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Eva Brandecker. Sie war unter den ersten drei Frauen, die ich um ein Montagsinterview bat ... weil ich sie wunderschön fand und immer noch finde, sowohl ihre äußere Hülle als auch den Menschen, der darin steckt. Aber dann dauerte es doch noch anderthalb Jahre, bis ich sie soweit hatte. (Mein zweiter Name ist wohl „steter Tropfen“.)

Eva also. Was für eine Frau, was für ein Leben. Fotografin, Journalistin, Event- und Restaurant-Managerin, unterwegs in der Welt, in Kunst und Kultur, so zum Beispiel bei einem Christo-Projekt, das es fast auf’s Stern-Cover geschafft hätte – wenn nicht in derselben Woche die vermeintlichen Hitler-Tagebücher entdeckt worden wären. Selbst im Dschungel bei den Guerilleros war Eva übrigens immer mit Lippenstift ausgerüstet – ist das nicht unglaublich charmant?

Vor ein paar Jahren hat sie dann noch mal ganz neu losgelegt: als Produzentin von Lehrmaterial für Fremdsprachen, die mit Hilfe von Musik vermittelt werden. „The Grooves“ ist der Popstar unter den Sprachkursen, eine Mischung aus Hörbuch, Musik und Sprachtrainer, und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: einfach fabelhaft.

Und heute ist sie tatsächlich hier. Ich freue mich wirklich, bin aber gleichzeitig auch ein bisschen traurig, weil ich zwischen diesen ganzen wunderbaren Bildern, die sie mir geschickt hat, eine so kleine Auswahl treffen musste ... Aber irgendwas ist ja immer.



Eva Brandecker, 58, in Wien, einer ihrer Lieblingsstädte.

„Immerwährende Neugier, Gelassenheit in der Beurteilung von anderen Menschen und Lebensentwürfen, mehr Wohlwollen mit sich selbst, das Balancieren auf der Lebenslinie mit Würde und Eleganz. Das alles als Work-in-progress. Und Weltfrieden wäre schön”, sagt Eva auf die Frage, was ihr wichtig ist. Was für eine schöne, geradezu weise Antwort! Danke dafür!

Aber lies nun, was Eva zu Mode, Aussehen und martialischen Ledermänteln zu sagen hat ...


Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich fand Mode schon immer äußerst interessant, als Spiegel der Persönlichkeit, als Bekenntnis zu einem Lebensstil, einer Bohème oder Ausdruck eines Traumes? Was wäre die Literatur, der Film, das Theater ... ohne die Kleider ihrer Protagonisten? So wie der Vogel sein Gefieder trägt, tragen wir unsere Bekleidung. Nicht umsonst ist die Tracht als Symbol kultureller Identität bei allen Völkern so wichtig (und so wunderbar). Ich bin dafür, Mode als Schulfach einzuführen, definitiv! Nähen lernen, Entwerfen, Geschichte der Mode, seinen eigenen Stil finden ... ich melde mich schon mal an!


Welche Stilrichtung bevorzugst du? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert – und warum?

Meine erste Modesünde bestand aus gräßlichem grasgrünen Schaumstoff. Dieses Material war damals modern, zumindest meine „Quelle” Burda-Moden behauptete das, und ich wollte das Kleid aus diesem Stoff unbedingt haben. Danach wurde ich noch stolze Trägerin eines knallroten Hosenanzuges aus demselben “Kunststoff”, genäht von meiner Mutter. Ich war glücklich – und statisch aufgeladen.


Grasgrün und statisch aufgeladen. (1966)


Als Studentin gab’s alles: von selbstgefärbten Latzhosen, schlabberigen Männerunterhemden und Schlafanzughosen (natürlich auch gefärbt und aufgerüscht mit Tüll und Kram) bis zu allerhand Vintage-Zeug und selbstgenähten Röcken aus 50-iger-Jahre-Vorhangstoffen. Wir waren jung und hatten keine Geld. ;) Und die ganze Welt war eine Bühne. Wir liebten es zum Lumpensammler zu gehen (so hieß der im Kohlenpott!), auf Bergen von Altkleidern herumzuturnen und Schätze zu erbeuten. Dann machten wir uns fein und auf ging’s zum Live Act – wie zum Beispiel hier zur Galopprennbahn nach Gelsenkirchen, das war ein Riesenspaß.


