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Wer über 40 ist und Ü40-Blogs liest, wird meinen heutigen Gast vielleicht kennen: Verena Carl. Denn gemeinsam mit zwei weiteren Journalistinnen schreibt sie das Blog 40-something.de (Ihre Mitschreiberin Silke R. Plagge hatte ich bereits zu Gast). Und auch sonst schreibt Verena ziemlich viel: als Journalistin mit Schwerpunkt Familie, Psychologie, Kultur und Reisen für große Zeitschriften und Magazine wie BRIGITTE, ELTERN und MERIAN. Oder als Autorin und Schriftstellerin (auch unter dem Namen Janna Hagedorn) von 15 Fachbüchern, Romanen und Kindernbüchern in den letzten 17 Jahren.

„Ich habe reichlich Umwege gemacht“, sagt Verena über sich und ihr Leben. Und ergänzt: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis.“ So hat sie ein BWL-Studium abgeschlossen, bevor sie merkte, dass Schreiben ihre Berufung ist (kommt mir irgendwie bekannt vor ... ;-)), dann noch eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule gemacht, sie ist Freiburg geboren, lebt heute in Hamburg, und dazwischen in München, Sevilla und New York.

Und heute ist sie hier, bei mir im Montagsinterview, dem ersten für diese „Saison“. Ich freue mich sehr!


Journalistin und Autorin Verena Carl im Montagsinterview bei Texterella

Verena Carl, 46. (Foto: Dierk Hagedorn)

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Mit Mode geht es mir so wie mit anderen Trends auch: Sie ist eine herrliche Spielzeugkiste, aus der ich mich bedienen kann, aber nicht muss. Sprich: Während ich gerade in meiner Teeniezeit ängstlich bedacht war, auch ja das Richtige zu tragen, um zur angesagten Popperclique in meiner Klasse zu gehören (klappte trotzdem nie so richtig!), habe ich heute eine wunderbar selbstherrliche Attitüde: Hey, Mode, was kannst du gerade für mich tun? Und das, was du mir da gerade anbietest, das ist nicht dein Ernst, oder? Früher fühlte ich mich in der Umkleidekabine eher wie in einer Bewerbungssituation (gehen meine drallen Oberschenkel so gerade noch durch oder nicht?), heute dürfen sich die Klamotten bei mir bewerben statt ich mich bei ihnen. Fühlt sich gut an.

Was ist für dich Stil? Und was ist dein Stil? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert?

Stil bedeutet für mich, wenn Menschen es schaffen, ein stimmiges Gesamtbild abzugeben – mit dem, wie sie sich kleiden, wie sie wohnen, was sie essen, lesen, welche Musik sie hören. Dabei geht es mir nicht um ein möglichst glattes Erscheinungsbild, sondern eher um die Frage: Hat da jemand zu sich gefunden und drückt es auf verschiedene Weisen aus, oder läuft er einem Bild hinterher, das er sich von sich selbst macht, das aber vielleicht gar nicht realistisch ist?

Mein Stil? Ich würde sagen: Boho meets Bildungsbürger meets Fußballplatzmama!

Ich glaube, wenn man jünger ist, ist man leichter zu beeinflussen und das sieht man auch optisch an einem Zickzackkurs. Ich werde nie vergessen, wie ich 1986 in England auf einmal kurzzeitig meine Liebe für düstere Gothic-Music entdeckte und mir prompt ein paar passende Pseudo-Schlangenlederschuhe mit Schnallen dran kaufte, die ich aber zu den pastellfarbenen Hosen meiner Popper-Zeit trug. Denn eine schwarze hatte ich einfach nicht. Kein cool kalkulierter Stilbruch, sondern einfach nur gewollt und nicht gekonnt.


Verena Carl 2015

2015.


