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Was für ein spannender Lebenslauf! Ein wenig erinnert mich die Vita von Susanne Graue an meine eigene krude Mischung aus Geschäftsberichtstexterei, Modebloggerin und Kolumnenschreiberin – nur ganz anders!

Aber von Anfang an: Susanne ist im Ruhrgebiet geboren, bei München aufgewachsen, hat – nach einem Jahr Edinburgh – in Bremen Lehramt für Deutsch und Geschichte studiert und bereits während ihre Studiums in Boutiquen gejobbt. Nach dem Examen folgte eine Ausbildung zur Lerntherapeutin, in diesem Beruf arbeitete Susanne auch – doch: „Ich konnte mich nicht zwischen der Pädagogik und meiner Liebe zum Verkauf entscheiden!“ Schließlich machte sie sich mit einer Firma für hochwertige Accessoires selbstständig – bis die Sehnsucht nach Weißblau sie mit Mitte 40 von Bremen nach München zurückverschlug, samt Familie und Pipapo. Hier in München hat sich Susanne dann ganz dem Verkauf verschrieben: Sie arbeitet für ein sehr bekanntes, exklusives Kaufhaus in München und unterstützt eine befreundete Schmuckdesignerin bei der Vermarktung ihres Schmucklabels Scarabina.

Susanne Graue mit schwarzem Blazer

Susanne Graue, 48. (Foto: Thomas Schuster)

Und heute ist sie hier, um ein wenig über das Thema Mode zu plaudern. Ich freue mich!

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Mode ist ein Thema, das mich begleitet, seitdem ich ein Teenager bin. Aber eigentlich auch schon vorher, denn als Kind habe ich mich leidenschaftlich gerne verkleidet, bin in die unterschiedlichsten Rollen geschlüpft und die Kleidung hat mir geholfen, mich in meiner Fantasiewelt auszuleben. Mode ist ein Spiel der jeweiligen Zeit und lange habe ich es gerne mitgemacht.

Schon früh habe ich mir von meinem spärlichen Taschengeld Magazine wie die Vogue oder Harper´s Bazaar gekauft. Die Welt des Glamours, der Roben und opulenten Styles übte eine große Faszination auf mich aus. Vielleicht ein Kontrapunkt zum Lifestyle der 70er Jahre, der auch in meinem aufgeklärten und experimentierfreudigen Elternhaus Einzug hielt.

Susanne Graue im cremefarbenen Poncho

2016.


Ich verfolge Mode seit meinem 13. Lebensjahr. Viele unterschiedliche Strömungen haben Einzug in meinen Kleiderschrank gehalten: Die Popper waren ein wenig mein modisches Erwachen, denn England war cool und der Look herrlich dandyhaft (ein kleiner modischer Skandal in dem bayrischen Dorf, in dem wir damals wohnten. Ich trug Karottenhosen im Tartanmuster, ein Sweatshirt und die ersten Puma-Sneaker in Knallrot mit weißer Sohle. Meine damals noch im Hippielook schwelgende Mutter gab nach ...). Dann der teils maskuline Stil der 80er und der Street-Style der Techno-/House-Ära in den 90ern. Als die ersten Feinripp-Tanktops und Unterhosen von Calvin Klein in Deutschland Einzug hielten, schlug ich zu ...

Dann gab es eine Zeit, in der ich mich schwer tat, persönlich und modisch. Unglückliche Beziehungen und ein schwankendes Gewicht trugen nicht unbedingt zu meinem inneren und modischen Gleichgewicht bei. Einzig bei den Schuhen zeigte ich meinen persönlichen Stil, denn ich arbeitete neben meinem Studium in einer Schuhboutique und saß an einer kleinen Quelle des Glücks.