Als Fotostudentin (1976): Aufgestylt auf der Rennbahn (Eva in der Mitte).

Aber auch wenn die Utensilien billig waren: Eine gewisse Eleganz und Schlichtheit im Stil waren schon angesagt.

Später durfte es dann Jil Sander, ein Kostüm von Strenesse oder eine Marlene-Hose von Cerruti 1881 sein. Mittlerweile wäre mir das aber wieder zu teuer und ich entdecke Secondhand-Läden neu: Einmal finde ich es schön, wenn ein Kleidungsstück eine Geschichte hat. Und es macht so viel Spaß ein kleines Juwel für sich zu entdecken, ein Teil, das wie gemacht für einen zu sein scheint.


Hattest du modische Vorbilder? Personen oder Persönlichkeiten, die deinen Stil geprägt haben oder eine modische Ära?

Ich finde den klassischen, strengen Stil sehr ansprechend (wie bei Marlene Dietrich oder Audrey Hepburn), mag aber auch sehr kurvige Mode (im Stile der Hollywood-Diven, wie Rita Hayworth oder Marylin Monroe), wobei ich eher ersteres für mich selbst passend finde. Vivian Westwood ist auch interessant, wenn auch kaum tragbar, aber sie bedient das Faible für’s phantasievolle Verkleiden.


Wunderschön als junge Mutter (1990)! (Ich liebe dieses Bild.)

Da ich seit einigen Jahren mit Vergnügen Tango tanze, kann ich diese Leidenschaft dort wunderbar ausleben – in Ermangelung einer Horde Freundinnen, die mit mir auf die Rennbahn geht. Es ist ein schönes Ritual, sich für’s Ausgehen zum Tango zurechtzumachen und auch mal so richtig in der Weiblichkeit zu schwelgen. Herrlich.

Übrigens finde ich, dass bestimmte Kleidung auch eine bestimmte Musik zum Klingen bringt. Hört doch mal hin ...


Hast oder hattest du ein Lieblingskleidungsstück?

Ja, einen alten, fast martialischen Ledermantel. Ihn fand ich als Schutzschild sehr toll und fühlte mich zum Beispiel während meiner drei Monate in New York geradezu unverwundbar. Mit ihm, so dachte, könne mir nichts Böses geschehen – und ich traute mich in die übelsten Gegenden zu den unmöglichsten Zeiten. Auf meiner Weltreise trug ich damals auch einen riesigen dicken Pulli meines Vaters, bis er auseinanderfiel. Der gehörte quasi in die Existenzialistenphase. 


Im 40er-Jahre-Ledermantel New York erobern! ! (1978 auf dem Empire State Building).


Sehr gerne trug ich später ein schwarzes tailliertes Jacket von Armani aus einem wunderbaren Stoff, in den 90-igern Leinenhosen von Hess natur und zur Zeit mag ich die Kleider im Wickellook von Boden, die sind prima zum Tanzen. Und ich liebe Schals, gerne einfarbige Pashminas in flaschengrün, dunkelrot oder auch rosa. Ich trage nie Ringe, aber immer Ohrringe, besonders gerne geschenkte ... das sind die feinen I-Tüpfelchen.


Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ich kann heute kaum glauben, dass ich als junges Mädchen oft mit meinem Aussehen gehadert habe. Aber es tröstet ja auch: So muss man nur immer 20 Jahre älter werden, um dann mit Begeisterung auf das damalige Lebensalter zurückzuschauen.


Mit Lippenstift im Dschungel: als Journalistin im Guerillacamp auf den Philippinen (1984).