Heute ist mein Kleidungsstil klassischer (ohne konservativ zu sein) und ich trage meine Lieblingsteile häufig jahrelang. Deshalb kaufe ich auch gerne Labels wie BODEN oder COS, bei denen das gut möglich ist. Mehr Geld als früher gebe ich für Mode nicht aus, aber das einzelne Teil darf auch mal etwas teurer sein. Als Home-Office-Mutter habe ich ja auch nicht so viel Gelegenheit, Modespaß auszuleben, da darf es sich ruhig auch mal lohnen, wenn mehr Leute mich zu Gesicht bekommen als der Bäcker und die Erzieher meiner Kinder. Und: Ich habe mich mit meinen weiblichen Rundungen (Größe 40/42) angefreundet und versuche mich nicht mehr an Teilen, die das unvorteilhaft betonen, sondern trage gerne weibliche Kleider, schwingende Röcke….

Hast du ein Lieblingskleidungsstück?

Das ist genau wie die Frage nach „dem“ Lieblingsbuch sehr schwer zu beantworten, denn das hängt von Stimmung, Anlass, Jahreszeit ab – aber ich liebe Teile, die man ganz unterschiedlich kombinieren kann (wie man es aus Modemagazinen kennt: alltagstauglich mit Jeans, ausgehtauglich mit Schmuck und High Heels). Das geht sehr gut mit schlichten, einfarbigen Kleidern, die sich mit Schals, Ketten, Strickmänteln, Stiefeletten oder Pumps verschieden aufmotzen lassen, aber ich liebe zum Beispiel auch den schwarzweißen Poncho oben von einem bekannten schwedischen Billiglabel.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Auch da würde ich sagen, ich bin mehr selbst bei mir angekommen und stehe mehr zu mir denn je. In meinen Teenie-Jahren, aber auch noch in meinen Zwanzigern, habe ich immer gehadert: Erst zu viele Pickel und Po zu dick, diese fisseligen Haare auf dem Kopf, die kräftigen Beine….ich war eben nie der Typ, bei dem die Männer reihenweise in Ohnmacht gefallen wären, und musste das schon immer mit Witz und Charme kompensieren. Was wiederum gar nicht so einfach ist, wenn das Selbstbewusstsein unter unrealistischen Schönheitsidealen genau so wie unter realen Beautys neben sich an der Bar oder im Hörsaal leidet.


Verena Carl 2004

2004.


Heute kann ich sagen: Ich bin schön, wenn ich will, aber ich muss es nicht mehr sein, um jemandem etwas zu beweisen. Oder gar, um Männer zu beeindrucken. Ich glaube tatsächlich, dass Frauen in meinem Alter, die in jungen Jahren sehr, sehr attraktiv waren, es jetzt schwerer haben, wenn sie merken: Die Mechanismen von früher ziehen nicht mehr, sie können mit kokettem Augenaufschlag nicht mehr automatisch jeden dazu bringen, ihnen den Koffer zu schleppen oder ihnen die Steuererklärung zu machen. Ich konnte diesen Beauty-Joker auch mit 20 nicht ziehen, und deshalb muss ich auch jetzt nicht umlernen. Ist das nicht angenehm?

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Ich mag die Texturen, den Duft teurer Kosmetik und kann für tolle Marken wie Biodroga und Shiseido gelegentlich durchaus viel Geld ausgeben, weil ich den Eindruck habe, mich selbst damit zu verwöhnen, mich zu belohnen, mir etwas Gutes zu tun. Allerdings kenne ich auch Studien, die nachweisen, dass ernsthafte Faltenreduktion und Straffung mittels Beauty-Produkten eher frommer Wunsch sind als Wirklichkeit. Bei dekorativer Kosmetik finde ich den Unterschied zwischen billig und teuer allerdings sehr sicht- und spürbar, da greife ich eher zur Edelvariante.

Du bist auf Reisen und hast deine Waschbeutel vergessen. Zahnpasta und Seife gibt es im Hotel. Auf welche drei (Kosmetik-)Produkte kannst du keinesfalls verzichten und kaufst sie sofort ein?

Eine simple Tagescreme, die ich dann auch nachts verwende, ist ja nur für kurze Zeit – zum Beispiel von Nivea. Darüber die getönte Tagespflege „Perfect Hydrating BB Creme“ von Shiseido und den Concealer von Yves Saint Laurent. Oder habe ich den separat in meinem Schminktäschen? Wenn ja, dann bitte noch eine kleine Tube Gel für meinen Haaransatz, z.B. von L’Oreal.

Verena Carl 2000

2000.

Würdest du dich für die Schönheit unters Messer legen? Oder Botox, Filler etc. nutzen?

