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Ilka Arndt ist Ärztin, Sozialmedizinerin, Leiterin eines Pflegedienstes, Gutachterin. Als Nelja ist sie außerdem Bloggerin auf Mittwochs frei, der bunte und leichte Ausgleich zum toughen Beruf. Und sie ist ein „Kind der DDR”, wie sie im Interview von sich selber sagt. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe nachgefragt, wie das „damals“ war mit Mode und Schönheit (nachdem wir ja hier schon mal eine Ahnung davon bekamen ...). Und Ilka hat davon erzählt.


Ilka Arndt mit 49.

Aufgewachsen irgendwo in der sozialistischen Provinz, studiert in Berlin, dann nach der Wende in den Ruhrpott gezogen und dort auch beruflich ein neues Leben im Pflegebereich begonnen. Ilka Arndts Leben war und ist auf Veränderung abonniert. Erst kürzlich – mit 49 – hat sie ihrem beruflichen Leben noch mal eine ganz neue Richtung gegeben und arbeitet als Ärztin im sozialmedizinischen Bereich eines Versorgungsamtes.

Eine Konstante in ihrem Leben hingegen ist der schwarze Blazer. Das ist ihr Kompetenz-Outfit, der ihr Stärke verleiht. Was Ilka Arndt sonst noch zum Thema Mode und Schönheit – damals in der DDR und heute – zu sagen hat, das hat sie mir in diesem ebenso langen wie spannenden Interview verraten ...


Pixieschnitt wie damals: Ilka mit 36..


Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert? Welche Stilrichtung bevorzugst du?

Ilka: In der DDR gab es Mode und Mode. Wir hatten die Pramo abonniert, das war so was wie die DDR-Burda. Da gab es abwechselnd eine Berliner Produktion, die IMMER staatskompatibel war, sozialistisch brav - und eine Leipziger, da fand man dann die etwas schrägeren Sachen, abseits der vorgegebenen Linie (hui, ein Tuch um den Kopf geschlungen, ein Hut, Cocktailkleider ...). Wegweisend war hingegen alles, was in der Zeitschrift „Sybille“ gezeigt wurde, die es allerdings nicht einfach so am Kiosk gab, sondern limitiert nur im Abo für ausgewählte Damen (da gab es echt eine Warteliste). Was mich damals sehr gestört hat, war die Mode für die Frau ab Dreißig. Meine Mutter war damals in dem Alter, hat aber NIE so altbackenes Zeug getragen, obwohl sie eher konservativ war.

Meine Großmutter war Damenmaßschneiderin und ich hatte schon als Kind nur selbst genähte Sachen an. Ein gekauftes Kleid war etwas ganz besonderes. Das einzige, das ich hatte, fand ich bald ganz blöd. Später durfte ich mir Sachen aus der Modezeitschrift, die meine Großmutter abonniert hatte, aussuchen - und sie hat sie mir genäht. Als sie starb, war ich erst 16 und hab sofort selbst angefangen zu nähen. Mein erstes Stück war ein Hemdblusenkleid. Das ist so ziemlich das Schwierigste, was ich kriegen konnte. Schlimmer (also schwieriger zu nähen) sind nur noch Blazer.

Oma hat mir beigebracht, dass man nicht wie alle sein muss. Ganz im Gegenteil. Selbstgemachtes hatte damals immer den Ruf von: Die können sich nichts Gekauftes leisten und müssen es selber machen. Bei mir war das anders. Durch das Selbstgenähte hatte ich ja eh immer was Besonderes. Da es kaum was Ordentliches zu kaufen gab – auch keine guten Stoffe – war es schwierig. Wer was Tolles hatte, hatte Westverwandte, die ihre abgelegten Sachen schickten (meine Mutter hat viele Sachen von einer Cousine bekommen und damit auch angegeben). Ich wollte das nicht, ich wollte was ganz eigenes und Oma hat dafür gesorgt. Sie hatte einen ganzen Schrank voller Stoffe aus den Vierzigern (wirklich!), die mein Opa aus Italien mitgebracht hatte. So wurde aus einem Schlafanzugstoff eine tolle Bluse oder aus Baumwoll-Bettwäsche ein Sommerkleid. Mode in der DDR war immer auch Mode aus den Dingen, die eben gerade da waren, zum Beispiel diese DDR-Entwicklung der MALIMO-Stoffe, eine Art Strickgewebe. Daraus wurde dann ALLES gemacht (eigentlich eher für Vorhänge geeignet). Sollte wohl ein Jerseyersatz sein.