Geheiratet habe ich in Rot-Schwarz. Ich war schwanger und das Unschuldsweiß schien mir albern und nicht passend, also lieber gleich die Farbe der Sünde. Als junge Mutter hat mir Mode geholfen, mein Ich nicht völlig zwischen Windeln und dem täglichen Kleinkindwahnsinn zu verlieren. Dennoch waren auch unnötige Käufe die Folge und der Kleiderschrank wurde zum Klamottengrab.

Mit unserem Umzug und einem befreienden Tag des Ausmistens, der einem Prozess des inneren Aufräumens folgte und einen nahezu leeren Kleiderschrank hinterließ, befand ich für mich, dass mich das Mitschwingen mit modischen Strömungen zunehmend anstrengte und stresste. Und es entsprach auch nicht mehr meinem Stil. Oder anders gesagt: Aus Mode wurde Stil, nämlich meiner eigener.

Susanne Graue in Grün und mit Sonnenbrille

2015.

Was ist für dich Stil? Und was ist dein Stil? Welche Stilrichtung bevorzugst du? Hast oder hattest du modische Vorbilder?

Stil ist der unverwechselbare äußere Ausdruck eines Menschen, der seine Persönlichkeit zum Glänzen bringt, ohne dass er einem modischen Diktat unterworfen ist. Hier sind natürlich die Grenzen fließend. Ich kenne Menschen, die modische Strömungen in ihr Leben integrieren und mit Bravour für sich immer wieder neu interpretieren. Und es gibt diejenigen, die ihren ganz eigenen Stil gefunden haben. Stil wird gewissermaßen zum äußeren Markenzeichen der- oder desjenigen. Und man merkt ziemlich schnell, ob der jeweilige Stil ein äußeres Erkennungsmerkmal für Gleichgesinnte darstellen soll oder ob es wirklich einem inneren Bedürfnis entspricht. Es mögen die Bluse und der Bleistiftrock der Frau, das Jacket und das Einstecktuch (ich bin dessen größter Fan!!) beim Mann noch so perfekt sitzen – wenn ein Stil nicht mit eigenem Leben gefüllt wird, dann bleibt man das Abziehbild eines Looks.

Mein eigener Stil hatte sich eigentlich schon in den zwei Jahren vor unserem Umzug nach München herauskristallisiert, und er war sehr simpel: eine gut sitzende Jeans, ein simples T-Shirt oder eine perfekt geschnittenen Bluse, ein Blazer und tolle Schuhe – that´s it. Für mich gilt: Spare nie am Friseur und an den Schuhen! Der Rest dazwischen kann noch so gut aussehen, aber eine schlecht sitzende Friseur und/oder unpassende Treter versauen den Look.

Mit meinem eigenen Stil verschwand auch immer mehr das Bedürfnis, Modezeitungen zu lesen. Das Bedürfnis, zu kaufen, sowohl was Kleidung als auch dekorative Kosmetik angeht, wurde weniger. Mein eigener Stil entspannte mich zunehmend.

Ich liebe das Zitat von Iris Apfel, meiner absoluten Style-Ikone, da sie in jedem Alter so unverwechselbar sie selbst ist: „Fashion you can buy, but style you possess.“

Hast du ein Lieblingskleidungsstück?

Jeans, Blazer und gute Schuhe. In wechselnder Reihenfolge, aber alle unverzichtbar für mich. Abgewetzte Blazer hebe ich noch für die Gartenarbeit oder Wanderungen auf, denn es gibt für mich kaum ein schlimmeres Wort als „Funktionskleidung“! Unsere Vorväter und -mütter haben auch wunderschöne Gärten angelegt und die Natur genossen, ohne dabei in uniformierter Hightech-Kleidung die Umwelt unsicher zu machen. Der Hochsommer allerdings ist immer eine große Herausforderung für mich, denn dann muss ich auf luftige Kleider umsteigen und hier gibt es wenig, was mir entspricht.

