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Müsste ich Menschen benennen, die meinen Lebens- und Berufsweg in den letzten mehr als zehn Jahren geprägt haben, dann wäre sie eine davon: Carola Heine.

Seit ich online bin (und das sind ja auch schon ein paar Jährchen), kenne ich Carola aka „Melody”. Denn die Freelance-Autorin und Fachjournalistin für IT & Multimedia ist das, was man gerne als „Urgestein des Internets” bezeichnet. Ihr Moving Target war schon online, als Weblogs noch „Internet-Tagebücher” hießen. Unvergesslich ist mir unsere erste Begegnung, als sie mir - anno 1999 hochschwanger an meiner ersten Website bastelnd - per Mail einen „No-Frames-Browser” schickte (weil „Self-Html” von Stefan Münz dies so vorsah und ich auf der Mailingliste der Webgrrls danach gefragt hatte). Alle meine aktuellen Websites wurden von ihr und ihrem Mann Oliver technisch umgesetzt, von der vielfältigen Inspiration und Beratung ganz abgesehen.

Carola ist außergewöhnlich - anders sind ihre Kraft und ihr Pragmatismus angesichts eines Hausbrandes 2010 plus Stoffwechselerkrankung auch gar nicht zu erklären. Sie ist ein Mensch, den man nicht vergisst, der in Erinnerung bleibt. Eine Frau mit einer intensiven Ausstrahlung und einer unglaublichen Präsenz, die man virtuell ebenso spürt wie im analogen Leben. Durchschnitt ist nicht ihre Stärke - so ist sie als Mensch. So ist ihr Leben. Und so ist ihre Einstellung zu Mode und Schönheit ...


Carola Heine heute. Mit 46.

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert? Welche Stilrichtung bevorzugst du?

Im Laufe meines Lebens hat sich vor allem das Angebot an Mode verändert, die ich von der Stange kaufen kann. Für hochgewachsene mollige Teenager gab es vor 30 Jahren im Grunde fast nur T-Shirts und pulloverähnliche Säcke. Damit war ich nicht glücklich, denn schon damals fand ich es unschön, wenn dickere Mädchen sich als eine Art sportlich-geschlechtsneutraler Kumpel verhüllten, schlimmstenfalls noch mit einem burschikosen Käppi. Das war einfach das exakte Gegenteil von dem, wie ich mich fühlte - schon damals. Also suchte ich früher lange und mühsam nach Sachen, die mir gefielen, und fand in der Schulzeit oft entweder nichts oder nur Kompromisse.

Das änderte sich dann mit meinem ersten annehmbaren Gehalt so richtig, denn damit stieg meine Auswahl schlagartig um mehrere 100% - ich gab eine lange Zeit mein ganzes Geld für Klamotten aus, um alles nachzuholen. Heute gibt es dank Internet ja sowieso ein sehr großes Angebot überall. Während ich in den 90ern noch nach London geflogen bin, um endlich mehr als eine allerletzte Jeans im Laden für meine 115cm Beinlänge zu finden, ist extra lange Mode jetzt überall erhältlich und Übergrößenangebote gibt es bekanntlich von sehr vielen verschiedenen Firmen. „Damals“ gab es fast nur Popken, das war nicht immer einfach, vor allem bei dieser Bein- und Körperlänge und einer Allergie gegen Oma-Blusen. Ich habe vieles anfertigen lassen, das hat wieder andere Nachteile, zum Beispiel die Kosten und man muss eine Schneiderin finden, mit der man sich versteht und die nicht zu konservativ ist.

Lustig finde ich, dass kleinere und schlankere Frauen fast genauso viele Probleme beim Finden perfekt passender Kleidung haben wie durchschnittliche, große, originell gebaute und mollige oder dicke. Die Modeindustrie ist trotz größerem Angebot noch sehr weit von wirklich frauenkörperfreundlicher Mode entfernt.

Früher habe ich also vieles erst entworfen und mir dann nähen lassen, wenn ich ein bestimmtes Kleidungsstück haben wollte, weil mir nichts anderes übrig blieb, wenn ich keine seltsamen riesigen Blumenmuster oder Polyesterstoffe haben wollte, sondern Tuniken aus afrikanischen Stoffen oder einen extra langen Seidenmantel. Mir hat es immer Spaß gemacht, eben nicht so langweilige Sachen zu haben und ich habe hart um meine Entwürfe gekämpft, denn die Schneiderinnen waren oft sehr spießig. Manchmal haben mich wildfremde Frauen auf der Straße angehalten, weil sie unbedingt wissen wollten, wo ich ein bestimmtes Kleid oder exquisites Oberteil gekauft hatte. Genau genommen passiert das immer noch mindestens einmal im Jahr, dass ich auf ein Kleidungsstück angesprochen werde und jemand fragt, wo man das kaufen kann.


