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Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich Annette Bopp in diesem Internet begegnete. Aber ich bin froh, dass ich es tat. Denn Annette ist nicht nur eine erfolgreiche Journalistin und Autorin, sie ist auch eine kluge, ja weise Frau. Eine Frau, die mehr gibt als sie nimmt. Und eine wunderschöne Frau, der man nicht ansieht, dass sie dieses Jahr 60 wurde.


(Foto: Anne Eickenberg)

Liebend gerne wäre sie Ballerina geworden (und schreibt auch heute noch über Ballett, vor allem über das Hamburg Ballett, das für sie zu den weltbesten Kompagnien zählt). Aber dann hat sie doch Fischereibiologie studiert, um kurz nach dem Diplom als Medizinredakteurin ins kalte Wasser zu springen. Als Journalistin hat sie für alle großen, deutschsprachigen Medien gearbeitet - für die BILD ebenso wie für die BRIGITTE, für GEO wie für die ZEIT oder die SZ. Wow! Und daneben noch 30 Bücher geschrieben, darunter einen fantastischen Führer durch die Wechseljahre und als letztes das Kochbuch Genussküche fürs Herz, das demnächst erscheint. Schreiben ist für sie ein bisschen wie Tanzen mit Worten, sagt sie.

Beruflichen Erfolg, flankiert von diversen Auszeichnungen, hat und hatte sie mehr als genug. Und privat? Ein Leben mit Höhen und Tiefen, mal auf, mal ab. Zwei Ehen – und wundervolle zwei Kinder jenseits der 40. Ein spannendes, reiches Leben. Man hört Annette gerne zu, wenn sie spricht. Weil sie viel zu erzählen hat, viel Kluges vor allen Dingen. Spürt man, dass ich Annette bewundere? Ja. Das tue ich.

Und ich freue mich sehr, dass ich ihr ein paar Fragen zu Mode und Schönheit stellen durfte.

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert? Welchen Stil bevorzugst du?

Verändert hat sich nicht viel. Ich war schon immer für die klassische Eleganz zu haben. Vielleicht liegt das auch am Vorbild meiner Mutter, die in ihren jungen Jahren (30er/40er Jahre!) die Dior-Linie bevorzugt hat: Kostüme mit schmaler Taille, engem Rock bis zur Wade, großem Hut. Kurz darauf kam der Krieg. Und später fehlte es am nötigen Kleingeld, um groß auf die Mode zu achten. Und sie war auch nicht mehr so schmal wie früher. Aber elegant war sie immer.

Ich erinnere mich an meine erste schöne Bluse, die ich mit ihr gekauft habe, da war ich 14: von Cacharel, das war damals – Mitte der 1960er Jahre – etwas sehr Besonderes. Sie war dunkelblau mit einem dezenten Muster, sehr schmal geschnitten. Ich habe sie getragen, bis sie auseinanderfiel.

Später, als Studentin, habe ich mir hin und wieder etwas Besonderes gegönnt – ein Kleid, einen Mantel, High heels – die waren damals in der Studenten- und Frauenbewegung, in der ich sehr aktiv war, verpönt! Aber sowas von! Mir war das immer sehr egal, ich habe getragen, was ich wollte und was ich schön fand. Einer meiner Mäntel hat besonders Furore gemacht, es war ein klassisches, sehr elegantes Kamelhaar-Modell mit einem weiten, schwingenden Rücken und schmalem Vorderteil. Das war sehr ladylike. Oder ein cremefarbenes Mantelkleid mit einem ziemlich tiefen Schlitz am Dekolleté, durch den die Spitzen-Dessous durchgeblitzt haben. Manche Jungs meinten dann, das sei unzüchtig und frauenfeindlich, weshalb wir (die Frauengruppe) sie dann mit vereinter Kraft eines Besseren belehren mussten. Frauenpower, so fanden wir schon damals, hat auch etwas zu tun mit dem Stolz auf das Frausein, auf die eigene Weiblichkeit. Und das sollte frau auch zeigen dürfen. Das finde ich bis heute richtig. Weshalb mir auch immer noch Frauen gefallen, die sich figurbetont, individuell und mit einem gewissen Pfiff und Chic anziehen. Ganz egal, wie alt sie sind.