Mae West soll ja gesagt haben: “The best way to stay young, is to lie about your age”. Mir gefällt diese freche Ironie :) Alter ist so relativ. Man ist halt so alt wie man ist, was nicht bedeutet, dass man sich nicht jünger, strahlender und glücklich fühlen kann. Genauso wie älter, unscheinbar und unglücklich. Das Streben nach Kongruenz ist vielleicht eines der Probleme beim Älterwerden und mir scheint es eine gute Lösung, sich nach dem inneren Alter zu richten. Das letzte Mal war ich vor zwei Wochen 23, als ich zu einem wahnsinnig tollen Musikstück getanzt habe. Hey, das war richtig gut!

Meine beste Entscheidung in punkto Schönheit war übrigens, dass ich vor zirka drei Jahren aufgehört habe, meine Haare zu färben. Das kann ich nur jedem wärmstens empfehlen, immer vorausgesetzt, man hat so eine gute Friseurin wie ich. :) Würde ich vor die Wahl gestellt: Hausarzt, Rechtsanwalt oder Friseur – wen nimmst du mit auf die einsame Insel? Ich wählte: Friseur.


Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Da bin ich konservativ und meine immer, dass man das, was man auf die Haut bringt, zur Not auch essen können muss. Zumal ich bestimmt eine beträchtliche Anzahl Lippenstifte in meinem Leben aufgegessen habe. Zur Zeit ist es Annemarie Börlind „Moccha Latte”. Fürs Gesicht verwende ich seit Urzeiten Lotion und Gesichtsmilch von Dr. Hauschka. Auch andere Produkte von Dr. Hauschka mag ich sehr. Ich habe gehört, die Herstellungsstätten dort sind wie das reinste Paradies: Blüten, Kräutergärten ...



Damals waren die Haare noch dunkel ... (2007 in Buenos Aires zum Tangotanzen)


Bodylotions probiere ich gerne mal neue aus, und da muss es auch nicht unbedingt Naturkosmetik sein. Sehr inkonsequent, nicht wahr?


Du bist auf Reisen und hast deinen Waschbeutel vergessen. Welche drei (Kosmetik-)Produkte kaufst du sofort?

Kajalstift von Lavera, den in der letzten Frage genannten Lippenstift und ein Fläschchen J’adore von Dior. Den Rest schnorre ich von der Rezeption.


Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Angeblich soll ja viel Schlaf sehr gut sein für Jugendlichkeit und Gesundheit, da bin ich, glaube ich, das lebende Gegenbeispiel. ;) Ich gehe gerne in die Sauna, lege mich im Garten immer mal für 20 Minuten in die Sonne um Energie zu tanken. Außerdem genieße ich die Momente, in denen ich vollkommen abschalte und an rein gar nichts denke – zum Beispiel beim Tanzen oder bei der Gartenarbeit. Sehr gut hat mir auch ein ayurvedischer Fasten- und Schweigeaufenthalt im Kloster gefallen, das möchte ich mir gerne öfter gönnen. Das beste Schönheitsrezept ist aber sicher, sich zu verlieben – in Menschen, ins Leben, ins Tun, in schöne Dinge.



iPad-Schnappschuss! (Selbstporträt von 2012)


Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

„Alles ist möglich” hatten wir in unserer Studentinnen-WG in großen Lettern an die Wand geschrieben. Ich glaube immer noch daran, selbst wenn ich viele Jahre später zugeben musste, dass es auch in negativer Hinsicht gelten kann. Aber das anzunehmen und als Teil der eigenen Lebensgestalt zu akzeptieren, macht dann auch frei. Und lässt einen womöglich wieder selber gestalten. Außerdem ist das Leben wie eine Salatschleuder: Die guten Sachen bleiben im Zentrum :)

Danke, liebe Eva, für deine spannenden Antworten – und Fotos! Und falls der Ledermantel noch irgendwo rumliegt: Ich würde mich gerne hineinhungern, um mich damit demnächst in New Yorks üble Gegenden zu trauen! ;-)))

***

Mehr spannende Interview mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hinter diesem Klick!

 
Susanne Ackstaller, Montag, 17. März 2014, 08:00 Uhr
Kommentare: 13 | Aufrufe: 5045 | Kategorie: Beauty, Mode, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: the groovessprachkursmontagsinterviewinterviewfrauen ab 50eva brandecker
Das könnte auch interessant sein:
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Das Montagsinterview mit Martina Brochhaus.
 

