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Liebes Internet, was ist eigentlich los mit dir?

Als ich dich kennenlernte, und das ist schon fast zwanzig Jahre her, hast du mein Herz ganz warm und froh gemacht. Weil es so schön war mit dir, und so bereichernd. In Foren und über Mailinglisten lernte ich Menschen kennen, die ich ohne dich nie getroffen hätte – mit manchen bin ich bis heute befreundet. Sicher, auch damals gab es schon „Trolls“, denen man keine Beachtung schenkte. Weil: „Don’t feed the trolls!“ – so lautete die Ansage.

Irgendwann schlug die Stimmung dann um. Zunächst bei politischen Themen, auf Facebook oder in den Kommentarspalten von Nachrichtenmedien. Tonlage und Wortwahl landeten auf untersten Niveaus. Diskussionen wurden zu den reinsten Kriegen, in denen der Gegner geschlagen werden musste – mit welchem Mittel auch immer. Hass machte sich breit. Wer einmal auf den Facebook-Seiten von Focus, Bild, RTL und anderen Medien unterwegs war, weiß wovon ich spreche. Das pure Grauen. Umso mehr Wertschätzung gebührt Menschen, die sich tagtäglich gegen Hatespeech einsetzen.

Und nun ist also die Mode dran. MODE! Nicht die große Politik und der Weltfrieden – nein: Mode! Die schönen Dinge also, die eigentlich nur Spaß machen sollen und Freude. Ja, auch hier wird mittlerweile gehatet, was das Zeug hält. Da sind natürlich diese schrecklichen Influencer (ja, ich finde das Wort auch furchtbar, aber das ist kein Grund für Hass-Kommentare!), die nichts können, nie arbeiten, den ganzen Tag nur Schampus trinken und viel Geld mit Selfies verdienen. Masha Sedgewick hat darüber kürzlich gebloggt und dem habe ich nichts hinzuzufügen. (Doch, etwas: Selbst wenn Influencer nicht arbeiten würden, rechtfertigte das nicht diesen Hass!)

Ich war fassungslos ...

Selbstverständlich wird auch in Blogs ordentlich gestänkert – anonym natürlich und mit gefakter Mail-Adresse: „Schon wieder Werbung? Muss das denn sein? Kannst du uns den tollen und unbezahlten Content, den du seit Jahren mehrmals wöchentlich bietest, nicht einfach ohne Bezahl-Werbung liefern? Du olle Werbetante!“ Das sind dann tatsächlich die einzigen Kommentare, die ich lösche. Rigoros.

Den Höhepunkt des Blogger-Hasses erlebte ich aber kürzlich auf Facebook: Eine Plussize-Bloggerin präsentierte ein Outfit, das tatsächlich ein wenig gewagt war: Die Farben waren wunderschön, aber ungewöhnlich in ihrer Zusammenstellung, und auch der Look zielte ganz bewusst nicht darauf ab, Kilos wegzumogeln. Ich mochte das Outfit, es war ein wenig mutig – warum sollten wir Curvys uns auch immer in dunkelblauen Tuniken verstecken? Und schon waren sie da, die Hyänen: Ob die Bloggerin eigentlich keine Augen im Kopf habe? Ob sie bei der Auswahl ihres Outfits vielleicht besoffen gewesen wäre? Augenkrebs, Quasimodo, Glöckner von Notre Dame, Voll-Katastrophe ... die Kommentatorinnen scheute vor keiner Beleidigung zurück. Ich war fassungslos, wie viel Gülle sich hier ergoss. Es ging um Klamotten wohlgemerkt.

... wie viel Hass sich hier ergoss!

Immer häufiger stelle ich fest, dass hinter dem Deckmäntelchen von Anonymität alle Hemmungen fallen. Dass wüste Beschimpfungen den Platz von Kritik eingenommen haben und dass Menschen offenbar immer häufiger vergessen, dass hinter all den Bits und Bytes doch letztlich ein Mensch steht. Der diese Kommentare liest und irgendwie damit zurechtkommen muss (oder auch nicht). Es ist wie ein Dammbruch, eine Welle des Hasses – fängt eine(r) mit Haten an, ziehen andere mit.