Und ich trage gerne Hut! In letzter Zeit allerdings nicht mehr so oft. Hut geht nur ohne Brille. Und seit den Wechseljahren vertrage ich die Kontaktlinsen nicht mehr so gut. Aber vielleicht muss ich mich nur mal wieder trauen ... Ich habe diverse Modelle von Elke Martensen (Hamburg), und von Maxx Hacks Lyax, das war ein schräger, toller Hutladen in Frankfurt/Main. Ich glaube, den gibt’s nicht mehr.

Eines meiner Glanzstücke war 1983 ein Mantel aus Leoparden-Pelzimitat. Auch so ein weitschwingendes Teil. Ich trug meine Haare damals sehr lang und meistens offen – eine wallende rote Mähne. In Kombination mit diesem Mantel und hohen Schuhen war das schon sehr speziell ... Auch weil der Kunstpelz sehr echt aussieht. Ich wurde sogar mal dafür auf der Straße angepöbelt: Was mir einfiele, so etwas zu tragen ... Den Mantel habe ich immer noch. Und er passt mir immer noch. Ich müsste ihn eigentlich mal wieder ausführen ...


Annettes Lieblingsbild. 1986.

Als ich beruflich als Journalistin zu arbeiten begann, habe ich in der Mode von Jil Sander meinen Stil gefunden. In ihrem Laden in der Hamburger Milchstraße habe ich viel Geld gelassen ... Später habe ich ihren Fabrikverkauf in Ellerau entdeckt, das waren dann meistens Zweite-Wahl-Artikel, was man ihnen aber kaum ansah. Ich bin sehr froh, dass ich damals dort so viel von diesen zeitlosen, klassischen Teilen erstanden habe. Ich trage sie heute noch. Und was mir nicht mehr passt, trägt meine Tochter. Das ist eine wunderbare zeitlos-elegante Mode. Qualitativ unschlagbar, da hatte Jil Sander ein begnadetes Händchen. Leider wurde mir mal ein Koffer geklaut, da drin waren einige unwiederbringliche Teile aus dieser Zeit. Sie fehlen mir!

Hast du ein Lieblingskleidungsstück? Wenn ja, welches? Und warum?

Es gibt viele Lieblingsstücke – Hosen, Kleider, Jacken. Seit Jil Sander ihre Firma verkauft hat, habe ich mich nach Alternativen umgesehen (denn die Prada-Nachfolge war nicht mehr mein Ding). Anna Fuchs in Hamburg gehört dazu , von der ich einige hinreißende, sehr weibliche Kleider habe (darunter auch ein richtig tolles Abendkleid für den ganz großen Auftritt), oder Christine Mayer in Berlin, und Marlowe Nature in Hamburg. Und natürlich bei Merch Mashiah in Berlin, dessen Mode ebenso elegant wie praktisch und unverwüstlich ist (rein in den Koffer, raus aus dem Koffer, anziehen – ideal!). Hin und wieder werde ich in Berlin auch bei Lisa D. fündig.

Bei den Schuhen stand ich früher auf Stéphane Kélian, diese Flechtmodelle – saubequem und sehr chic! Einige der Klassiker trage ich noch. Außerdem finde ich diverse Modelle von Arche sehr schön (die beste Auswahl hat „Schuhbiduh“ in Berlin).

Und ich liebe feine Leder-Handschuhe! Und Muffs! Leider habe ich immer noch nicht wieder einen schönen Muff gefunden, vielleicht kommt das mal wieder. Oder ich muss mir einen nähen lassen ...

Im Alltag fehlt mir meistens die Zeit, um mich richtig aufzurüschen – was in einem Home Office ja auch nicht nötig ist. Das entlastet enorm! Ist aber manchmal auch schade, weil all die schönen Sachen nicht so oft zum Einsatz kommen.

Das Lieblings-Kleidungsstück ist immer gerade das, was zum Anlass passt. Das Sternchen-Abendkleid von Anna Fuchs gehört sicher dazu, das trage ich aber meistens nur einmal im Jahr: bei der Nijinsky-Gala in der Hamburgischen Staatsoper, dem Höhepunkt der alljährlichen Ballett-Tage. Und ein grauer Strickmantel von Marlowe Nature. Und die superbequemen Hosen von Mashiah Arrive. Und meine alten Jil Sander-Teile eben.