Kommentare

  • Wow, ich dachte, ich kenne Eva ein bisschen, aber da gibt es ja noch so viel zu erfahren, von Christo und NY und den Guerrilleros auf den Filipinas. Aber dass Eva eine richtig schöne und interessante Frau ist, das habe ich bereits gewusst und sehe ich hier nur noch mal eindringlich bestätigt. Danke für das tolle Porträt!!

    Lisa
    am Sonntag, 23. März 2014 um 20:49 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ein sehr schönes und vor allem inspirierendes Interview, vielen Dank dafür! Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert, was für starke, wundervolle und selbstbewusste Frauen es gibt, die ich mir zum Vorbild nehmen kann. Ich denke, das ist bisher mein liebster Beitrag in dieser Reihe!

    Liebe Grüße,
    Ivana

    Ivana
    am Samstag, 22. März 2014 um 23:06 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi, danke, dass ich mich zwischen diesen ganzen fabelhaften Frauen tummeln durfte - eine wunderbare Reihe:) Den Ledermantel gibt es nicht mehr (es sei denn, er wird nun anderswo auf der Welt getragen ...) aber ich glaube, du kannst auch ein anderes Kleidungsstück mit einer passenden Aura „impfen” ;)) Servus und küss die Hand!

    Eva
    am Dienstag, 18. März 2014 um 13:02 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Echt jetzt, Eva? Das Junge-Mutter-Foto ist sowas von schön! Und die Lebensphilosophie steht astrein und hell und klar wie eine Säule vor mir. Danke dir,
    Nessa

    Nessa
    am Montag, 17. März 2014 um 20:32 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Oh, Eva: Das Leben ist wie eine Salatschleuder - was für eine wunderbare Weisheit! Wie schön, dass ich (und nicht nur ich) gestern mit dieser großartigen Frau wandern durfte.

    Simone
    am Montag, 17. März 2014 um 14:02 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Endlich! Da ist es ja endlich, das Interview mit der wunderbaren Eva. Mein Lieblings(halb)satz: „... das Balancieren auf der Lebenslinie mit Würde und Eleganz.”

    Petra
    am Montag, 17. März 2014 um 13:48 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wunderbar! Liebe Eva, ich mag Deine Wärme und Deinen Humor!

    Ute
    am Montag, 17. März 2014 um 13:13 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich liebe es, wie Eva in sich ruht und fand schon immer, dass sie wunderbar ausgeglichen und mitreißend lebensfroh ist. Das hab ich jetzt ja auch schriftlich. Danke, Susi!

    Barbara
    am Montag, 17. März 2014 um 12:03 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Oh, Eva! Wunderbar weise, klug und schön! Wusste ich ja schon immer. Wie schön, dass Twitter uns damals zusammengebracht hat :-).

    Heide
    am Montag, 17. März 2014 um 11:53 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Zum Niederknien. Ein Interview zum Ausdruckn und Einrahmen. Voller Klugheit und Wärme. Eva war eine der ersten Menschen, die ich über Twitter „in echt” kennengelernt habe. Was für eine Bereicherung. Und sie wird einfach immer schöner.

    Danke. So beginnt die Woche wahrhaft gut.

    Wibke Ladwig
    am Montag, 17. März 2014 um 10:58 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wenn ich Eva nicht schon kennen würde - ich wollte sie nach diesem Interview garantiert kennenlernen!

    Hachmach!

    Michaela
    am Montag, 17. März 2014 um 10:45 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wie ich auf Facebook schon sagte - Evas Teilnahme adelt diese Reihe. Was für eine tolle, ja inspirierende Frau.

    Biggi
    am Montag, 17. März 2014 um 10:40 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich wusste immer, dass Eva etwas ganz Besonders (und besonders Wunderschönes) ist ... aber dieses Interview ist ja wohl das Krönchen auf der Kirsche auf dem Sahnehäubchen auf den Streuseln auf der Schokosauce. 

    WOW. <3

    Lilian
    am Montag, 17. März 2014 um 10:17 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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