Im Kleid aus Malimo.

Neben den Alltagssachen wurden mir natürlich auch Festkleider geschneidert bzw. habe ich das nach dem Tod meiner Großmutter selbst gemacht: Mein Abiballkleid aus schwarzer DDR-„Seide“ hat Mutti mit Blumenranken am Saum bestickt. Allerdings habe ich eine Woche vor dem Ball meine schönen blonden Wallelocken abgeschnitten und hatte dann einen streichholzkurzen Pixischnitt. Meine Mutter hat geschrien, ich fand es gut und das Kleid sah mit den kurzen Haaren erst richtig toll aus.

Immer schon sollte Mode mich schöner machen, meine tollen Seiten hervorheben, meinen Charakter unterstreichen. Das hat sich nicht geändert. Allerdings wandeln sich die schönen Seiten. Früher waren es meine langen Beine, heute ist es eher das Dekolleté (das ich als junge Frau gar nicht hatte).

Solange ich mich erinnere, bevorzuge ich sachliche Kleidung. Klassisch, sportlich, edel, schnörkellos. Ich bevorzuge gute Schnitte und gute Materialien. Keine Blümchen, keine wilden Muster, keine bunten Farben. Schon mit 20 habe ich streng darauf geachtet, nie mehr als zwei Farben gleichzeitig zu tragen. Mittlerweile bin ich ein bisschen vom harten Schwarz weg hin zum weicheren Grau. Aber im Wesentlichen bin ich den klassischen Farben treu geblieben. In meinem Schrank gibt es neben schwarz, weiß und grau noch olivgrün und rot.

Dafür tobe ich mich ein bisschen aus bei extravagantem Schmuck und ein paar exklusiven Tüchern. Und … ich trage Hüte.

Labels sind mir hingegen völlig unwichtig. Im Gegenteil, bestimmte Namen sind eher hinderlich. Wie schon immer: Was alle anziehen, ziehe ich noch lange nicht an. Nur weil etwas gerade angesagt ist, werde ich das nicht haben. Es sei denn, es ist genau DAS Stück, das haargenau zu mir passt. Leider reicht die Zeit nicht aus, um viel selbst zu nähen, ich muss also auch was kaufen. Aber die Stücke zu den besonderen Anlässen nähe ich immer noch selber.

Hast du ein Lieblingskleidungsstück? Wenn ja, welches? Und warum?

Ilka: Es geht nichts über einen schwarzen Blazer. Er ist mein Kompetenz-Outfit und ich fühle mich darin einfach wohl. Ein schwarzer Blazer gibt jedem Outfit Kraft, egal ob zum Sommerkleid oder zum Bleistiftrock oder der Jeans. Es passiert mir sogar, dass ich aus dem Büro oder von einem Blazertermin nach Hause komme und ihn abends auf der Couch immer noch trage, weil es mir im Blazer so gut geht.


Ilka als Studentin: schon damals mit schwarzem Blazer.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ilka: Ich achte mehr auf mich, aber ich bin nicht mehr so kritisch mit mir. Was sich geändert hat, ist der Bezugspunkt. Ich beginne, mich mit Gleichaltrigen zu vergleichen und messe mich nicht an meinem Idealbild. In dieser Beziehung komme ich gar nicht schlecht weg. :-)

Früher hab ich eher auf Fotos geachtet und weniger auf den Spiegel. Das hat sich in Zeiten von Photoshop geändert. Es fehlen ja die Vergleichsfotos aus den Magazinen. Da ist jede geshopt.

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte? Hast du eine Lieblingsmarke?