Meine Lieblings-Lieblingsstücke sind aber meine wunderbaren Seiden-Schals, die ich bei der Shanti-Leprahilfe erworben habe – gewebt von einer leprakranken Frau, der man die Krankheit aber nicht ansieht. Sie webt unglaublich schöne Schals nach alten Mustern, ohne jede Vorlage, aus dem Kopf, und mit einer Präzision, die ich nur schrankenlos bewundern kann. Damit wird jedes Outfit zu etwas Besonderem.

Hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert?

Nicht so sehr. Ich habe schon immer auf mein Äußeres geachtet, weil ich es nicht leiden kann, schmuddelig rumzulaufen. Aber ich habe es auch nicht überbewertet. Ich kann gut im Schlabberlook abhängen. Aber wenn Besuch kommt, wenn ich ausgehe oder wenn etwas Besonderes ansteht, habe ich Freude daran, mich zurechtzumachen. Das war schon immer so und hat sich nicht verändert. Wichtig ist mir dabei das „Gesamtkunstwerk“: Kleidung, Schmuck, Schuhe – alles sollte zueinander passen. Meine Tochter ist mir da eine exzellente Stilberaterin. Wenn sie sagt: „Mami, das geht gar nicht!“, folge ich ihr aufs Wort. Sie hat so gut wie immer recht.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte? Hast du eine Lieblingsmarke?

Ich bin ein Naturkosmetik-Typ, weil ich all die Paraffin-Abkömmlinge in den Produkten der normalen Kosmetik-Hersteller nicht leiden kann. Ich habe das Gefühl, sie pappen mir die Haut zu, die dann nicht mehr atmen kann. Ich bevorzuge Dr. Hauschka und Weleda, auch Primavera und Logona. Und all das Anti-Ageing kann mir gestohlen bleiben. Ja, die Haut braucht mehr Nahrung. Aber meine Güte, ich stehe zu meinen Falten. Und netterweise sind es trotz meiner 60 Jahre noch nicht viele. Früher bin ich auch regelmäßig zur Kosmetik gegangen, aber seit meine Lieblings-Kosmetikerin aufgehört hat, nicht mehr. Die einzige, die ihr das Wasser reicht, hat ihr Geschäft in einem Stadtteil, der ziemlich weit entfernt von meinem liegt. Das ist ein Hinderungsgrund, ganz abgesehen von den Kosten. Das war früher günstiger. Heute muss man für eine gute Kosmetik-Behandlung schon um die 100 Euro auf den Tisch legen. Das finde ich sehr viel – auch wenn die Behandlung ihr Geld wert ist. 

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Hahaha. Ja: wenig Schlaf, viel Arbeit… Nein, das ist natürlich nicht ernst gemeint und auch nicht nachahmenswert. Ich glaube, dass mich meine gute Konstitution jung erhält, und meine Kinder. Auch die Freude an meiner Arbeit. Und die Freude an frischer Luft. Wenngleich ich auch dieses Jahr meinen schon lange gehegten Vorsatz wieder nicht habe umsetzen können: jeden Morgen eine halbe Stunde raus und laufen. Nicht joggen – ich habe noch nie einen Jogger mit entspannter Miene gesehen! – einfach gehen. Walken nennt man das neudeutsch. Vielleicht gelingt es mir ja doch noch irgendwann. Ich wünsche es mir.

Das wichtigste Schönheitsrezept ist vermutlich meine gesunde Ernährung. Bei uns kommt fast ausschließlich Demeter-Ware auf den Tisch. Das hängt auch damit zusammen, dass wir an einer Wirtschaftsgemeinschaft teilnehmen, die sich um einen Demeter-Bauernhof schart. Der Bauernhof ernährt rund 90 Familien, und die Familien finanzieren den Bauernhof. Wir bekommen alles, was wir brauchen, von diesem Hof: Milch und Milchprodukte (Käse, Joghurt, Butter, Sahne), alles Gemüse (saisonal sortiert), Brot (in verschiedenen Varianten), Getreide (als ganzes Korn, geschrotet oder als Grieß), Fleisch (Schweine- und Rindfleisch viermal im Jahr, zweimal jährlich Lamm, zu Weihnachten eine Ente oder eine Gans). Das ist alles qualitativ so hochwertig, dass mir nichts anderes mehr schmeckt. Wir sind schon über zehn Jahre in dieser Wirtschaftsmeinschaft, und ich möchte gerne bis an mein Lebensende dabei bleiben. Eine sinnvollere, ökologischere, nachhaltigere Form der Ernährung gibt es nicht. 