Schon lange habe ich mich vom früheren Netz-Mantra „Don’t feed the trolls!“ verabschiedet und halte jetzt konsequent dagegen. Bei politischen Thema genauso wie bei Mode und Bloggern. Ich will kein Part eines Internets sein, in dem Häme, Hetze und Hass regieren. In dem Stammtisch-Exzesse eine vernünftige Diskussion unmöglich machen. Nichts, gar nichts rechtfertigt Hasskommentare.

Schau nicht weg!

Meine Bitte an dich: Schau nicht weg, wenn dir Hass im Netz begegnet. Misch dich ein und stell dich aktiv gegen den Hass. Und ja, ich weiß, das kostet Mut. Aber wenn ich das kann, kannst du es auch.

Liebes Internet, ich hab dich immer noch lieb, auch wenn du oft so böse, aggressiv und hasserfüllt bist. Ich hoffe von Herzen, dass wir das wieder hinkriegen. Was ich weiß und was mir wichtig ist: Wir sind nicht ausgeliefert. Wir können etwas gegen den Hass tun: Einmischen. Und nicht schweigen.

***

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Susanne Ackstaller, Montag, 13. November 2017, 06:00 Uhr
Kommentare: 9 | Aufrufe: 1394 | Kategorie: Meinungen, Gedanken, | Tags: montagsgedankenmeinunghatespeechhass im netzcounterspeech
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Kommentare

  • Diese Verrohung, dieses Hinter-sich-lassen aller Manieren und Umgangsformen, dieses hemmungslose Suhlen in Pöbeleien bestürzt mich wirklich. Welches Menschenbild hat denn jemand im Kopf, wenn er/sie eine Modebloggerin als Quasimodo beschimpft. Wo bleiben denn Toleranz und Achtsamkeit im Umgang mit anderen ? Menschen zu bewerten erfreut sich ja auch in den Medien großer Beliebtheit, auf der anderen Seite ist political correctness ein großes Thema. Öffentlich formulieren wir korrekt und schonend( außer als Juror einer Castingshow )und in der Anonymität des Netzes wird gepöbelt und gehetzt, rausgehauen, was immer einem in den Kopf kommt. Woher kommt denn diese Diskrepanz ?

    Doris
    am Samstag, 18. November 2017 um 19:59 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Dem ist nichts hinzuzufügen.  Traurig, aber wahr.

    Mckale

    Mckale
    am Dienstag, 14. November 2017 um 23:06 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susanne,
    ja es wird immer schlimmer. Ein Grund warum ich mich z.B. bei Facebook aus den Gruppen abgemeldet habe.
    Egal welches Thema Kochen, Tiere usw. immer triffst Du auf Menschen? die so böse schreiben.
    Es stimmt, ich sollte dagegen halten, aber ich bin nicht bereit, meine freie Zeit damit zu verbringen.
    Ich diskutiere täglich mit Eltern und Kindern, die ihrem Gegenüber keinen Respekt zollen. Mische mich ein, weil ich meinen Mund nicht halten kann und ihn mir auch schon mal verbrenne.
    Aber den Button , den würde ich auch gerne mitnehmen.
    Danke für Deinen Post.
    Britta

    Britta
    am Dienstag, 14. November 2017 um 06:20 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi, ich bleibe auf meinen Blogs zum Glück von Hass verschont, mag mit meinen sensiblen Themen zusammenhängen. Obwohl mir schon vorgeworfen wurde, ich würde mit meiner ehemaligen Krebserkrankung und meinen Behinderungen ein Geschäft machen, ja, das stimmt und ich geniere ich auch nicht dafür. Ich habe mich allerdings aus politischen Diskussionen total zurückgezogen. Als mir Massenvergewaltigungen an den Hals gewünscht wurden und mir Vermittlung junger Frauen an Flüchtlinge angedichtet wurde, da war für mich Schluss. Ich äußere mich diesbezüglich nicht mehr, aus Selbstschutz. Ja, schade, aber ich habe keine Kraft für öffentliche Auseinandersetzungen. Es erschreckt mich übrigens, dass viele
    Hater sich gar nicht verstecken, sondern ganz offen mit ihrerer Identität Bockmist verzapfen. Liebe Grüße, Claudia

    Claudia Braunstein
    am Montag, 13. November 2017 um 22:44 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi,

    ich stimme Dir ja am liebsten zu, muss aber vorweg schicken, dass nicht dieses Internet das Problem ist (jaja, das weißt Du natürlich :-) ).