Susanne Graue mit Sektglas

2015.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Etwas wehmütig stimmt es mich, wenn ich heute junge Menschen betrachte, ich durch sie meine eigene Jugendzeit reflektiere und feststelle, wie belastend ich diese Zeit häufig empfunden habe. Eine Zeit, die man eigentlich unbeschwert erleben sollte! Die Herausforderungen sind mir und meinem Leben weiß Gott nicht ausgegangen. Aber die Freiheit, mit der ich heute mein Leben gestalte, habe ich mir erst in den letzten Jahren erarbeitet. Und eben auch einige Falten mehr. Aber mit dieser Freiheit stellte sich natürlich auch eine größere Sicherheit ein. Diese Sicherheit wiederum lässt mich zufrieden sein mit meinem Äußeren – ich würde sogar sagen, dass ich mich noch nie so wohl gefühlt habe mit mir und meinem Äußeren wie jetzt. Und das hat nichts mit Perfektion zu tun. Die Dinge sind ja sowieso ständig im Wandel, nichts lässt sich festhalten, auch nicht das eigene Aussehen. Also erscheint es mir am Vernünftigsten, für sich selbst ein Mischung aus Akzeptanz, ein wenig Mühe und Selbstfürsorge anzuwenden und darüber hinaus genau das zu tun, was einem Spaß macht und einen in der eigenen Entwicklung weiterbringt.

Ich habe meinen Stil gefunden und darüber bin ich sehr froh, denn ich muss mir keine großen Gedanken mehr darübermachen, was ich anziehe. Mein Kleiderschrank ist mehr als übersichtlich und das macht die Auswahl einfach.  Ich lege Wert auf mein Äußeres und ich freue mich, wenn andere Menschen das für sich genauso sehen. Und so finde ich auch die Menschen am interessantesten, die ihren eigenen Stil zum Ausdruck bringen, wobei dieser nicht meinem Geschmack entsprechen muss! Er drückt sich in meinen Augen auch in keinem Label-Look aus (obwohl ich durchaus empfänglich für ein Chanel-Jäckchen wäre ...), sondern in der ganz persönlichen Ausdrucksweise eines Menschen, wenn er im Einklang mit seinem Inneren und Äußeren ist.

Hinzu kommt: Stil ist keine Verpflichtung. Es ist ein Spiel, in meinen Augen ein sehr angenehmes. Obwohl ich persönlich eher einen klassischen Stil lebe, mag ich bei anderen durchaus die Extreme. Letztens kam beim Lunch ein junges Pärchen ins Restaurant. Er war bis zum Hals tätowiert und stark gepierct. Es war sein Style, er schien glücklich mit seiner Liebsten und das gefällt mir 1000-mal mehr als alles Angepasste! Und so verwundert es vielleicht auch nicht, dass die Bandbreite meiner modischen Ikonen von Cindy Crawford, Inès de la Fressange bis hin zu Iris Apfel, Diana Vreeland oder Michelle Obama reichen. Letztere verbindet für mich auf sensationelle Weise alles: Klugheit, Charisma, Schönheit und Style!

Zur Kosmetik: Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Ich glaube nur zu gerne an die Versprechungen moderner Produkte, allerdings müssen sie zu 100 Prozent aus natürlichen Rohstoffen bestehen. Das gleiche gilt für dekorative Kosmetik. Ich muss aber auch zugeben, dass ich in den Zeiten, in denen der Geldbeutel etwas schmaler ist und ich auf Bioprodukte aus dem Drogeriemarkt zurückgreife, meine Haut auch nicht anders aussieht. Wenn die Zeiten dann wieder rosiger sind, erliege ich wieder den teureren Verheißungen.

Susanne Graue: Hochzeit in Schwarz-Rot

1998.

Würdest du dich für die Schönheit unters Messer legen? Oder Botox, Filler etc. nutzen?