Ilka: In dieser Beziehung bin ich gar kein DDR-Kind. Ich habe nämlich schon mit sechs oder sieben von Oma gelernt: Der Hals gehört zum Gesicht, man muss sich ordentlich waschen und eincremen und man darf als erwachsene Frau auch Parfüm tragen. Keine Schminke allerdings, das tun nur die Flittchen. Omas Ansicht eben.

Natürlich gab es in der DDR nicht die hochwertigen neuesten Entwicklungen an Cremes zu kaufen. Als ich Studentin war, gab es die ersten guten Sachen in den Exquisit-Läden, also nicht fürs gemeine Volk gedacht. Ich lebte in Berlin – Hauptstadt der DDR (der Zusatz war immer seeeeehr wichtig) - und hatte Zugang zu solchen Läden, die es ja auch nicht in jeder Stadt gab. Von dem wenigen Geld, das ich hatte, habe ich immer das gute Parfüm (Fleur de Fleur), eine teure Cremelinie inklusive Duschbad und Bodylotion und eine Zitronenhaarwäsche für meine blonden Haare gekauft. Da habe ich persönlich immer viel Wert drauf gelegt, das war mein Luxus. Ich hatte ja keine Westtante, die mich damit versorgt hätte.


Herrenhemd zum Bikini: aus italienischem Stoff aus den 40ern.

In meiner DDR-Jugend war es so: Frauen hatten Falten, Frauen waren im Wesentlichen ungeschminkt und rochen sauber und sonst nach nichts. Wer geschminkt war, Parfüm trug und womöglich noch regelmäßig zur Kosmetik ging, war suspekt, hatte bestimmt einen Liebhaber neben dem Ehemann oder war sonst irgendwie abgehoben, gar Künstlerin?! – jedenfalls hatte man dann keinen guten Stand unter den Frauen. Es war eben allgemein nicht gewünscht, sich individuell hervorzuheben. Ich habe in dieser Beziehung nie mit meiner Mutter diskutiert und hatte mit siebzehn meinen ersten Lidschatten (in giftgrün, scheußlich).

Mit 19 ging ich dann nach Berlin, da war eh alles ganz anders. Dann wurde mir in der Provinz auch mein Individualismus nachgesehen. Ich konnte es auf die Hauptstadt schieben, obwohl die nie etwas damit zu tun hatte. Ich habe einfach mein eigenes Ding gemacht – übrigens damals wie heute, egal wie der Staat heißt. Die Zwänge in der DDR waren andere als in der BRD und auch andere, als wir sie heute haben. Man kann sich ihnen beugen, gegen sie rebellieren oder völlig autark davon seine Sache machen. Ich habe schon immer eher zu letzterem geneigt, wobei ich kein Anarchist bin und auch nicht unbeeinflusst von meiner Umgebung. Aber ein bisschen bin ich schon der Paradiesvogel. Nicht im Sinne von bunt und schräg, sondern von unangepasst.


Roter Cord von „unterm Ladentisch”

Aber zurück zur Frage nach Wasser und Seife versus Kosmetik: Sagen wir mal, ich bin ein Mischtyp. Wasser und Seife reichen nicht. Ich nutze viele Tiegel. Aber die superteuren haben nicht den Mehreffekt, der den Mehrpreis rechtfertigt. Bei der Reinigung greife ich gerne zu Lush-Produkten, die Creme kommt von Yves Rocher und das Drumrum von dm.

Bei dekorativer Kosmetik bin ich sparsam in der Menge und anspruchsvoll im Produkt: Foundation von Shiseido, Puder von la prairie, Rouge von Clinique. Dann brauche ich noch Mascara, egal woher. UND: meinen knallroten Lippenstift (ähm, de facto habe ich unzählige, aber alle sind rot, wirklich rot). Und das war es auch schon. Mehr Kosmetik findet man bei mir nicht.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Ilka: Kein Geheimnis sondern eine Binsenweisheit: nicht rauchen. Nie.

Hast du ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet??