Very Neunziger. Very Vamp! ;-)

Leider ist auf dem Bild oben nur ein Stückchen sichtbar: Ein selbst entworfener blutroter Seidenanzug, darunter ein schwarzer Ganzkörper-Spitzenbody (Mitte der 90er).

Besonders einschneidend hat sich meine Einstellung zu Mode verändert, als durch unseren Hausbrand auf einen Schlag fast alles weg war und ich bei 38 Grad im Schatten in einem geretteten blutroten Abendrock aus mehrlagiger Spitze durch die Stadt gelaufen bin, um Behördengänge zu erledigen. Ich habe es gehasst, wie die Leute gafften und lästerten, während ich in Not war und mich um ganz andere Dinge kümmern musste als darum, was irgendwelche Passanten dachten.

Mode macht viel Spaß, keine Frage. Wenn sie aber das Wichtigste im Leben ist oder man andere sogar nach ihr beurteilt, stimmt irgendwas nicht.

Welche Stilrichtung ich bevorzuge … ich glaube, das kommt darauf an, was ich gerade vorhabe. Großflächige Muster wird man bei mir selten oder nie finden, modische Klassiker gibt es sowieso fast nie in meiner Größe. Ringel verkneife ich mir (obwohl ich sie liebe), ich mag leuchtende Farben und soft fallende Stoffe, gern auch viel Dekolleté, für sachliche Anlässe auch schon mal striktes Schwarz-Weiß beinahe hochgeschlossen. (Der Hals muss aber immer frei liegen, sonst ertragen meine Schilddrüse und ich es nicht.) Und ich mag es ganz gerne, dass ich durch einfaches Hochstecken meiner Mähne eine völlig andere Ausstrahlung erzeugen kann.

Hast du ein Lieblingskleidungsstück? Wenn ja, welches? Und warum?

Lange Zeit liebte ich dieses Kleid am meisten, aber momentan fühle ich mich in meinem schwarzen Spitzenkleid (auf dem Bild unten) besonders wohl.


Black Lace.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert?

Gar nicht viel, ehrlich gesagt. Ich war schon immer der Meinung, dass eine gute Ausstrahlung wesentlich mehr zu bedeuten hat als irgendwelche Ideale und habe mich daher auch selten für die so genannte klassische Schönheit interessiert. Diese Lebensphase ab 40 ist einfach eine sehr kraftvolle, sie gefällt mir gut – und es macht ja auch keinen Sinn, sie mit den Teenie-Jahren oder den Zwanzigern zu vergleichen. Irgendwann werde ich vielleicht auch graue Haare kriegen (oder auch nicht, meine tief brünette Mutter hat mit 70 noch keine), aber darüber denke ich nach, wenn es so weit ist.

Älter werden ist zwar nichts für Feiglinge, aber das bin ich ja auch nicht.

Man altert bekanntlich immer phasenweise, und dafür hatte ich wegen Wohnungskauf und Sanierung, Baby, Krankheit, Hausbrand, inzwischen Kindergartenkind wirklich auch gar keine Zeit mehr seit 2006. Wahrscheinlich zerbrösele ich dann in 2020 auf einen Schlag zu Staub :-)

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte? Hast du eine Lieblingsmarke?

Ich glaube an viel Schlaf, viel Wasser, ganz wenig Sonne und halbwegs hochwertige Pflegeprodukte, sorgfältig dosiert (und an ganz viel Hautkontakt und Liebe). Tatsächlich nehme ich seit über dreißig Jahren dieselbe Tagescreme unterm Make-up, nämlich „Silky Way“ der Firma Lady Esther. Für jugendliche Problemhaut, glaube ich. Macht nichts. Pflegt Mischhaut auch dann ganz prima, auch wenn man seit vielen Jahren keine Akne mehr hat.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Nicht wirklich. Viel Schlaf, viel Wasser und wenig Sonne eben – und keine Süßstoffe in der Nahrung, nach Möglichkeit keine Zusatzstoffe, Farbmittel etc. Ich finde: Man sieht gut aus, wenn man sich wohl fühlt. Man fühlt sich wohl, wenn man halbwegs so lebt wie man will. Und wie alt man ist, sollte sowieso ziemlich zweitrangig sein, wenn man so lebt, wie man es will.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet??