    Irgendwann haben leider auch die Dümmsten begriffen, dass „man” im Netz so schön unerkannt herumsauen kann. Ich benutze bewusst diesen Begriff, denn manche machen es immer noch im realen Leben, aber im Netz ist es doch viel bequemer! Und Frust gibt es genug. Weil sie selbst meist wenig auf die Kette bekommen, lassen sie ihren Unmut darüber an anderen Menschen aus. Was wir davon halten, brauchen wir nicht zu vertiefen.

    Ich finde es weiter schlimm, dass Menschen wegen einer Äußerlichkeit abqualifiziert werden. DAS ist für mich das allerletzte. Dass es diese Kommentare gibt, muss uns nicht dazu verleiten, es zu akzeptieren. Den besten Umgang mit diesen Menschen habe ich für mich noch nicht erkannt. Leider führen Diskussionen mit ihnen meist nicht zu einer Selbsterkenntnis. Aber das soll uns ja nicht abhalten, etwas zu tun.

    Eines noch: Nein, Plussize-Frauen müssen mal so gar nichts. Wie andere Frauen auch. Bleibt also bitte dabei, frech zu sein (wobei es schon von mir frech ist, es frech zu nennen).

    Schade, dass Du nicht auf der Blogst warst. Der letzte Blogst-Beitrag war reine Liebe. Auch fürs Netz. Ich möchte lieber weiter Liebe und das Schöne und das Gute verbreiten, als mich mit diesem anderen Abschaum zu befassen.

    Mal sehen, wo das alles noch hinführt. Ich glaube aber weiter ans Gute. Also wird es gut. Alles.

    Liebe Grüße

    Birgit

    Birgit
    am Montag, 13. November 2017 um 15:59 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ein schöner Artikel. Man braucht inzwischen wirklich eine harte Schale, wenn man im Netz unterwegs ist. Ich blocke ständig irgendwelche Hater, vor allem auf Twitter, die meinen mich wahlweise wegen meines exotischen Namens anfeinden zu müssen (fast immer in „gebrochenem” Deutsch, was irgendwie ironisch ist) oder wegen meiner Freude an Büchern/Filmen in denen Diversität und LGBT Charaktere mitmischen dürfen. Da lohnt sich auch das Diskutieren einfach nicht mehr und wird von mir kommentarlos gelöscht und geblockt. Auf Blogs kann man sich meistens noch einigermaßen zivilisiert austauschen, aber in den sozialen Netzwerken scheinen mir Hopfen und Malz verloren.

    Liebe Grüße,
    Sam

    Sam
    am Montag, 13. November 2017 um 11:22 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wie recht Du hast. Ein toller Blog Post. Ich bewundere immer, wie konsequent und klar Du auf solche Kommentare antwortest. Liebe Grüße Beate

    Beate Finken
    am Montag, 13. November 2017 um 08:50 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susanne,

    mein Blog ist noch eine Baustelle, deswegen hab ich die Seite nicht verlinkt.

    Ich stimme dir absolut zu! Einmischen statt wegschauen. Und ich würde das auch gern auf dem Blog sichtbar machen. Magst du den Button zum Mitnehmen zur Verfügung stellen? Den könnte man ja mit dem Beitrag verlinken?

    Soviele Awards und „Travelbook” und „Blogstars” werden auf den Sidebars gezeigt, warum nicht auch einen Button gegen den Hass?

    Viele Grüße

    Birgit

    Birgit
    am Montag, 13. November 2017 um 08:38 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

    • Liebe Birgit, das ist ein toller Gedanke! Gerne kannst du den Button mitnehmen. Gestaltet hat ihn Sibylle Zimmermann, aber sie findet auch, dass man den Gedanken gar nicht weit genug im Netz verteilen kann! :-)

      Susi
      am Montag, 13. November 2017 um 10:56 Uhr

      Auf diesen Kommentar antworten

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