Hast du ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Ja, es stammt aus einem Buch von Lion Feuchtwanger, dessen sprachliche Virtuosität ich immer bewundert habe: “Wer, wenn nicht Du? Und wann, wenn nicht jetzt?”

Vielen Dank für deine Offenheit, Annette!

Weitere Interviews aus der Serie findest du hier:

Antje Ritter

 

 
Susanne Ackstaller, Montag, 24. September 2012, 11:02 Uhr
Kommentare: 9 | Aufrufe: 11080 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: tolle frauen ab 60schönheitmodejournalistinautorinannette bopp
Das könnte auch interessant sein:
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Kommentare

  • Sehr schönes Interview und eine begeisternde Persönlichkeit. Danke für’s teilen.

    Der Spruch „“Wer, wenn nicht Du? Und wann, wenn nicht jetzt?” stammt übrigens nicht von Lion Feuchtwanger, sondern aus der jüdischen Tradition (genau gesagt aus den „Sprüchen der Väter”, den Pirke Avot).

    Liebe Grüsse

    Rose

    Rose
    am Dienstag, 16. Februar 2016 um 15:03 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Die Interviews mit den 20- bis 30-Jährigen können dann ja die 20- bis 30-jährigen Modebloggerinnen führen. :-))

    Mich interessieren eher die älteren.

    Susi
    am Mittwoch, 26. September 2012 um 23:06 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Du meinst, Modebloggerinnen beschäftigen sich nicht mit Frauen über 40? Liegt sicher auch daran, dass die Bloggerinnen alle um die 20 bis 30 sind, aber die werden ja auch älter. Und wenn sie dann nicht aufhören zu bloggen, wird es bald auch Frauen ab 40 in Modeblogs geben. Denke ich.

    Solche Interviews wie mit Antje und Annette würde ich bei dir aber auch gern mit Frauen ab 20 usw. lesen. Denn die gibt es sicher auch in den wenigsten Modeblogs, und wenn da tausendmal vor allem junge Frauen zu sehen sind ...

    Andrea
    am Mittwoch, 26. September 2012 um 22:48 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • @Andrea: Weil die Modeblogger-Welt ohnehin voll von den 20- und 30-Jährigen ist ... Ab 40 wird es dann plötzlich dünn, wir existieren quasi gar nicht.

    Deshalb. :-)

    Susi
    am Dienstag, 25. September 2012 um 09:24 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Warum eigentlich Frauen ab 40/50/60? Und nicht ab 20/30/40/50/60/70…? :)

    Hat mir wieder sehr gefallen, dieses Interview!

    Andrea
    am Dienstag, 25. September 2012 um 00:49 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Danke für das schöne Interview, Susi und Annette! Annette Bopp ist eine Frau, von der man viel lernen kann - und warmherzig und liebevoll ist sie noch dazu, eine perfekte Mischung.

    antje
    am Montag, 24. September 2012 um 16:41 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Spannend, gut und dazu einladend, die eigenen Lieblingsstücke und ersten Modekäufe Revue passieren zu lassen. Und die frühen Ziele und Lebensträume. Und das Feuchtwanger-Mantra mag ich sehr.

    Petra
    am Montag, 24. September 2012 um 16:33 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Wow!

    Was für ein wunderschönes, liebevolles Interview mit einer Frau, die ich - seit ich sie kenne - grenzenlos bewundere!

    Und von der ich eigentlich glaubte, sie zu kennen ... - aber jetzt noch eine Menge mehr erfahren habe!

    Wunderbar!

    Michaela
    am Montag, 24. September 2012 um 15:28 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ungewöhnlich im besten Sinne des Wortes. <3

    Tolles Interview!
    Ruth

    Ruth
    am Montag, 24. September 2012 um 11:23 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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