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Mit Autobiographien habe ich es nicht so. (Selbstverliebte) Betrachtungen vermeintlich wichtiger Menschen interessieren mich nicht. Von daher – ich bin ehrlich – war ich erstmal skeptisch, als mir der Nikolai-Verlag das Buch von Dr. Anke Martiny für eine Rezension anbot. Viel mehr interessiert es mich, mit ihr ein Montagsinterview zu führen: eine 75-jährige, ehemals hochrangige SPD-Politikerin, über viele Jahre Bundestagsabgeordnete, Kultursenatorin in Berlin undundund im Montagsinterview – das klang ziemlich spannend.

Dann kam das Buch, und ich war (für mich überraschenderweise – siehe oben!) gefesselt. Frau Dr. Martiny beginnt mit ihren Erinnerungen als Kriegskind, an ihre Mutter, die statt Medizin studieren, Kinder aufzog. Man spürt, wie sie die Kriegsjahre und das Aufwachsen mit vielen Buben prägt, erst in der Realschule findet sie ihre erste Freundin. Und sie merkt an, dass die Mädchen im Vergleich zu ihren Brüdern mehr Verantwortung zu tragen haben. Sie findet es nicht gerecht.


Dr. Anke Martiny
Dr. Anke Martiny, 75. (Foto: Dirk Bleicker)


Ob diese Erlebnisse für ihre spätere politische Karriere und für ihren leidenschaftlichen Einsatz für Gleichberechtigung schon prägend waren? Vorstellbar ist es.

Anke Martiny ist eine Tochter aus „gutem Hause“ – und sie wählt zu einer Zeit Beruf und Karriere, als die Rolle der Frau noch die am heimischen Herd war. Man stelle sich vor: Als Frau Dr. Martiny in den Bundestag gewählt wurde, 1972, war sie gerade mal eine von 30 weiblichen Bundestagsabgeordneten (ein Anteil von 5,8 Prozent, der tiefste Stand in der Geschichte des Bundestages überhaupt. Selbst im ersten Bundestag, 1949, waren es mehr!) – heute sind es 230 und immerhin 36,5 Prozent.


Anke Martiny:
Anke Martiny: „... und vor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben.”, erschienen 2014 im Nikolai-Verlag.


Es ist ein sehr persönliches Buch über den Lebensweg einer deutschen Politikerin. Nicht beschönigend, selbstkritisch und an sich selbst zweifelnd (auch an ihrer Rolle als Mutter). Sehr menschlich und echt, und dabei hochinteressant, begleitet es einen doch durch sieben Jahrzehnte Deutschland.

Bezaubert hat mich übrigens jener Absatz aus ihrer Autobiographie, der eine Szene aus dem Jahr 1948 beschreibt: „Es gab im Dorf ein kleines Volksfest mit Karussells, Schießbuden und allerlei Schnickschnack. Wir Kinder bekamen fünfzig Pfennige und durften uns dafür etwas kaufen. Ich kaufte mir einen kleinen Ring mit einem roten Glitzerstein. Dafür wurde ich ausgeschimpft: Für solchen Tand dürfe ich kein Geld ausgeben, eitel sein und sich herausputzen sei überhaupt schlecht für ein Mädchen. Diese Beurteilung habe ich mir gemerkt, sie hat mein lebenslanges Vergnügen an Schmuck und schönen Dingen allerdings nicht beeinträchtigt, die Neigung dazu war einfach da.“

Was für eine Überleitung ... :-)

Wie würden Sie Ihre Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe Ihres Lebens verändert?

Als ich ein ganz kleines Mädchen war, hat mir meine Berliner Oma wunderhübsche Kleider aus Berlin geschickt, die aus einem teuren Kindermodengeschäft stammten. Die habe ich dann später, als wir wegen der Bombenangriffe aus Dortmund weg und aufs platte Land in Niedersachsen gezogen waren, an Flüchtlingsmädchen verschenkt, als ich sie ausgewachsen hatte. Der Krieg wollte und wollte nicht enden, sodass alle verarmten, und die Flüchtlinge aus dem Osten hatten ja nicht mal das nötigste retten können. Uns ging es etwas besser, wir mussten keinen Hunger leiden und waren nach der Evakuierung einigermaßen in Sicherheit. In der unmittelbren Nachkriegszeit wurden für uns Kinder aus alten Armeemänteln oder aus der Kleidung unserer Mütter Sachen genäht. Meine Mutter konnte gut mit der Nähmaschine umgehen, es war eine Pfaff, und auch ich habe mir als junges Mädchen Kleider und Blusen selbst genäht. Es gab ja diese Schnittmusterbögen in jedem Warenhaus zu kaufen. Der Wunsch, sich hübsch zu machen, regte sich bei mir früh. Aber es war kein Geld da, um ihn zu befriedigen.