Als ich jung war, habe ich jegliche operativen Eingriffe grundsätzlich vollmundig abgelehnt. Inzwischen wäre ich mir da nicht mehr so sicher. Aber letztendlich bin ich ein großer Schisser, was operative Eingriffe angeht – also würde es wahrscheinlich daran scheitern. Definitiv lehne ich Botox ab, da es einen lebendigen Gesichtsausdruck unmöglich macht. Ich lache sehr gerne und viel und das mit meinem ganzen Gesicht und Körper. Da möchte ich keine Barrieren auf der Stirn.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis?

Nein. Sonst wäre ich vielleicht schon Millionärin. Definitiv stehen bei mir immer eine gründliche Gesichtsreinigung auf dem Kosmetikplan, das Eincremen mit einer gut riechenden Körperlotion und Schminken. Zwar habe ich netterweise noch sehr wenig Falten, jedoch ist meine Haut sehr blass, ich habe kaum eigene Lippenfarbe – ungeschminkt sehe ich aus, als litt ich unter extremen Schlafentzug.

Darüber hinaus sind alle Rituale, die mich in eine „innere Mitte“ bringen könnten, an mir vorbeigezogen: Ich detoxe nicht, betreibe keinen Sport und mache kein Yoga. Ich bewundere jeden, der sich zu solchen Aktivitäten aufraffen kann. Allein – ein Ritual halte ich eisern ein: Jeden Morgen nach dem Aufstehen mache ich eine Viertelstunde Gymnastik, ganz altmodisch. Denn die Schwerkraft siegt auch bei mir und so beuge ich den schlimmsten Abschlaffungen vor.

So banal es auch klingen mag und obwohl 1000-fach zitiert: Es sind innere Werte, gelebte Haltungen, die man nach Außen spiegelt und die einen Menschen attraktiv machen. Fühle ich mich schön, dann bin ich es auch. Fühle ich mich unwohl, dann hilft auf Dauer auch keine attraktive Fassade.

Was ist für dich die größte Herausforderung am Älterwerden? Und die schönste Überraschung?

Das Leben bietet einem in jedem Alter mannigfaltige Herausforderungen. Die schönste Überraschung daran ist, dass ich mit dem Alter viel besser damit umgehen kann. Ich bleibe stabiler und interessanterweise auch leistungsfähiger.


1979.

Dadurch, dass ich den Mut gefunden habe, mir meine Sehnsucht zu erfüllen und wieder nach München zurückzukehren, fühle ich mich – trotz aller Schwierigkeiten – so lebendig wie nie. Dadurch fühle ich mich in mir wohl und bin mit mir und meinem Äußeren zufrieden. Natürlich schreie ich nicht „hurra!“, wenn ich eine neue Delle oder Falte entdecke, aber ich möchte keine Lebenszeit mit dem Ablehnen des Unvermeidlichen verschwenden: dass die Jugend definitiv vorbei ist und ich nicht jünger werde. Mein größtes Vorbild ist dabei meine Mutter: Seit Jahren pflegt sie einen unverwechselbaren Stil, sodass sie mit ihren 77 Jahren häufig auf der Straße von wildfremden Menschen auf ihre ganz individuelle Elleganz angesprochen wird.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Immer in Bewegung bleiben, viel Denken, viel Lachen, sich mit Menschen austauschen und offen bleiben für alle Veränderungen. Und ganz wichtig: Dankbar sein. Nicht nörgeln und nicht schlecht über andere reden. Das hat Stil!

Danke fürs Dabei sein, liebe Susanne! Und für den tollen Ausdruck „Klamottengrab”! So eines habe ich auch im Schlafzimmer ... ;-))

***

Hier gibt es noch mehr spannende Interviews mit spannenden Frauen über 40, 50, 60 und über 70.

 
Susanne Ackstaller, Montag, 24. Oktober 2016, 06:00 Uhr
Kommentare: 5 | Aufrufe: 2565 | Kategorie: Meinungen, Frauen ab 40/50/60, Interviews, | Tags: stilschönheitmontagsinterviewmodefrauen ab 40anti-agingälter werden
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