Niemals, jamais, nunca, never. Vielleicht habe ich in dieser Hinsicht auch gut reden, denn ich bin ohne viel eigenen Verdienst immer noch relativ faltenfrei – aber trotzdem: Die Haut ist für mich die Grenze! Ich finde es bedenklich, ja fast schon pervers, mit welcher Selbstverständlichkeit Frauen (und auch Männer) die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie nutzen und damit auch Druck aufbauen: Wie, du läufst mit deinen Tränensäcken rum, das muss doch nicht sein, da kann man doch was machen lassen. Ein wirklich unangenehmer Auswuchs der allgegenwärtigen Selbstoptimierung.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Schlafen. Das macht für mich den allergrößten Unterschied: Nach weniger als 7 oder 7,5 Stunden sehe ich deutlich älter, abgekämpfter und schlaffer aus als wenn ich genügend Ruhe bekomme. Auch wenn es oft schwer zu realisieren ist. Immer wenn es geht, nehme ich noch einen kurzen Power-Nap am Nachmittag dazu. Die Vorzüge der Heimarbeit – da ist das Bett nicht weit!

Was ist für dich die größte Herausforderung am Älterwerden? Und die schönste Überraschung?

Bisher erlebe ich das Älterwerden selbst noch nicht als Herausforderung und habe nicht den Eindruck, weniger gefragt zu sein, weder beruflich noch privat. Hart und traurig ist es, zu sehen, dass altersbedingt die Einschläge näher kommen – dass zum Beispiel schon jetzt, in den Vierzigern, einige gleichaltrige Freundinnen an Krebs erkrankt waren. Gottseidank haben bisher alle die Krankheit gut überwunden, aber die eigene Verletzlichkeit wird einem schon bewusster als in den 20ern und 30ern.

Die schönste Überraschung? Vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der man ab und zu an sein altes Leben anknüpfen kann, mit 46. Vielleicht nicht mehr die ganze, aber doch mal die halbe Nacht durchfeiern, in lauten Bars rumstehen und sich ins Ohr brüllen wie früher, ohne dass irgendwer komisch guckt und sich fragt: Was machen die Omas denn hier?

Verena Carl 1989

1989.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Als ich ein Teenager war, durfte ich mit meiner Schulklasse nach Paris reisen. Ich weiß noch wie heute, wie ich auf dem Eiffelturm stand und diesen überwältigenden, widersprüchlichen Eindruck hatte: einerseits völlig unwichtig und klein und nichtig zu sein angesichts des Lichtermeers der Millionenstadt unter mir, und andererseits auch die Königin der Welt, weil nur ich in diesem Moment an diesem Platz stehen und das alles sehen durfte. Dieses Gefühl hat mich nie verlassen, und ich glaube, es ist gut, wenn man diesen Tanz beherrscht: zu wissen, wie unwichtig und wichtig man gleichzeitig ist.

Liebe Verena, danke, dass du dabei warst. Und für dein wundervolles Eiffelturm-Mantra! Wichtig und unwichtig zu gleich ... ja, so empfinde ich mein Leben auch. :-)

***

Hier gibt es noch mehr spannende Interviews mit spannenden Frauen über 40, 50, 60 und über 70.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 10. Oktober 2016, 06:00 Uhr
Kommentare: 2 | Aufrufe: 3806 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, | Tags: verena car.stilschönheitmontagsinterviewmodefrauen ab 40älter werden
Das könnte auch interessant sein:
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Frauen ab 40: Das Montagsinterview mit Ingrid Heuser.
 

Kommentare

  • Habe die Montagsinterviews schon vermisst. Aber das Warten hat sich gelohnt - gleich ein Blog, das ich noch nicht kannte (keine Ahnung, wie das passieren konnte) in den Feedreader gepackt. ;)

    LG Anna

    Anna
    am Montag, 10. Oktober 2016 um 10:01 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

  • Eins der schönsten Interviews hier, wobei die immer schön sind, aber das ist habe ich besonders gerne gelesen.

    Viele Grüße!
    Christine

    Christine Finke
    am Montag, 10. Oktober 2016 um 09:21 Uhr

    Auf diesen Kommentar antworten

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