Vertragsunterzeichnung 1990
Vertragsunterzeichnung als Kultursenatorin mit Claudio Abbado, angehender Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters (1990).


Dennoch habe ich mich schon als junges Mädchen sehr für Schmuck und modische Kleidung interessiert. Aber mein puritanische Elternhaus hat das leider nicht unterstützt, erstens aus finanziellen, zweitens aber auch aus ideologischen Gründen. Man schmückt sich nicht, und Eitelkeit ist falsch, so war die Überzeugung. Meine Eltern gaben mir eher Geld für einen Theaterbesuch als für ein schickes Kleid. Aber ich habe dann Nachhilfestunden gegeben und später journalistisch gearbeitet, um Geld zu verdienen und mir hübsche Dinge kaufen zu können, ohne von den Eltern Geld erbitten zu müssen.

Welche Stilrichtung bevorzugen Sie? Wie hat sich Ihr Geschmack im Laufe Ihres Lebens verändert?

Ich war immer für die sportlich-elegante Note. Als ich Geld für Kleidung ausgeben konnte, weil ich selbst Geld verdiente, habe ich trotzdem immer gespart – schließlich hatte ich drei Kinder! – und meistens Second Hand oder im Schlussverkauf gekauft. Jil Sander passte mir auf Anhieb, insbesondere die Hosenanzüge. Abendkleider hatte ich von Emilio Pucci, der in München ein besonders „ergiebiges” Geschäft führte. Zum Filmball oder zu den Bayreuther Festspielen trug ich immer tolle Garderobe. Und einmal habe ich in Berlin einen traumhaften Mantel von Yves Saint-Laurent ergattert. Den habe ich mehr als ein Jahrzehnt getragen.


Berliner Presseball mit Sohn Tim. Das Abendkleid wurde von Berliner Modeschöpfern entwurfen.
Berliner Presseball 1990: Das Abendkleid stammte von einem Berliner Modeschöpfer (mit Sohn Tim).


Heute liebe ich die Strickwaren von Missoni besonders und habe von diesen zeitlosen Kleidungsstücken auch ein hübsches Sortiment, mit dem ich immer wieder positiv auffalle.

Hatten Sie modische Vorbilder? Personen oder Persönlichkeiten, die Ihren Stil geprägt haben – oder eine modische Ära?

Ich war ja mehr als 16 Jahre Bundestagsabgeordnete. Annemarie Renger und Hildegard Hamm-Brücher haben mir mit ihrem Kleidungsstil gefallen. Einen so farbenfrohen Kleidungsstil wie Claudia Roth habe ich aber nie gepflegt, sondern war mehr „Dame”.


Buchvorstellung im Lederkleid (1986)
„Wer nicht kämpft, hat schon verloren.” Buchvorstellung im Lederkleid! (1986)

Haben Sie ein Lieblingskleidungsstück?

Ich habe besonders einen einteiligen schwarzen Wollgeorgette-Anzug von Guy Laroche geliebt, den ich in München im Schlussverkauf gekauft hatte. Es war eigentlich ein Overall, ganz schlicht, aber sehr elegant. Leider passt er mir jetzt nicht mehr, aber ich habe ihn noch aufgehoben. Vielleicht schrumpfe ich irgendwann wieder.

Wie hat sich Ihre Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ich denke, dass es vor allem darauf ankommt, sich zu pflegen – gerade im Alter. Deshalb habe ich eine sehr gute Friseurin, die mir einen guten Kurzhaarschnitt verpasst. Und ich gehe auch regelmäßig zur Kosmetikerin. Wichtiger ist sicher, dass ich möglichst regelmäßig an der frischen Luft bin, Spazieren gehe, schwimme, Rad fahre und genug schlafe. Die Kosmetikbranche wird an mir nicht reich. Allerdings habe ich lange Jahre immer sehr teure Cremes von Orlane benutzt, weil diese Firma mir als Journalistin mal ein großes Sortiment ihrer Produkte zum Dank für einen Artikel in unserer Lokalzeitung schickte. Das wäre heute nicht mehr erlaubt.


Kinderfest bei Kanzler Brandt, 1973
Kinderfest bei Kanzler Brandt 1973 (mit Bundesminister Horst Ehmke und den Kindern Katja und Tim)


Zur Kosmetik: Sind Sie eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glauben Sie an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Ich benutze eine feuchtigkeitsspendende Tages- und eine fettreichere Nachtcreme und nach der Sauna eine Bodylotion. Von der Stiftung Warentest nehme ich Hinweise an, wo der Preis-Leistungsvergleich stimmt. Auf Marken kommt es mir nicht so an. Schließlich habe ich mich in meinem Abgeordnetenleben mehr als 16 Jahre mit Verbraucherschutz beschäftigt.

