes 2014!

    Susi
    am Dienstag, 07. Januar 2014 um 16:23 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Frau Ackstaller,

    Ich hatte mich schon auf das neue Montagsinterview gefreut-
    Finde ihre Idee spannend und gut, auch vob Frauen und deren Mode-Einstellungen, aus anderen Ländern zu berichten!

    Lieben Gruss aus SH
    und ein freudiges neues Jahr, mit vielen tollen Blog-IDEEN, über die ich mich dann beim Lesen freuen kann… :)
    Wünscht Yihnen

    Bitgit Mütze

    Birgit Mütze
    am Dienstag, 07. Januar 2014 um 16:03 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Tolle Erzählung, liest sich weg wie nix. So eine Folklorebluse hatte ich zu der Zeit übrigens auch, was schwer vermuten lässt, dass die damals in Westdeutschland im Trend lagen. Vielleicht war aber auch Elke hier die Trendsetterin. Wer weiß... :)

    Biggi
    am Dienstag, 07. Januar 2014 um 11:22 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wie superspannend! Vor allem auch: Tracht als Ausdruck des Protestes - so habe ich das noch nie gesehen.
    Tolle Idee, Susi - und tolle Geschichte, Elke!

    Jutta
    am Dienstag, 07. Januar 2014 um 10:18 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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