Ilka: „Ich bin Profi.”- Damit habe ich bisher alles durchgestanden und zu einem glücklichen Ende gebracht. Damit konnte ich in jeder noch so heiklen Situation, egal ob beruflich, privat oder persönlich, bisher immer die Contenance wahren. Rumheulen hilft ja nichts. Dann lieber die guten Seiten finden. Jedes Ding hat eine. Das ist vielleicht die Erkenntnis der Über-40er-Jahre. Egal, wie dick es kommt, es ist überall ein bisschen was zum Glücklich sein drin. 

Danke, liebe Ilka, für dieses spannende Gespräch! :-)

***

Mehr spannende Interview mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hier: Click and enjoy!

 
Susanne Ackstaller, Montag, 27. Mai 2013, 09:00 Uhr
Kommentare: 6 | Aufrufe: 7007 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: stilschönheitmodeinterviewilka arndtfrauen über 40
Das könnte auch interessant sein:
Frauen ab 40: Das Montagsinterview mit Dr. Kerstin Hoffmann.
Frauen ab 50: Das Montagsinterview mit Frauke Watson.
Frauen ab 60: Das Montagsinterview mit Etelka Kovacs-Koller.
 

Kommentare

  • Danke, liebe Toni! Ich liebe sie auch - und morgen kommt wieder ganz ein tolles! Mit einer Musikerin ...

    Susi
    am Sonntag, 02. Juni 2013 um 23:36 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich liebe die Montagsinterviews und freu mich immer richtig darauf. Dieses Mal habe ich natürlich vieles aus den Erzählungen meiner Mama wiedererkannt. Richtig toll!

    Toni
    am Sonntag, 02. Juni 2013 um 17:36 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Total spannende Geschichte. Hab sie von Anfang bis Ende regelrecht verschlungen.

    Andrea
    am Donnerstag, 30. Mai 2013 um 11:45 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich finde diesen Pixie-Schnitt auch ganz und gar fabelhaft! :-)))

    Susi
    am Mittwoch, 29. Mai 2013 um 22:02 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe ilka, das ist toll: „Ilka: “Ich bin Profi.”- Damit habe ich bisher alles durchgestanden und zu einem glücklichen Ende gebracht.” und das drüfen/sollen alle sagen, egal wie alt uóder jung sie sind.
    #hach. Schöner Abschluss - und ich kenn das „individuell sein” und nichts auf Label geben. Und das, obwohl es bei uns möglich gewesen wäre. Bei mir entstanden auch viele selbstgenähte Kleider und vor allem dann in der späteren Gymnasialzeit unendlich viele individuelle gestrickte Pullover ;-) - ein paar stücke habe ich immer noch…

    Su Steiger
    am Dienstag, 28. Mai 2013 um 01:20 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Was für eine spannende Coming-of-Age Geschichte, da würde ich doch zu gerne in die Zeitmaschine steigen. Vielleicht wären wir Freundinnen geworden - wie überhaupt mit vielen dieser tollen Montagsfrauen :))
    Einiges ist ja auch ähnlich, ich erinnere mich auch noch sehr gut an meine ersten Nähversuche (karierter Blazer, ja!). Die halbgenähte Jacke lag dann jahrelang im Schrank herum. Und wie stolz war ich auf meinen roten Hosenanzug mit Schlag - aus einem unsäglichen Polyester Waffelstoff, wäre wahrscheinlich heute chic :)

    Auf jeden Fall eine bemerkenswerte Frau und eine veritable Individualistin. Die beiden Mottos: „Ich bin Profi” und „...überall ist ein bißchen Glücklichsein drin” finde ich auch spitze, die haben so eine Mischung aus spitzbübisch und romatisch :)) Und wenn ich mir einen Rat erlauben darf, liebe Ilka, auch unbekannterweise: Mit einen „Pixie-Schnit” (wieso heißt der überhaupt so?) sähest du auch heute SENSATIONELL aus. Bestimmt. Das ist „Außer Atem”!

    Eva Brandecker
    am Dienstag, 28. Mai 2013 um 00:15 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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