Sie sind auf Reisen und haben Ihren Waschbeutel vergessen. Zahnpasta und Seife gibt es im Hotel. Auf welche drei (Kosmetik-)Produkte können Sie keinesfalls verzichten und kaufen sie sofort ein?

Da bin ich nicht sonderlich anspruchsvoll: Tages- und Nachtcreme und ein gutes Shampoo. Kann aber alles von Nivea sein.

Wenn Sie sich ein (noch nicht existierendes) Produkt von der Kosmetikbranche wünschen dürftest: Welches wäre das?

Das wäre ein Parfum, das in seiner Frische, ohne blumig zu sein, dem „Cabotine” von Juan Grès ähnelt. Das gibt es leider gar nicht mehr. Früher bekam man es wenigstens noch im Ausland, aber ich habe noch nichts Vergleichbares, das zu meinem Typ passt, gefunden.

Haben Sie ein Schönheitsgeheimnis?

Mein Schönheitsgeheimnis ist schwer und einfach zugleich: in Frieden und Harmonie mit sich und seiner Umwelt leben. Ein unglücklicher und unzufriedener Mensch strahlt keine Schönheit aus.


Anke Martiny 1980
Anke Martiny mit Anfang 40 – wunderschön! (1980)

Was würden Sie in Sachen Schönheit gerne mal ausprobieren?

Als ich jung war, habe ich Strähnchen färben und Wimpern tuschen, Nagel lackieren etc ausprobiert. Jetzt nehme ich mich so, wie ich geworden bin. Aber ich trage gern teure und farbige Kleidung und versuche, die positive Ausstrahlung meiner Persönlichkeit zur Geltung zu bringen.

Gibt es ein Mantra, das Sie durch Ihr Leben begleitet?

Ist es uncool, hier mit einem Bibelwort zu antworten? Ich tue es trotzdem:

„Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Verzagtheit, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.” (2.Tim.1,7)

Liebe Frau Dr. Martiny, sehr herzlichen Dank für dieses Interview! Es war mir eine Freude! Bibelzitate sind übrigens keineswegs uncool, sondern hier auf texterella sehr gerne gesehen. :-)

***

Wer nun Lust auf Anke Martinys Buch bekommen hat, kann es zum Beispiel hier bei Amazon bestellen:

Anke Martiny:
„... und vor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben.” Als Frau in der Politik.*
erschienen 2014 im Nikolai-Verlag, Berlin.

***
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Susanne Ackstaller, Montag, 02. März 2015, 06:00 Uhr
Kommentare: 7 | Aufrufe: 5460 | Kategorie: Lifestyle, Lesen, Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: politikerinmontagsinterviewlesenkultursenatorininterviewfrauen ab 70frauen ab 60buchrezensionanke martiny
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Kommentare

  • Tolle Frau, tolles Interview! Ich liebe Deine Montagsinterviews und das Buch steht spätestens nächste Woche in meinem Bücherschrank. Danke für großes Lesevergnügen!

    Barbara
    am Dienstag, 03. März 2015 um 19:32 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Eine wunderbare Frau, die mir auf Anhieb sympathisch ist.
    Intelligent, erfahren, offen, stilvoll - richtig klasse!
    Tolles Interview, Susi!

    Annette | Lady of Style

    Annette
    am Montag, 02. März 2015 um 19:19 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Bin wieder einmal total begeistert!
    Danke für dieses wirklich in jeder Hinsicht außergewöhnliches Interview!

    Etelka Kovacs-Koller
    am Montag, 02. März 2015 um 16:25 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Das ist doch mal wunderbar auf den Punkt gebracht: „... und versuche, die positive Ausstrahlung meiner Persönlichkeit zur Geltung zu bringen”. Genau so geht’s!

    (Und die positive Ausstrahlung strahlt auch durch die Zeilen dieses Interviews. :-))

    Jutta
    am Montag, 02. März 2015 um 12:33 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ein sehr schöner Text! Vielleicht sind Bibelzitate dann doch effektiver und wirksamer für innere und äußere Schönheit als Hyaluronsäure und Konsorten? ;-)

    Martina
    am Montag, 02. März 2015 um 12:20 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Was für ein faszinierendes Leben! Und eine tolle Frau. Allerdings nehme ich ihr den Schwindel mit den 75 Jahren nicht ab. Entweder ist das ein uraltes Foto da oben oder sie ist maximal 63. :)

    Lilian Kura
    am Montag, 02. März 2015 um 11:17 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Sehr gerne gelesen - und das Buch setze ich jetzt gleich mal auf meine Wunschliste. Klingt, gerade weil ich ja nun auch einen Ausflug in die Politik mache, richtig spannend!

    Viele Grüße, Christine

    Mama arbeitet/Christine
    am Montag, 02. März 2015 um 09:26 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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