Keep calm and carry on.

(Ich hab es mir nicht ausgesucht, es ist mir zugelaufen.)

Danke, dass du dir trotz Post-Hausbrand- und Prä-Umzugsstress Zeit für meine Fragen genommen hast, Carola!

***

Mehr spannende Interview mit spannenden Frauen jenseits der 40 gibt es übrigens hier: Click and enjoy!

 
Susanne Ackstaller, Montag, 12. November 2012, 10:00 Uhr
Kommentare: 13 | Aufrufe: 6240 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews,
 

Kommentare

  • Ich habe das Interview erst am heutigen Mittwoch gelesen und mich darüber gefreut wie über eine leckere Schokolade, die ich unerwartet doch noch nicht aufgegessen und gerade wiedergefunden habe ... vielleicht ein seltsamer Vergleich, aber mir war gerade genau so. Danke für das tolle Interview, liebe Carola - und liebe Susi!

    antje
    am Mittwoch, 14. November 2012 um 14:37 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Es hat mich sehr gefreut und ich lese die Interviews auch stets besonders gerne :-) gute Idee, damit jeweils den Montag zu verschönern.

    Carola
    am Montag, 12. November 2012 um 21:56 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Danke für diese schöne Interview-Reihe, die so viele Facetten bietet. Klasse.

    Andrea
    am Montag, 12. November 2012 um 15:22 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ha, wieder ein wunderbares Interview! Danke Susi, für diese großartige Reihe und danke, Carola (und allen anderen) für die schönen Antworten und Fotos. Ich hätte am Anfang nicht gedacht, dass es so unterschiedliche, vielseitige Antworten zu den Fragen geben könnte. Hab mich sehr getäuscht!

    Julia
    am Montag, 12. November 2012 um 15:02 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • @Annette: Ja, ne?? Ich könnte das auch jeden Tag lesen! So spannend!

    Susi
    am Montag, 12. November 2012 um 13:47 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Schade, dass nicht jeden Tag Montag ist! :-)

    Annette
    am Montag, 12. November 2012 um 13:03 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Schön, mal eine andere Seite von Carola kennenzulernen! Tolles Vamp-Foto. :-) Und noch toller, dass du, liebe Carola, trotz des Schicksals optimistisch geblieben bist und für dein Recht kämpfst!

    Snezana
    am Montag, 12. November 2012 um 11:58 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Ich bewundere es immer wieder, wenn jemand seinen eigenen Stil hat, und diesen konsequent an den Tag liegt. Das sieht so gut aus!

    text-burger
    am Montag, 12. November 2012 um 11:10 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Liebe Susi,
    diese Interviewreihe ist eine der besten Ideen, die du je hattest, finde ich. :)

    Liebe Carola, ich sitze hier und finde besonders bewundernswert, wie du trotz aller Ereignisse so viel Liebe und Güte ausstrahlst. Auch das macht dich sehr besonders.

    Kirstin

    Kirstin
    am Montag, 12. November 2012 um 10:49 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • War mal wieder ein Vergnügen zu lesen!
    Berührende Worte, sehr schöne Fotos - und, wie Michaela schon schrieb, wieder einiges Interessante dazugelernt…

    Jutta
    am Montag, 12. November 2012 um 10:39 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Faszinierend!

    Edith Nebel
    am Montag, 12. November 2012 um 10:37 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Jeden Montag freue ich mich auf das Interview!
    Weil ich auf diese Weise immer noch etwas Neues über viele spannende, großartige Frauen erfahre, die ich ebenfalls kenne - oder nach einem solchen Interview gern kennenlernen würde!

    Danke Susi, für die Idee dieser Interviews!

    Und danke Carola für die, wie immer, gnadenlos gut formulierten Antworten.
    Nebst tollem Fotomaterial!

    Michaela
    am Montag, 12. November 2012 um 10:35 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • „originell gebaute” Frauen - die Formulierung gefällt mir!

    Katja
    am Montag, 12. November 2012 um 10:24 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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